BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Heinrich Lautensack

1881 - 1919

 

Alfred de Musset

Die Geschichte einer weißen Amsel

 

Übersetzt von Heinrich Lautensack

 

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IX.

 

Ich floh unter lautem Weinen. Und flog mit dem Wind, dem Führer der Vögel, nach dem Mortefontainer Wald und setzte mich auf einen Zweig. Diesmal schlief alles schon! – Welche Ehe, sagte ich bei mir, mit allem Drum und Dran! Sicher geschah es in bester Absicht, daß das arme Kind sich weiß machte. Aber ich bin ebenso zu beklagen als sie rotgelb ist.

Die Nachtigall sang noch. Allein, im Schweigen der Nacht, erfreute sie sich aus vollem Herzen der Wohltat, die Gott an ihr getan und die sie den Dichtern so teuer macht. Die Stille, die sie umgab, ward ausgefüllt mit ihren Gefühlen. Und ich widerstand der Versuchung nicht länger und flog hin zu ihr und sprach zu ihr:

– Wie glücklich Du doch bist! Du singst nicht nur, so oft Du magst, und singst so schön, und alles lauscht Dir. Du hast auch Weib und Kinderchen, Dein Nest, Deine Freunde, ein weiches Kopfkissen aus Moos, den Vollmond und keine Zeitungen. Rubini und Rossini sind nichts gegen Dich. Du wiegst den einen auf und inspirierst den andern. Auch ich habe gesungen, oh Du, und es war erbärmlich. Ich habe Worte aneinandergereiht und aufgestellt wie Bataillone preußischer Soldaten und Abgeschmacktheiten ineinander verwoben, während Du im Walde wohntest. Kann man Dein Geheimnis wissen?

– Oh ja, antwortete mir der Nachtigallmann. Meine Frau ist mir langweilig. Ich mag sie absolut nicht. Ich bin in die Rose verliebt. Sadi, der Perser, hat davon erzählt. Ich schreie mich die ganze Nacht für sie heiser, aber sie schläft und hört mich nicht. Ihr Kelch ist jetzt geschlossen, und sie wiegt einen alten Käfer darinnen. Und morgen früh, wenn ich, vor Schmerz und Aufregung übermannt, zu Bett gehe, da tut sie sich wieder auf und weiht einer Biene ihr Herz.