Prof. Michael Stoll

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Wissenswertes für Studierende der Fakultät für Gestaltung an der Hochschule Augsburg (HSA)

Interview in PAGE 3.07

www.page-online.de Das Interview führte Jutta Nachtwey

Interview
Michael Stoll zum Wandel in der Zeitungsbranche

Welche konzeptionellen Trends zeichnen sich im Zeitungsbereich ab?

Die Zeitung wird zum täglichen Magazin, wobei die Ursachen hierfür vielfältig sind. Die Vorliebe für das Tabloid-Format hat auch damit zu tun, dass die Papierpreise enorm gestiegen sind. Darüber hinaus ist die Zeitung so leichter handhabbar und dadurch kompatibler mit dem heutigen mobilen Lebensstil. Die Verlage machen momentan einen Spagat: Es gilt, die bestehende Leserschaft zu halten, aber auch neue, jüngere Zielgruppen zu gewinnen.

Wie schlägt sich die Ausrichtung auf jüngere Leser in der Gestaltung nieder?

Die Illustration beispielsweise, lange Zeit Stiefkind, kommt jetzt groß raus. „Die Zeit“ macht es vor, auch „Die Welt“. Interessant ist das vor allem in den Bereichen, die schwer zu bebildern sind, etwa dem Wirtschaftsteil, denn so erreicht man eventuell Leute, die sich bisher für diese Inhalte nicht so sehr interessiert haben. Aber dahinter steht auch die Kostenfrage: Text ist das Teuerste in Zeitungen, Bilder und Infografiken lassen sich billiger herstellen. Der zunehmende Magazincharakter hat also seine Kehrseite: Nicht alle Inhalte lassen sich so herunterbrechen, die Hintergründigkeit geht verloren.

Betrachtet man die Ergebnisse des letzten Wettbewerbs der SND, so fällt auf, dass sich die Ebenen von Text und Bild immer stärker überkreuzen …

Ja, das Gestaltungsraster war früher ein Heiligtum, nun wird das viel lockerer gesehen. Es gibt immer mehr freigestellte Bilder und ein vielfältiges Spiel mit den Ebenen.

Welche Rolle spielt die Infografik?

Sie wird angesichts der kleineren Formate wichtiger, weil sie es ermöglicht, Inhalte kompakt zu vermitteln. In Deutschland gibt es da noch ein Ausbildungsdefizit, aber derzeit ist ein Masterstudiengang Infografik in Vorbereitung, der 2008 starten soll. In Spanien und auch Portugal hat die Infografik einen ganz anderen Stellenwert – von hier gehen wegweisende Impulse aus.

Welchen formalen Einfluss hat das Web auf die Printmedien?

Wegen des Auflösungsproblems dürfen die Bilder im Web nicht so groß sein. Damit man dort überhaupt Details erkennt, heißt die Regel für Foto-grafie im Internet: immer nah ran. Das führt zu einer Ästhetik, die sich auch in den Printmedien niederschlägt.

Welche Wechselwirkungen beobachten Sie zwischen Print und Web?

Man sieht bereits, wie das Web 2.0 in den Zeitungsbereich schwappt – Stichwort citizen journalism. Die Zeitungen bitten Leser beispielsweise, Fotos zu schicken, oder sie setzen wie die „Vorarlberger Nachrichten“ Diskussionsforen ins Netz und moderieren zwischen Bürgern und Politikern, wobei sie in dem Printmedium dann über die Erfolge berichten. Die Moderationsfunktion der Zeitungen wird zunehmen. Sie müssen sich noch mehr in Richtung Dialog mit dem Leser bewegen. Darüber hinaus wird die inhaltliche Vernetzung von Print- und Onlinemedium wichtiger. Die „New York Times“ hat auf ihrer Titelseite die Namen der 3000 Gefallenen des Irakkriegs veröffentlicht. Zusätzlich gab es eine Site, auf der man per Schieberegler interaktiv erfahren konnte, wer wo wann umgekommen ist. Zeitungsmacher sollten auch einmal schauen, wie das Fernsehen sein Angebot im Netz erweitert, etwa die Themen-Sites zu arte-Sendungen, die Hintergrundinformationen liefern und Mehrwert schaffen.

Werden sich Zeitungen künftig stärker in personalisierte Ausgaben auffächern?

Die Zeitungen haben sich zu Recht agenda setting auf die Fahnen geschrieben. Was in der Zeitung steht, ist wichtig, was nicht, ist nicht wichtig. Auf diese Weise schaffen sie gemeinsame Gesprächsthemen und Bezugspunkte. Dem würde eine Persona-lisierung entgegenwirken.

Welche neuen Wege gehen Verlage, um neue Leser anzusprechen?

Ein Beispiel ist das so genannte Newspack: Inhalte aus der Zeitung werden als Leseprobe auf Bäckertüten oder Pizzaschachteln gedruckt, aber ich bin da eher skeptisch …

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