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Den Traum vom Fliegen lernen

„Flying and how to do it“ von Assen Jordanoff

Schon als Kind schaute der aus Sofia gebürtige Assen Jordanoff (1896 – 1967) sehnsüchtig den Vögeln hinterher. Wie sie wollte er fliegen. Deshalb sprang er mit dem aufgespannten Regenschirm seines Vaters aus Fenstern oder ließ sich von großen Drachen durch die Luft ziehen. Später während seiner Pilotenausbildung erlebte er selbst, wie schwierig es ist, das aerodynamische Verhalten eines Flugzeugs zu verstehen und es sicher durch den dreidimensionalen Luftraum zu steuern. Fliehkräfte, Windböen, Wetter und Navigation sind nur ein paar der komplexen Themenbereiche, die es dabei zu verstehen gilt.

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1932 Assen Jordanoff „Flying and how to do it!“

Als 36-Jähriger startete er seine zweite Karriere. Sein 1932 erschienenes Lehrbuch „Flying and how to do it“ war der Urknall eines ganzen Universums von Lehr- und Handbüchern, die Jordanoff in den Folgejahren schreiben und gestalten würde. Neben „Flying and how to do it“ sind zu erwähnen „Your Wings“ (1936), „Through the Overcast“ (1938), „Safety in Flight“ (1941), „Jordanoff’s Illustrated Aviation Dictionary“ (1942) und viele mehr. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges war Jordanoff Geschäftsführer eines Grafik- und Journalistenbüros mit über 200 Angestellten, die unter anderem für namhafte Flugzeugbauer und das amerikanische Militär Hand- und Lehrbücher zu Flugzeugen, Bordkanonen, Treibstoffanlagen und Cockpits gestaltete.

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1932 Assen Jordanoff „Flying and how to do it!“

Die Wurzeln dieses Erfolges liegen in seinem ersten Buchm „Flying and How to do it“ (1932) begründet, in dem die Grundlagen seiner Didaktik zum ersten Mal Anwendung finden. Das 19 x 25 cm große Buch hat knapp über 100 Seiten und ist durchgängig schwarzweiß gedruckt. Und zwar im Bleisatz mit eingeklinkten Klischees für Illustrationen und Infografiken. Dieser Technik ist es geschuldet, dass das ganze Werk – nicht nur im übertragenen sinne – holzschnittartig daherkommt. Man spürt noch deutlich den Einfluss dieser klassischen Drucktechnik am Vorabend des massentauglichen Offsetdrucks. Entsprechend sorgfältig ist das Buch gestaltet, ausgestattet und produziert.

In seiner klaren, fast einfachen, Gestaltung verspricht es, den Leser mit der komplexen Materie nicht zu überfordern. Die Darstellungsmittel sind überschaubar, neben Text im einspaltigen Layout findet sich nur eine überschaubare Anzahl anderer visueller Elemente: Ausser eines Porträtfotos des Autors in Pilotenkluft und illustrierten Front- und Endblättern finden sich kaum rein illustrativen Elemente. Aber dafür finden sich auf fast allen Seiten mindestens ein oder zwei Schaubilder, häufig auch ganze Bildsequenzen, die spezifische Sachverhalte eindrücklich darstellen und/oder erklären. Es scheint fast so, als ob es eine Direktive gegeben hätte, allen Abbildungen eine erklärenden Aufgabe zu geben.

Seinen besonderen Charme ziehen diese Infografiken aus der Tatsache, dass es sich ausschließlich um Strichzeichnungen handelt. Dieser Umstand ist der Produktion im Bleisatz geschuldet. Besonders auffällig ist die sorgfältige Gestaltung dieser Grafiken: Flugzeuge, Ballone und andere „Flugzeuge“ sind als Protagonisten in Silhouettenform dargestellt. Der Vorteil liegt auf der Hand: Diese silhouettenhaften Icons sind auch bei kleiner Größe identifizierbar. Ihre Flugmanöver sind mit Hilfe von den aus Comics bekannten Speedlines eindrücklich visualisiert. Mit diesen Speedlines gelingt es Jordanoff, Abläufe und Sequenzen kompakt innerhalb einer Grafik zu versammeln. Ganz oft stellt er in einer Grafik auch Alternativ-Routen oder andere Optionen zum Vergleich dar. Handgezeichnete Labels im gleichen Duktus fügen sich als weiteres Element nahtlos in die Grafiken ein.

1932 Assen Jordanoff "Flying and how to do it!"

1932 Assen Jordanoff „Flying and how to do it!“

Man spürt Jordanoff’s Affinität zu Comics. Es scheint, als habe er die grafischen Darstellungsstrategien verinnerlicht und in seine Erklärstücke transponiert. Den Beweis liefert er in „Flying and how to do it“ gleich mit: Denn neben besagten Infografiken lässt er immer wieder Comicfiguren auftreten: einen Fluglehrer – mit Pilotenbrille, Lederkappe und großem Flügelpaar – sowie seinen Flugschüler – mit kleinen Flügeln. Sie unterhalten sich in einem Einzelbild-Panel über die Funktionen des Steuerknüppels oder die Planung einer Flugroute. Gänzlich frei, meist zum Ende einer Lerneinheit fasst der Fluglehrer das Gelernte für seinen Schüler in einem Merksatz zusammen.

Diese Comicsequenzen, deren Protagonisten der geneigte Leser zuhören und zusehen kann, wie sie luftfahrttechnische Probleme meistern sind eine clevere Strategie: den eigentlichen Adressaten zum Betrachter des Geschehens zu machen, das senkt mögliche Vorbehalte gegen eine direkte Ansprache. Diesen Prinzipien bleibt Jordanoff in seinen später publizierten Bücher weiter treu, freilich feiner ziseliert, in der Formensprache weiter gefasst, die Möglichkeiten des Offsetdruck nutzend und in der Dramaturgie um einiges gesteigert. Gezeichnet wurden diese Infografiken übrigens von Larry Whittington, der 10 Jahre zuvor den bekannten amerikanischen Comic-Charakter „Fritzi Reitz“ geschaffen hatte.

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1932 Assen Jordanoff „Flying and how to do it!“

Jordanoff’s Methode, Inhalte und Erklärungen über Infografiken auszulösen und zu vermitteln, schlägt sich auch in der Gesamtanlage des Buchs nieder. Wer sich nach Vorwort und Einführung auf die Suche nach einem Inhaltsverzeichnis oder einer Kapitelübersicht macht, stellt überrascht fest: es gibt keines. Es finden sich auch keine Kapitel oder Kapitelüberschriften. Wie kann so ein Buch funktionieren? Und tatsächlich: obwohl die Abbildungen visuell nicht die Hauptrolle zu spielen scheinen, tun sie es dennoch. Sie sind fein säuberlich durchnummeriert und verweisen auf Absätze des Textes. Zählt man genau, bestehen ca. 90% des Buchtextes aus diesen Fußnoten, Bildunterschriften oder Bildbeschreibungen. Nur ab und zu gibt es Texte, die – typografisch fast identisch aufgebaut – losgelöst und für sich stehen.

Wie einflussreich Jordanoff’s Werk war, lässt sich an den vielen visuellen Zitaten seiner Zeichnungen in anderen Publikationen ablesen. Stellvertretend sei hier auf die Darstellung der auf ein Flugzeug wirkenden Kräfte hingewiesen, die in ganz ähnlicher Form im 1945 erschienenen Trainingsmanual „Flight thru Instruments“ erschienen.

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1945 US Navy Trainingsmanual „Flight thru Instruments“

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Dieser Eintrag wurde am 27. November 2014 von veröffentlicht.

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