BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Novalis

1772 - 1801

 

Hymnen an die Nacht

 

Handschrift 1799

 

Textgrundlage:

Novalis, Schriften. Die Werke Friedrich von Hardenbergs,

hrsg. von Paul Kluckhohn und Richard Samuel.

Historisch-kritische Ausgabe. Band 1: Das dichterische Werk.

Stuttgart: Kohlhammer 1976

 

______________________________________________________________________________

 

 

 

[Hymnen an die Nacht]

 

[1.]

Welcher Lebendige,

Sinnbegabte,

Liebt nicht vor allen

Wundererscheinungen

5

Des verbreiteten Raums um ihn

Das allerfreuliche Licht –

Mit seinen Stralen und Wogen

Seinen Farben,

Seiner milden Allgegenwart

10

Im Tage.

Wie des Lebens

Innerste Seele

Athmet es die Riesenwelt

Der rastlosen Gestirne

15

Die in seinem blauen Meere

schwimmen,

Athmet es der funkelnde Stein,

Die ruhige Pflanze

Und der Thiere

Vielgestaltete,

20

Immerbewegte Kraft –

Athmen es vielfarbige

Wolken u[nd] Lüfte

Und vor allen

Die herrlichen Fremdlinge

25

Mit den sinnvollen Augen

Dem schwebenden Gange

Und dem tönenden Munde.

Wie ein König

Der irrdischen Natur

30

Ruft es jede Kraft

Zu zahllosen Verwandlungen

Und seine Gegenwart allein

Offenbart die Wunderherrlichkeit

Des irrdischen Reichs.

35

Abwärts wend ich mich

Zu der heiligen, unaussprechlichen

Geheimnißvollen Nacht –

Fernab liegt die Welt,

Wie versenkt in eine tiefe Gruft

40

Wie wüst und einsam

Ihre Stelle!

Tiefe Wehmuth

Weht in den Sayten der Brust

Fernen der Errinnerung

45

Wünsche der Jugend

Der Kindheit Träume

Des ganzen, langen Lebens

Kurze Freuden

Und vergebliche Hoffnungen

50

Kommen in grauen Kleidern

Wie Abendnebel

Nach der Sonne,

Untergang.

Fernab liegt die Welt

55

Mit ihren bunten Genüssen.

In andern Räumen

Schlug das Licht auf

Die lustigen Gezelte.

Sollt es nie wiederkommen

60

Zu seinen treuen Kindern,

Seinen Gärten

In sein herrliches Haus?

Doch was quillt

So kühl u[nd] erquicklich

65

So ahndungsvoll

Unterm Herzen

Und verschluckt

Der Wehmuth weiche Luft,

Hast auch du

70

Ein menschliches Herz

Dunkle Macht?

Was hältst du

Unter deinem Mantel

Das mir unsichtbar kräftig

75

An die Seele geht?

Du scheinst nur furchtbar –

Köstlicher Balsam

Träuft aus deiner Hand

Aus dem Bündel Mohn

80

In süßer Trunkenheit

Entfaltest du die schweren Flügel

des Gemüths.

Und schenkst uns Freuden

Dunkel und unaussprechlich

Heimlich, wie du selbst, bist

85

Freuden, die uns

Einen Himmel ahnden lassen.

Wie arm und kindisch

Dünkt mir das Licht,

Mit seinen bunten Dingen

90

Wie erfreulich und gesegnet

Des Tages Abschied.

Also nur darum

Weil die Nacht dir

Abwendig macht die Dienenden

95

Säetest du

In des Raums Weiten

Die leuchtenden Kugeln

Zu verkünden deine Allmacht

Deine Widerkehr

100

In den Zeiten deiner Entfernung.

Himmlischer als jene blitzenden Sterne

In jenen Weiten

Dünken uns die unendlichen Augen

Die die Nacht

105

In uns geöffnet.

Weiter sehn sie

Als die blässesten

Jener zahllosen Heere

Unbedürftig des Lichts

110

Durchschaun sie die Tiefen

Eines liebenden Gemüths,

Was einen höhern Raum

Mit unsäglicher Wollust füllt.

Preis der Weltköniginn,

115

Der hohen Verkündigerinn

Heiliger Welt,

Der Pflegerinn

Seliger Liebe

Du kommst, Geliebte –

120

Die Nacht, ist da –

Entzückt ist meine Seele –

Vorüber ist der irrdische Tag

Und du bist wieder Mein.

Ich schaue dir ins tiefe dunkle Auge,

125

Sehe nichts als Lieb u[nd] Seligkeit.

Wir sinken auf der Nacht Altar

Aufs weiche Lager –

Die Hülle fällt

Und angezündet von dem warmen

Druck

130

Entglüht des süßen Opfers

Reine Glut.

 

 

[2.]

Muß immer der Morgen

wiederkommen?

Endet nie des Irrdischen Gewalt?

Unselige Geschäftigkeit verzehrt

135

Den himmlischen Anflug der Nacht?

Wird nie der Liebe geheimes

Opfer

Ewig brennen?

Zugemessen ward

Dem Lichte Seine Zeit

140

Und dem Wachen –

Aber zeitlos ist der Nacht

Herrschaft,

Ewig ist die Dauer des Schlafs.

Heiliger Schlaf!

Beglücke zu selten nicht

145

Der Nacht Geweihte –

In diesem irrdischen Tagwerck.

Nur die Thoren verkennen dich

Und wissen von keinem Schlafe

Als den Schatten

150

Den du mitleidig auf uns wirfst

In jener Dämmrung

Der wahrhaben Nacht.

Sie fühlen dich nicht

In der goldnen Flut der Trauben

155

In des Mandelbaums

Wunderöl

Und dem braunen Safte des Mohns.

Sie wissen nicht

Daß du es bist

160

Der des zarten Mädchens

Busen umschwebt

Und zum Himmel den Schoos

macht –

Ahnden nicht

Daß aus alten Geschichten

165

Du himmelöffnend entgegentrittst

Und den Schlüssel trägst

Zu den Wohnungen der Seligen,

Unendlicher Geheimnisse

Schweigender Bote.

 

 

[3.]

Einst, da ich bittre Thränen vergoß –

Da in Schmerz aufgelößt meine Hoffnung zerrann

und ich einsam stand an dem dürren Hügel, der in engen

dunkeln Raum die Gestalt meines Lebens begrub, Einsam,

wie noch kein Einsamer war, von unsäglicher Angst ge-

175

trieben, Kraftlos, nur ein Gedanken des Elends noch, –

Wie ich da nach Hülfe umherschaute, Vorwärts nicht könnte

und rückwärts nicht – und am fliehenden, verlöschten Leben

mit unendlicher Sehnsucht hing – da kam aus blauen Fernen,

Von den Höhen meiner alten Seligkeit ein Dämmrungs Schauer –

180

Und mit einemmale riß das Band der Geburt, des

Lichtes Fessel – Hin floh die irrdische Herrlichkeit und

meine Trauer mit ihr. Zusammen floß die Wehmuth

in eine neue unergründliche Welt – Du Nachtbegei-

sterung, Schlummer des Himmels kamst über mich.

185

Die Gegend hob sich sacht empor – über der Gegend

schwebte mein entbundner neugeborner Geist. Zur Staubwolke

wurde der Hügel und durch die Wolke sah ich die

verklärten Züge der Geliebten – In Ihren Augen

ruhte die Ewigkeit – ich faßte ihre Hände und die

190

Thränen wurden ein funkelndes, unzerreißliches

Band. Jahrtausende zogen abwärts in die Ferne,

wie Ungewitter – An ihrem Halse weint ich dem

neuen Leben entzückende Thränen. Das war der

Erste Traum in dir. Er zog vorüber aber sein Abglanz

195

blieb der ewige unerschütterliche Glauben an den

Nachthimmel und seine Sonne, die Geliebte.

 

 

[4.]

4. Sehnsucht nach dem Tode. Er saugt an mir. 5. Xstus. Er hebt den

Stein v[om] Grabe.

 

Nun weiß ich wenn der lezte Morgen seyn wird – wenn

200

das Licht nicht mehr die Nacht und die Liebe scheucht, wenn

der Schlummer ewig, und nur Ein unerschöpflicher Traum seyn

wird. Himmlische Müdigkeit verläßt mich nun nicht wieder.

Weit und mühsam war der Weg zum heilgen Grabe und das

Kreutz war schwer. Wessen Mund einmal die krystallene

205

Woge nezte, die gemeinen Sinnen unsichtbar, quillt

in des Hügels dunkeln Schoos, an dessen Fuß die irrdische

Flut bricht, wer oben stand auf diesem Grenzgebürge der Welt und

hinüber sah, in das neue Land, in der Nacht Wohnsitz,

Warlich der kehrt nicht in das Treiben der Welt zurück,

210

in das Land, wo das Licht regiert und

ewige Unruh haußt. Oben baut er sich Hütten

Hütten des Friedens, sehnt sich und liebt, schaut hinüber,

bis die willkommenste aller Stunden hinunter ihn

in den Brunnen der Quelle zieht. Alles Irrdische

215

schwimmt oben auf und wird von

der Höhe hinabgespült, aber was Heilig ward durch

der Liebe Berührung rinnt aufgelößt in verborg-

nen Gängen auf das jenseitige Gebiet, wo es, wie

Wolken sich Mit entschlummerten Lieben mischt.

 

 

220

Noch weckst du,

Muntres Licht,

Den Müden zur Arbeit –

Flößest fröliches Leben mir ein.

Aber du lockst mich

225

Von der Errinnerung

Moosigen Denkmal nicht.

Gern will ich

Die fleißigen Hände rühren

Überall umschauen

230

Wo du mich brauchst,

Rühmen deines Glanzes

Volle Pracht

Unverdroßen verfolgen

Den schönen Zusammenhang

235

Deines künstlichen Wercks

Gern betrachten

Den sinnvollen Gang

Deiner gewaltigen

Leuchtenden Uhr,

240

Ergründen der Kräfte

Ebenmaaß

Und die Regeln

Des Wunderspiels

Unzähliger Räume

245

Und ihrer Zeiten.

Aber getreu der Nacht

Bleibt mein geheimes Herz

Und ihrer Tochter

Der schaffenden Liebe.

250

Kannst du mir zeigen

Ein ewigtreues Herz?

Hat deine Sonne

Freundliche Augen

Die mich erkennen?

255

Fassen deine Sterne

Meine verlangende Hand?

Geben mir wieder

Den zärtlichen Druck?

Hast du mit Farben

260

Und leichten Umriß

Sie geschmückt?

Oder war Sie es

Die deinem Schmuck

Höhere, liebere Bedeutung gab?

265

Welche Wollust,

Welchen Genuß,

Bietet dein Leben

Die aufwögen

Des Todes Entzückungen.

270

Trägt nicht alles

Was uns begeistert

Die Farbe der Nacht –

Sie trägt dich mütterlich

Und ihr verdankst du

275

All deine Herrlichkeit.

Du verflögst

In dir selbst

In endlosen Raum

Zergingst du,

280

Wenn sie dich nicht hielte –

Dich nicht bände

Daß du warm würdest

Und flammend

Die Welt zeugtest.

285

Warlich ich war eh du warst,

Mit meinem Geschlecht

Schickte die Mutter mich

Zu bewohnen deine Welt

Und zu heiligen sie

290

Mit Liebe.

Zu geben

Menschlichen Sinn

Deinen Schöpfungen.

Noch reiften sie nicht

295

Diese göttlichen Gedanken.

Noch sind der Spuren

Unsrer Gegenwart

Wenig.

Einst zeigt deine Uhr

300

Das Ende der Zeit

Wenn du wirst,

Wie unser Einer

Und voll Sehnsucht

Auslöschest u[nd] stirbst.

305

In mir fühl ich

Der Geschäftigkeit Ende

Himmlische Freyheit,

Selige Rückkehr.

In wilden Schmerzen

310

Erkenn ich deine Entfernung

Von unsrer Heymath

Deinen Widerstand

Gegen den alten,

Herrlichen Himmel.

315

Umsonst ist deine Wuth

Dein Toben.

Unverbrennlich

Steht das Kreutz,

Eine Siegesfahne

320

Unsres Geschlechts.

 

 

Hinüber wall ich

Und jede Pein

Wird einst ein Stachel

Der Wollust seyn.

325

Noch wenig Zeiten

So bin ich los

Und liege trunken

Der Lieb' im Schoos.

Unendliches Leben

330

Kommt über mich

Ich sehe von oben

Herunter auf Dich.

An jenem Hügel

Verlischt dein Glanz

335

Ein Schatten bringet

Den kühlen Kranz

O! sauge Geliebter

Gewaltig mich an

Daß ich bald ewig

340

Entschlummern kann.

Ich fühle des Todes

Verjüngende Flut

Und harr in den Stürmen

Des Lebens voll Muth.

 

 

<Von ihm will ich reden

Und liebend verkünden

So lang ich

Unter Menschen noch bin.

Denn ohne ihn

350

Was wär unser Geschlecht,

Und was sprächen die Menschen,

Wenn sie nicht sprächen von ihm

Ihrem Stifter,

Ihrem Geiste.>

 

 

[5.]

Über der Menschen

Weitverbreitete Stämme

Herrschte vor Zeiten

Ein eisernes Schicksal

Mit stummer Gewalt.

360

Eine dunkle

schwere Binde

lag um ihre

bange Seele.

Unendlich war die Erde.

365

Der Götter Aufenthalt

Und ihre Heymath.

Reich an Kleinoden

Und herrlichen Wundern.

Seit Ewigkeiten

370

Stand ihr geheimnißvoller Bau.

Über des Morgens

Blauen Bergen

In des Meeres

Heiligen Schoos

375

Wohnte die Sonne

Das allzündende

Lebendige Licht.

 

 

Alte Welt. Der Tod. Xstus – {Sein Leiden – Jugend –}

neue Welt, die Welt der Zukunft – Sein Leiden – Jugend – Botschaft.

380

Auferstehung. Mit den Menschen ändert die

Welt sich. Schluß – Aufruf.

 

 

Ein alter Riese

Trug die selige Welt

Fest unter Bergen

385

lagen die Ursöhne

Der Mutter Erde –

Ohnmächtig

In ihrer zerstörenden Wuth

Gegen das neue

390

Herrliche Göttergeschlecht,

Und die befreundeten

Frölichen Menschen.

Des Meeres dunkle

Blaue Tiefe

395

War einer Göttin Schoos.

Himmlische Schaaren

Wohnten in frölicher Lust

In den krystallenen Grotten –

Flüsse und Bäume

400

Blumen und Thiere

Hatten menschlichen Sinn.

Süßer schmeckte der Wein

Weil ihn blühende Götterjugend

Den Menschen gab –

405

Des goldnen Korns

Volle Garben

Waren ein göttliches Geschenk.

Der Liebe trunkne Freuden

ein heiliger Dienst

410

Der himmlischen Schönheit.

So war das Leben

Ein ewiges Fest

Der Götter und Menschen.

Und kindlich verehrten

415

Alle Geschlechter

Die zarte, köstliche Flamme

Als das Höchste der Welt.

Nur Ein Gedanke wars

 

 

Der furchtbar zu den frohen Tischen trat

420

Und das Gemüth in wilde Schrecken hüllte.

Hier wußten selbst die Götter keinen Rath,

Der das Gemüth mit süßen Troste füllte,

Geheimnißvoll war dieses Unholds Pfad

Des Wuth kein Flehn und keine Gabe stillte –

425

Es war der Tod, der dieses Lustgelag

Mit Angst u[nd] Schmerz u[nd] Thränen unterbrach.

 

Auf ewig nun von allem abgeschieden

Was hier das Herz in süßer Wollust regt –

Getrennt von den Geliebten, die hienieden

430

Vergebne Sehnsucht, langes Weh bewegt –

Schien nur dem Todten matter Traum beschieden

Ohnmächtges Ringen nur ihm auferlegt.

Zerbrochen war die Woge des Genusses

Am Felsen des unendlichen Verdrusses.

 

435

Mit kühnem Geist und hoher Sinnenglut

Verschönte sich der Mensch die grause Larve –

Ein blasser Jüngling löscht das Licht u[nd] ruht –

Sanft ist das Ende, wie ein Wehn der Harfe –

Errinnrung schmilzt in kühler Schattenflut

440

Die Dichtung sangs dem traurigen Bedarfe

Doch unenträthselt blieb die ewge Nacht

Das ernste Zeichen einer fernen Macht.

 

 

Zu Ende neigte

Die Alte Welt sich.

445

Der lustige Garten

Des jungen Geschlechts

Verwelkte

Und hinaus

in den freyeren Raum

450

Strebten die erwachsenen

Unkindlichen Menschen.

Verschwunden waren die Götter.

Einsam und leblos

Stand die Natur

455

Entseelt von der strengen Zahl

Und der eisernen Kette

Gesetze wurden.

Und in Begriffe

Wie in Staub und Lüfte

460

Zerfiel die unermeßliche Blüthe

Des tausendfachen Lebens.

Entflohn war

Der allmächtige Glauben

Und die allverwandelnde

465

Allverschwisternde

Himmelsgenossinn

Die Fantasie.

Unfreundlich blies

Ein kalter Nordwind

470

Über die erstarrte Flur

Und die Wunderheymath

Verflog in den Aether

Und des Himmels

Unendliche Fernen

475

Füllten mit leuchtenden Welten

sich.

Ins tiefere Heiligthum

In des Gemüths höhern Raum

Zog die Seele der Welt

Mit ihren Mächten

480

Zu walten dort

Bis zum Anbruch

Des neuen Tags,

Der höhern Weltherrlichkeit.

Nicht mehr war das Licht

485

Der Götter Aufenthalt

Und himmlisches Zeichen –

Den Schleyer der Nacht

Warfen Sie über sich

Die Nacht ward

490

Der Offenbarungen

Fruchtbarer Schoos.

Mitten unter den Menschen

Im Volk, das vor allen

Verachtet,

495

Zu früh reif

Und der seligen Unschuld der

Jugend

Trotzig fremd geworden war,

Erschien die neue Welt

Mit niegesehnen Angesicht –

500

In der Armuth

Wunderbarer Hütte –

Ein Sohn der ersten Jungfrau u[nd]

Mutter –

Geheimnißvoller Umarmung

Unendliche Frucht.

505

Des Morgenlands

Ahnende, blüthenreiche

Weisheit

Erkannte zuerst

Der neuen Zeit Beginn.

510

Ein Stern wies ihr den Weg

Zu des Königs

Demüthiger Wiege.

In der weiten Zukunft Namen

Huldigte sie ihm

515

Mit Glanz u[nd] Duft

Den höchsten Wundern der Natur.

Einsam entfaltete

Das himmlische Herz sich

Zu der Liebe

520

Glühenden Schoos

Des Vaters hohen Antlitz

zugewandt –

Und ruhend an dem ahndungs

selgen Busen

Der lieblichernsten Mutter.

Mit vergötternder Inbrunst

525

Schaute das weissagende Auge

Des blühenden Kindes

Auf die Tage der Zukunft,

Nach seinen Geliebten,

Den Sprossen seines Götterstamms,

530

Unbekümmert über seiner Tage

Irrdisches Schicksal.

Bald sammelten die kindlichsten

Gemüther

Von allmächtiger Liebe

Wundersam ergriffen

535

Sich um ihn her.

Wie Blumen keimte

Ein neues, fremdes Leben

In seiner Nähe –

Unerschöpfliche Worte

540

Und der Botschaften Fröhligste

Fielen wie Funken

Eines göttlichen Geistes

Von seinen freundlichen Lippen.

Von ferner Küste

545

Unter Hellas

Heitern Himmel geboren

Kam ein Sänger

Nach Palaestina.

Und ergab sein ganzes Herz

550

Dem Wunderkinde:

 

 

Der Jüngling bist du, der seit langer Zeit

Auf unsren Gräbern steht in tiefen Sinnen –

Ein tröstlich Zeichen in der Dunkelheit

Der höhern Menschheit freudiges Beginnen.

555

Was uns gesenkt in tiefe Traurigkeit

Zieht uns mit süßer Sehnsucht nun vonhinnen.

Im Tode ward das ewge Leben kund –

Du bist der Tod und machst uns erst gesund.

 

 

Der Sänger zog

560

Voll Freudigkeit

Nach Indostan

Und nahm ein Herz

Voll ewger Liebe mit,

Und schüttete

565

In feurigen Gesängen

Es unter jenem milden Himmel aus

Der traulicher

An die Erde sich schmiegt,

Daß tausend Herzen

570

Sich zu ihm neigten

Und die fröliche Botschaft

Tausendzweigig emporwuchs.

Bald nach des Sängers Abschied

Ward das köstliche Leben

575

Ein Opfer des menschlichen

Tiefen Verfalls –

Er starb in jungen Jahren

Weggerissen

Von der geliebten Welt

580

Von der weinenden Mutter

Und seinen Freunden.

Der unsäglichen Leiden

Dunkeln Kelch

Leerte der heilige Mund,

585

In entsezlicher Angst

Naht't ihm die Stunde der Geburt

Der neuen Welt.

Hart rang er mit des alten

Todes Schrecken

Schwer lag der Druck der alten

Welt auf ihm

590

Noch einmal sah er freundlich

nach der Mutter –

Da kam der ewigen Liebe

Lösende Hand –

Und er entschlief.

Nur wenig Tage

595

Hieng ein tiefer Schleyer

Über das brausende Meer – über

das finstre bebende Land

Unzählige Thränen

Weinten die Geliebten.

Entsiegelt ward das Geheimniß

600

Himmlische Geister hoben

Den uralten Stein

Vom dunklen Grabe –

Engel saßen bey dem Schlum-

mernden,

Lieblicher Träume

605

Zartes Sinnbild.

Er stieg in neuer Götter

herrlichkeit

Erwacht auf die Höhe

Der verjüngten, neugebornen Welt

Begrub mit eigner Hand

610

Die alte mit ihm gestorbne Welt

In die verlaßne Höhle

Und legte mit allmächtiger Kraft

Den Stein, den keine Macht erhebt,

darauf.

Noch weinen deine Lieben

615

Thränen der Freude

Thränen der Rührung

Und des unendlichen Danks

An deinem Grabe –

Sehn dich noch immer

620

Freudig erschreckt

Auferstehn

Und sich mit dir –

Mit süßer Inbrunst

Weinen an der Mutter

625

Seligen Busen

Und an der Freunde

Treuem Herzen –

Eilen mit voller Sehnsucht

In des Vaters Arm

630

Bringend die junge

Kindliche Menschheit

Und der goldnen Zukunft

Unversieglichen Trank.

Die Mutter eilte bald dir nach

635

In himmlischen Triumpf –

Sie war die Erste

In der neuen Heymath

Bey dir.

Lange Zeiten

640

Entflossen seitdem

Und in immer höhern Glanze

Regte deine neue Schöpfung sich

Und Tausende zogen

Aus Schmerzen u[nd] Qualen

645

Voll Glauben und Sehnsucht

Und Treue dir nach.

Und walten mit dir

Und der himmlischen Jungfrau

Im Reiche der Liebe;

650

Und dienen im Tempel

Des himmlischen Todes.

 

 

Gehoben ist der Stein

Die Menschheit ist erstanden

Wir alle bleiben dein

655

Und fühlen keine Banden

Der herbste Kummer fleucht

2. Vor deiner goldnen Schaale

1. Im lezten Abendmale

Wenn Erd und Leben weicht.

 

660

Zur Hochzeit ruft der Tod

Die Lampen brennen helle

Die Jungfraun sind zur Stelle

Um Oel ist keine Noth.

Erklänge doch die Ferne

665

Von deinem Zuge schon

Und ruften uns die Sterne

Mit Menschenzung und Ton.

 

Nach dir, Maria, heben

Schon tausend Herzen sich

670

In diesem Schattenleben

Verlangten sie nur dich.

Sie hoffen zu genesen

Mit ahndungsvoller Lust

Drückst du sie, heiliges Wesen

675

An deine treue Brust.

 

So manche die sich glühend

In bittrer Qual verzehrt

Und dieser Welt entfliehend

Nur dir sich zugekehrt

680

Die hülfreich uns erschienen

In mancher Noth und Pein –

Wir kommen nun zu ihnen

Um ewig da zu seyn.

 

Nun weint an keinem Grabe

685

Für Schmerz, wer liebend glaubt.

Der Liebe süße Habe

Wird keinem nicht geraubt.

Von treuen Himmelskindern

Wird ihm sein Herz bewacht

690

Die Sehnsucht ihm zu lindern

Begeistert ihn die Nacht.

 

Getrost das Leben schreitet

Zum ewgen Leben hin

Von innrer Glut geweitet

695

Verklärt sich unser Sinn.

Die Sternwelt wird zerfließen

zum goldnen Lebens Wein

Wir werden sie genießen

Und lichte Sterne seyn.

 

700

Die Lieb' ist frey gegeben

Und keine Trennung mehr

Es wogt das volle Leben

Wie ein unendlich Meer –

Nur Eine Nacht der Wonne

705

Ein ewiges Gedicht –

Und unser aller Sonne

Ist Gottes Angesicht.

 

 

[6.]

Hinunter in der Erde Schoos

Weg aus des Lichtes Reichen

710

Der Schmerzen Wuth und wilder Stoß

Ist froher Abfahrt Zeichen.

Wir kommen in dem engen Kahn

Geschwind am Himmelsufer an.

 

Gelobt sey uns die ewge Nacht,

715

Gelobt der ewge Schlummer,

Wohl hat der Tag uns warm gemacht

Und welk der lange Kummer.

Die Lust der Fremde gieng uns aus.

Zum Vater wollen wir nach Haus.

 

720

Was sollen wir auf dieser Welt

Mit unsrer Lieb' u[nd] Treue –

Das Alte wird hintangestellt,

Was kümmert uns das Neue.

O! einsam steht und tiefbetrübt

725

Wer heiß und fromm die Vorzeit liebt.

 

3

Die Vorzeit, wo in Jugendglut

Gott selbst sich kundgegeben

Und frühem Tod in Liebesmuth

Geweiht sein süßes Leben

730

Und Angst und Schmerz nicht von sich trieb

Damit er uns nur theuer blieb.

 

2

Die Vorzeit wo an Blüthen reich

Uralte Stämme prangten,

Und Kinder für das Himmelreich

735

Nach Tod u[nd] Qual verlangten

Und wenn auch Lust u[nd] Leben sprach

Doch manches Herz für Liebe brach.

 

1

Die Vorzeit wo die Sinne licht

In hohen Flammen brannten,

740

Des Vaters Hand und Angesicht

Die Menschen noch erkannten,

Und hohen Sinns, einfältiglich

Noch mancher seinem Urbild glich.

 

Mit banger Sehnsucht sehn wir sie

745

In dunkle Nacht gehüllet

Und hier auf dieser Welt wird nie

Der heiße Durst gestillet.

Wir müssen nach der Heymath gehn

Um diese heilge Zeit zu sehn.

 

750

Was hält noch unsre Rückkehr auf –

Die Liebsten ruhn schon lange

Ihr Grab schließt unsern Lebenslauf

Nun wird uns weh und bange.

Zu suchen haben wir nichts mehr –

755

Das Herz ist satt, die Welt ist leer.

 

Unendlich und geheimnißvoll

Durchströmt uns süßer Schauer

Mir däucht aus tiefen Fernen scholl

Ein Echo unsrer Trauer

760

Die Lieben sehnen sich wol auch

Und sandten uns der Sehnsucht Hauch.

 

Hinunter zu der süßen Braut,

Zu Jesus dem Geliebten,

Getrost die Abenddämmrung graut

765

Den Liebenden Betrübten.

Ein Traum bricht unsre Banden los

Und senkt uns in des Vaters Schoos.