Prof. Michael Stoll

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Wissenswertes für Studierende der Fakultät für Gestaltung an der Hochschule Augsburg (HSA)

Interview IFRA zeitungstechnik

zeitungstechnik: Was sind die Merkmale eines „Tagesmagazins“? Worin unterscheidet es sich (inhaltlich) von der normalen Tageszeitung? Könnten Sie uns Beispiele von Zeitungen nennen, die bereits „Tagesmagazine“ sind?

Michael Stoll: Ein „Tagesmagazin“ zu werden, scheint für Zeitungen aus vielerlei Gründen ein populäres Ziel zu sein. Dieser Begriff beschreibt einen weitreichenden Wandel in der Zeitungswelt, der weit über optische Veränderungen hinausreicht.

Wenn wir Design als visualisierte Intentionen verstehen, müssen wir uns zunächst mit dem Wandel der Inten­tionen befassen.

Steigende Zeitungspapierkosten, der Kampf um eine sich wandelnde Leserschaft und die Verantwortung der Verleger für die Rentabilität ihrer Unternehmen haben viele Zeitungen zum Nachdenken veranlasst.

Und sie scheinen einige Antworten in den Merkmalen gefunden zu haben, die traditionellerweise das Kenn­zeichen von Zeitschriften waren, und haben sich daher zu „Tagesmagazinen“ weiterentwickelt: verkleinertes – bzw. kompaktes – Format, eine Verschiebung des Text-Bild-Verhältnisses zugunsten von Bildern, ein Wandel hin zu „weicheren“ Themen statt der harten Nachrichtenthemen, und wenn harte Themen, dann mit vielen zusätzlichen Erläuterungen wie Infografiken, Infoboxen o.Ä.

zt: Wenn sich eine Zeitung zur „Magazinisierung“ entschließt, welche Art von Investitionen erfordert diese Entscheidung?

M. Stoll: Nach der digitalen Revolution fand man in den Zeitungen kaum noch Designer. Alle Seiten wurden von „Technikern in Trance“ gelayoutet, die gelegentlich einen Blick in das Design-Handbuch warfen. Externe Zeitungs­designer mussten oft hilflos zusehen, wie ihre schönen Designs im täglichen Gebrauch intern umgestaltet wurden.

Als erste Investition sollten sich die Zeitungen darum einen Designer zulegen, oder besser sogar zwei.

Außerdem müssen die Zeitungen ihren gesamten Mitarbeitern die bedeutende Rolle des Designs nahe­bringen – nicht aus Schönheitsgründen, sondern um der Zeitung auf dem Markt eine klare Identität zu verleihen.

zt: Ich gehe davon aus, dass sich ein „Tagesmagazin“ nicht allein durch ein Redesign mit größeren Fotos und mehr Farbe erzielen lässt, sondern dass das auch eine neue Form der Berichterstattung erfordert. Müssen die Journalisten anders schreiben?

M. Stoll: Anders zu schreiben, ist ein kleiner Aspekt der Umgestaltung von Zeitungen zu Tagesmagazinen. Insgesamt sollten die Zeitungen versuchen, sich auf die Gewohnheiten der potenziellen Nutzer einzustellen.

Aus diesem Grund müssen sie herausfinden, wie die Nutzer die Nachrichten konsumieren. Relevante visuelle Elemente dürften sich beim Durchsehen von Websites finden lassen.

Ich bin sicher, dass die Web-Ästhetik ihren Weg in die Zeitungen finden wird – durch neue visuelle Proportionen einzelner optischer Teile und eine neue Form der Präsentation von Inhalten, z.B. mittels kürzerer Artikel, Nahaufnahmen, kräftigen Farben, Illustrationen und vielen kleinen Infografiken.

zt: Welche Rolle spielen Infografiken in einem „Tages­magazin“?

M. Stoll: Infografiken werden sich mit der Zeit verändern. Die Leser werden meiner Ansicht nach mehr, aber kleinere Grafiken vorfinden, die sich auf einzelne Elemente einer Nachrichtenstory konzentrieren.

Derzeit gibt es auch einen klaren Trend zu Illustrationen. Illustrationen zu schwer zu visualisierenden Themen werden den Zeitungen helfen, einen individuelleren Stil zu entwickeln als das je durch andere optische Elemente möglich wäre.

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