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B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A

 

 

 

 
Ludwig Uhland
1787 - 1862
 


 






 



Ü b e r   o b j e k t i v e
u n d   s u b j e k t i v e
D i c h t u n g


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Die Seele, darein Mutter Natur in der reichsten Fülle die Kräfte des Empfangens und des Wirkens gelegt hat, das ist die Dichterseele. Vermöge der empfangenden Kräfte hat sie die feine Berührbarkeit, die sie das zarteste [...] der äußeren und inneren Welt fühlen läßt, und das leise Ohr, das ihr die geheimsten Ahndungen zu vernehmen gibt; durch die wirkenden Kräfte gibt sie dem Dunkeln Klarheit, lernt ihre Bestimmung erkennen und strebt schwungvoll ihrer Vollkommenheit entgegen. Ist das äußere Leben heiter und warm, so werden sich die Blumenknospen entfalten, die Seele wird sich hier befriedigen können, sie findet den Spielraum, ihre üppigen Kräfte zu üben, das äußere und innere Leben zerfließen ineinander, und dies ist das poetische Leben. Denkt auch der Geist (hier) über die Außenwelt nach, so wird sie ihm genügen, will er sie darstellen und sein Wirken in ihr, so kann er sie getreulich abmalen, das Gemälde wird hell und heiterste, objektive Poesie.

      Poetisch ist das Leben des Altertums der meisten Völker, darum auch die Poesie des Altertums objektiv. Aber der Frühling der Jugendwelt, wie bald ist er verblüht! Der Dichtergeist kann weder poetisch leben, noch liegt vor ihm ein poetisches Leben, das er darstellen könnte. Aber seine Kräfte sind zu jeder Zeit rege, und er fühlt ewig den unendlichen Drang, sich zu entfalten. Ist ihm die Erde verwelkt, so schaut er zum Himmel auf, ob dieser noch blühe. Dieser Himmel ist das Unendliche in ihm, das er ahndet, nach dem er sich immer schmerzlicher, immer freudiger sehnt, je weniger ihm die Außenwelt geben kann. Er erforscht sich, er lernt seine erhabene, aber geheime Bestimmung fühlen. Es geht ein Glanz in ihm auf, der zwar das endliche Geistesauge noch blendet, aber sich über die Außenwelt ergießt und sie verklärt. Er vertraut seine Gefühle und Gedanken dem Liede: subjektive Poesie.

      Das poetische Leben in Tat und Wort ist objektive Poesie, sobald es einen Darsteller findet. Die objektive Poesie nähert sich der subjektiven, wenn sich ein Gegenstand der Trauer, der Sehnsucht nach einem Entfernten und dergleichen in sie einmischt, denn sobald die Seele in der Gegenwart nimmer Genüge findet, schwingt sie sich in den Äther des Unendlichen. Auch einzelne Seelen, die ihr tätiges Leben und ihre anschaulichen Umgebungen auch in einem sonst poetischen Zeitalter nimmer befriedigen, steigen in ihr Inneres hinab, und ihre Poesie wird subjektiv. Die subjektive Poesie, die das äußere Leben von innen heraus zu verschönen sucht, heißt Poesie des Lebens.

      Der Dichter gehe in sich, und er wird folgende Bemerkungen der Analogie des Gesagten gemäß an sich selbst machen können:

      Ist sein Leben sehr reich und regsam, so wird er wenig dichten, aber herrlich leben; gewinnt er bei solchen schönen Umgebungen dennoch Zeit und Lust zur Darstellung, so wird sein freudiges Lied nur die Melodie des Lebens nachhallen, er schätzt den Gesang nicht über seine Wirklichkeit, er kann diese nicht einmal mit jenem erreichen, und er hat sich zu hüten, daß nicht das, was er unter den glühendsten Empfindungen hervorgebracht, andere kalt anfasse; aber wird das Leben um ihn her trüb und öde, da blickt er in sich, er nährt sich von eigenem Vorrat; Erinnerung, Hoffnung, Sehnsucht sind seiner Seele stille Trösterinnen.
 
 
 
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