|
- G e d i c h t e
V o r w o r t
z u d e r
e r s t e n A u f l a g e
1 8 1 5
- _______________________________
- Lieder sind wir, unser Vater
Schickt uns in die offne Welt,
Auf dem kritischen Theater
Hat er uns zur Schau gestellt.
- 5
- Nennt es denn kein frech Erkühnen,
Leiht uns ein geneigtes Ohr,
Wenn wir gern vor euch Versammelten
Ein empfehlend Vorwort stammelten!
Sprach doch auf den griech'schen Bühnen
- 10
- Einst sogar der Frösche Chor.
Anfangs sind wir fast zu kläglich,
Strömen endlos Tränen aus,
Leben dünkt uns zu alltäglich,
Sterben muß uns Mann und Maus.
- 15
- Doch man will von Jugend sagen,
Die von Leben überschwillt;
Auch die Rebe weint, die blühende,
Draus der Wein, der purpurglühende,
In des reifen Herbstes Tagen,
- 20
- Kraft und Freude gebend, quillt.
Und, beiseite mit dem Prahlen!
Andre stehn genug zur Schau,
Denen heiße Mittagsstrahlen
Abgeleckt den Wehmutstau.
- 25
- Wie bei alten Ritterfesten
Mit dem Tode zog Hanswurst,
Also folgen scherzhaft spitzige
Und, will's Gott, erträglich witzige.
Echtes Leid spaßt oft zum besten,
- 30
- Kennt nicht eiteln Tränendurst.
Lieder sind wir nur, Romanzen,
Alles nur von leichtem Schlag,
Wie man's singen oder tanzen,
Pfeifen oder klimpern mag.
- 35
- Doch vielleicht, wer stillem Deuten
Nachzugehen sich bemüht,
Ahnt in einzelen Gestaltungen
Größeren Gedichts Entfaltungen
Und als Einheit im Zerstreuten
- 40
- Unsres Dichters ganz Gemüt.
Bleibt euch dennoch manches kleinlich,
Nehmt's für Zeichen jener Zeit,
Die so drückend und so peinlich
Alles Leben eingeschneit!
- 45
- Fehlt das äußre freie Wesen,
Leicht erkrankt auch das Gedicht;
Aber nun die hingemoderte
Freiheit Deutschlands frisch aufloderte,
Wird zugleich das Lied genesen,
- 50
- Kräftig steigen an das Licht.
Seien denn auch wir Verkünder
Einer jüngern Brüderschar,
Deren Bau und Wuchs gesünder,
Höher sei, als unsrer war!
- 55
- Dies ist, was wir nicht geloben,
Nein! vom Himmel nur erflehn.
Und ihr selbst ja seid Vernünftige,
Die im Jetzt erschaun das Künftige,
Die an junger Saat erproben,
- 60
- Wie die Frucht einst wird bestehn.
|