BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Heinrich Lautensack

1881 - 1919

 

Alfred de Musset

Die Geschichte einer weißen Amsel

 

Übersetzt von Heinrich Lautensack

 

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IV.

 

Die klägliche Wirkung meines Singens betrübte mich. «Ach, Musik! ach, Poesie! rief ich immer wieder, wie ich so auf Paris zuflog, wie wenige sinds, die euch verstehen!»

Da stieß ich mit dem Kopf an den Kopf eines andern Vogels, der genau meinen Weg hatte, nur umgekehrt. Der Stoß war so heftig und plötzlich, daß wir alle beide auf den Wipfel eines Baumes niederfielen, der zum Glück für uns da war. Nachdem wir uns erst ein wenig geschüttelt hatten, betrachtete ich den Neuankömmling und dachte, nun gäbs eine Schlägerei. Da sah ich zu meiner Überraschung, daß er weiß war. Er hatte einen wenig größeren Kopf als ich und an der Stirn eine Art Federbusch, so daß er wie ein komischer Held aussah. Dazu trug er den Schwanz sehr hoch, und schien von großer Gutmütigkeit. Er war übrigens, das sah ich wohl, zu keinerlei Zank aufgelegt. Wir redeten einander äußerst höflich an, traktierten uns gegenseitig mit Entschuldigungen, und fingen dann eine Unterhaltung an. Ich war so frei, nach seinem Namen zu fragen, und wo er denn her wäre.

 

 

– Ich wundere mich, sagte er, daß Sie mich nicht kennen? Sind Sie nicht einer der Unserigen?

– Wirklich, Herr, sagte ich, ich weiß nicht, wer ich bin. Jedermann fragt mich und sagt mir ganz dasselbige. Als ob die ganze Welt eine Wette auf mich gesetzt hätte.

– Sie haben gut scherzen, sagte er. Sie mit Ihrem Federkleid können mir nichts weiß machen. Sie sind ein Kollege. Sie gehören unbedingt zu jener illustren und berühmten Gesellschaft, die der Lateiner cacňata nennt, der Wissenschaftler Kakatoës, und der gemeine Sprachgebrauch Katakois.

– Das ist schon möglich, Herr, wahrhaftig. Tun Sie nicht, wie wenn ichs nicht wär und seien Sie so gut, mir zu sagen, mit wem ich die Ehre habe.

– Ich bin der große Dichter Kakatogenus, sagte der Unbekannte. Ein mächtig weitgekommener, die Kreuz und die Quer, bis in fremde Lande. Ich dichte nicht seit gestern, meine Muse hat Leidensfälle genug überstanden. Ich habe unter dem sechzehnten Ludwig gezirpt, Herr, für die Republik gekrächzt, dem Kaiserreich adelig zugesungen, die Restaurationsjahre diskret gelobt, und mich zuletzt sogar bemüht, mich den Ansprüchen dieses geschmacklosen Jahrhunderts zu unterwerfen. Man kennt meine feingebauten Distichen, hohen Hymnen, schnellenden Dithyramben, frommen Elegieen, langhaarigen Dramen, kraushaarigen Romane, gepuderten Possen und glatzköpfigen Tragödien. Mit einem Wort, ich schmeichle mir, den Tempel der Musen mit einigen neuen und galanten Blumengehängen ausgeschmückt zu haben, und seine Zinnen und seine Arabesken um einiges vermehrt.... Was wollen Sie? Ich bin freilich alt geworden, aber ich reime immer noch fest drauf los, und wie ich hier vor Ihnen sitze, brüte ich eben über eine Dichtung in einem Gesang, nicht weniger als sechs Seiten lang, ... aber da sind wir mit den Köpfen zusammengefahren. Übrigens, wenn ich Ihnen irgend nützen kann, ... ich bin zu jedem Dienst gern bereit.

– Ach, mein bester Herr, wenn Sie das könnten! erwiderte ich. Ich bin eben in einer großen dichterischen Verlegenheit. Ich wage nicht zu behaupten, ich wär ein Dichtersmann, und vor allem kein so großer wie Sie, sagte ich und verbeugte mich dabei, aber ich bin von der Mutter Natur mit einem Stimmband ausgestattet, das mich juckt, ob ich nun lustig oder traurig bin. Die Wahrheit zu gestehen, ich habe keine Ahnung von den Regeln.

– Ich habe sie vergessen, sagte Kakatogenus. Kümmern Sie sich nicht darum.

– Aber das ist so eine ekelhafte Sache, erwiderte ich. Meine Stimme wirkt auf die, die sie hören, ungefähr genau so, wie die eines ganz gewissen Jean de Nivelle auf seinen ... Sie wissen, was ich sagen will?

– Ich weiß, sagte Kakatogenus. Ich hab diese eigentümliche Wirkung an mir selber erfahren. Die Ursache kenn ich nicht; aber die Wirkung ist unbestreitbar.

– Nun sehen Sie, mein Herr. Sie, der Nestor der Dichtkunst, wüßten Sie vielleicht ein Mittel gegen dieses entsetzliche Übel?

– Nein, sagte Kakatogenus. Ich habe nie eins auftreiben können. Ich habe mir in meiner Jugend die erdenklichste Mühe gegeben, weil man mich nämlich immer ausgepfiffen hat. Aber heute denk ich absolut nicht mehr daran. Ich glaube, das Publikum hat den Abscheu nur, weil es noch andere Leute liest als uns: daher die Verwirrung.

– Ich denke auch so. Aber Sie werden mir recht geben, mein Herr, wie hart das für einen Menschen mit ehrlichen Absichten ist, wenn die Leute, sowie er auch nur Miene macht, loszulegen, ausreißen. Würden Sie so freundlich sein und mich anhören und mir aufrichtig Ihre Meinung sagen?

– Sehr gern, sagte Kakatogenus, ich bin ganz Ohr.

Ich fing sofort zu singen an und konstatierte mit großer Befriedigung, daß Kakatogenus nicht ausriß und nicht einschlief. Er sah mich starr an und von Zeit zu Zeit nickte er wie zustimmend mit dem Kopf und ließ etwas wie ein beifälliges Gemurmel hören. Aber ich sah dann bald, daß er gar nicht zuhörte, sondern über seiner Dichtung brütete. Und einen Augenblick, da ich Atem holen mußte, benutzte er die Pause und sagte mit einem mal:

– Ich hab ihn doch gefunden, den Reim! Und er lächelte und wackelte mit dem Kopfe. Das ist Nummer sechzigtausendsieben-hundertundvierzehn, aus diesem meinem Hirnkasten! Und da wagt man es, zu behaupten, ich würde alt! Ich werde das den lieben Kollegen vorlesen! Ich werde es Ihnen vorlesen! Und wir wollen sehen, was sie dazu sagen werden!

Und er flog auf und davon. Und hatte ganz auf mich vergessen.