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B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A

 

 

 

 
Ludwig Uhland
1787 - 1862
 


 






 



T r i n k s p r u c h   b e i m
S t u t t g a r t e r   F e s t m a h l
z u r   J a h r h u n d e r t f e i e r
v o n   S c h i l l e r s
G e b u r t s t a g


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Als auf dem Festplatz die große Glocke der Stadt Stuttgart erklang, gemahnte sie mich daran, daß Schiller in jungen Jahren dieselbe vielmals gehört haben muß, daß eben dieser Klang in seiner Seele geschlummert haben und lange nachher zum mächtigen «Lied von der Glocke» geworden sein mag. Er hat die Glocke zum Symbol einer umfassenden dichterisch-sittlichen Weltanschauung erkoren. Eine große, weitschallende Glocke ist Schillers ganze Poesie. Der Dichter hat gleichwohl nicht das Haupt emporgeworfen. Im Augenblick, da die blühenden Töchter der Stadt den Fuß der Säule bekränzten, sahen wir das edle, gebeugte Haupt vom hervortretenden Sonnenscheine beleuchtet. Über Länder und Meere tönt heute die Festglocke der Schillerfeier. Auch jenseits des Ozeans werden Deutsche, die nun seit zehn Jahren in der Verbannung leben, von einer heftig erregten Zeit her, in welcher selbst die Höchsten und Edelsten nicht auf festem Boden standen, diesen Laut vernehmen, mit schmerzlicher Erinnerung und doch mit freudigem Stolz auf den Gewaltigen aus dem Heimatlande. In der deutschen Heimat selbst wird die Glocke nicht unwirksam und segenslos verhallen. Daß die Feier, zu der sie geladen, eine volkstümliche sei, des sind wir alle Zeugen, die wir den in Ernst und Scherz wohlgelungenen Festzug angesehen. Mahnend und zugleich ermutigend wird der ernste Klang in deutsche Länder dringen, die so lange schon in ihren teuersten Rechten sich tief gekränkt fühlen.

      «Heil'ge Ordnung, Himmelstochter!» spricht der Meister des Glockengusses; zu der heiligen Ordnung aber zählt er das frohbewegte Leben «in der  F r e i h e i t  heil'gem Schntz». Ertönen wird der Glockenruf in die Zerrissenheit des deutschen Gesamtvaterlandes, in dessen klaffende Wunde wir eben erst tief hinabblickten. «Concordia soll ihr Name sein!» tauft der Meister seine Glocke. Concordia bedeutet aber nicht eine träge, tote Eintracht, nein! wörtlich: «Einigung der Herzen», in Schillers Sinne gewiß: «Eintracht, frischer, tatkräftiger, redlicher,  d e u t s c h e r  Herzen. Concordia schalle hoch!»
 
 
 
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