Information Design Augsburg

Prof. Michael Stoll + information design students

Schräg von oben. Und ohne Fluchtpunkt.

Einblicke in die Geschichte axonometrischer Stadtansichten im 20. Jahrhundert

Orientierung und Überblick – das sind zwei primäre Ziele, die Kartografen mit Landkarten verfolgen. Dabei übersetzen sie dreidimensionale Landschaften in zweidimensionale Repräsentationen. Skalieren, Generalisieren und Symbolisieren führen zu Karten, die wir lesen, interpretieren und nutzen können. Zu den frühen topografischen Karten gehören die Felsbilder von Val Camonica. Besonders beeindruckend: Die Gestalter dieser Karten schafften die „Ansicht von oben“, ohne dass sie jemals „von oben“ auf ihre Siedlung herabschauen konnten.

In der Neuzeit entwickelte sich neben der wissenschaftlich orientierten Kartografie die Disziplin der illustrierenden Stadtansichten aus der „Luftperspektive“. „Pictorial Plans“, „Bildkarten“ oder „Bird’s Eye Maps“ sind angesiedelt zwischen allgemeinem Stadtplan und spezifischer identitätsstiftender Stadtkulisse. Sie erfüllen eine zweifache Aufgabe: für ihre Bewohner dienen sie als Bildbeweis ihrer großartigen Stadt und für zukünftige Stadttouristen als visueller Appetizer. Alle zusammen können mit den Augen durch die abgebildete Stadt spazieren gehen, sich gemeinsam auf die Suche nach einer – evtl. längst verschwundenen – Sehenswürdigkeit machen oder sich gegenseitig Erlebnisse erzählen, derer sie sich beim Betrachten konkreter Gebäude, Parks oder Straßenkreuzungen wieder erinnern. Obwohl ihre Geschichte schon deutlich früher beginnt, so lohnt ein Blick auf die axonometrischen Stadtansichten des 20. Jahrhunderts, den Vorabend großer digitaler Karten- und Satellitenkartendienste, die uns fast jeden Winkel unseres Planeten fotografisch genau präsentieren.

1930 „Pictorial Plan of London“

1930 „Pictorial Plan of London“

Bereits 1930 erschien der bei Geographia Ltd. gestaltete und herausgegebene „Pictorial Plan of London“ als detailreicher Stadtführer zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Zwei Detailpläne fokussieren auf Kinos und Theater. Um 1940 begann der französische Zeichner Georges Peltier im Auftrag des Verlags Blondel la Rougery mit den Arbeiten an einer Stadtansicht von Paris. Doch es dauerte 20 Jahre, bis der „Plan de Paris à vol d’oiseau“ ab 1959 in unzähligen Editionen erscheinen konnte.

1959  „Plan de Paris à vol d’oiseau“

1959 „Plan de Paris à vol d’oiseau“

Besonders beachtlich und ohnegleichen ist allerdings das Werk von Hermann Bollmann. Als Kriegsheimkehrer dokumentierte er im 1948 erschienen sog. Trümmerplan seine durch Bombenangriffe zerstörte Heimatstadt Braunschweig. Der erste von über 300 illustrativen Stadtplänen. Nach dem 1962 erschienen Plan von New York, den er u.a. dank Luftbildfotografie in ca. 6 Monaten vollendete, beauftragte ihn direkt im Anschluss daran der Time-Herausgeber Henry Luce, den offiziellen Souvenierplan für die Weltausstellung in new York 1964/5 zu gestalten.

1962 Bollmann "Plan von New York, Manhattan"

1962 Bollmann „Plan von New York, Manhattan“

Diesen Plan und das Werk Bollmanns wiederum entdeckte ein junger japanischer Besucher der Weltausstellung. Und so kam es, dass Tadashi Ishihara für die Expo 1970 in Osaka einen farblich und gestalterisch ähnlichen Plan entwickelte. Ishihara war es denn auch, der die axonometrischen Stadtansichten in Japan populär machte. Von historischer Bedeutung ist sein 1981 für die Stadt Kobe entstandener Plan. Denn nur 14 Jahre später zerstörte ein Erdbeben Kobe zu großen Teilen.

Constantine Anderson "Midtown Manhattan"

Constantine Anderson „Midtown Manhattan“

Doch zurück nach New York. Neben Hermann Bollmann zeichnete auch Constantine Anderson die Stadt. Ab Mitte der 1980ger erschienen je aktualisierte Ausgaben dieses Plans, der bis heute wegen seiner wohl organisierten Farbigkeit und klaren Zeichnung als einer der schönsten gilt. Der bislang letzte umfassende axonometrische Stadtplan New Yorks stammt aus dem Jahr 2000 und der Feder eines alten Bekannten: Tadashi Ishihara. Auf der Basis ein und der selben Zeichnung publizierte er ihn zweifach: im Querformat handlich gefaltet und als dekoratives Poster im Hochformat. In dieser Größe erkennt man dann auch ein paar Features, die Ishihara im Plan versteckt hat.

2000 Tadashi Ishihara's New York

2000 Tadashi Ishihara’s New York

Da fährt die Titanic den Hudson hinauf, in einigen Bäumen des Central Park verbergen sich die Portraits amerikanischer Präsidenten und … ist das nicht King Kong, der die Spitze des Empire State Building erklimmt? Er ist es!

Kin Kong am Empire State Building

Kin Kong am Empire State Building

Die Portraits amerikanischer Präsidenten im Central Park

Die Portraits amerikanischer Präsidenten im Central Park

Nach dem viel zu frühen Tod Ishiharas arbeitet heute Daisuke Aoyama in seiner Tradition weiter. Zur Zeit an einer aktuellen Version des Plans von Kobe. In naher Zukunft steht also Stadtplanern ein direkter anschaulicher Vergleich des Stadtbildes vor und nach dem großen Erdbeben zur Verfügung. In Europa gehören zu den bekanntesten dieses Genres die beiden Londoner Illustratoren Katherine Baxter und Rod Hunt – neben vielen weiteren. Die wohlüberlegte und manuell gestaltete Stadtansicht hält sich also beständig gegen die Flut rein maschinell hergestellter Abbilder. Und das ist tröstlich.

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Dieser Eintrag wurde am 9. Dezember 2014 von veröffentlicht.