BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Minnereden

1300 - 1500

 

Minnereden

 

Quelle:

Cod. Pal. germ. 313

(Die Blattangaben führen jeweils zu den

Originalseiten der Heidelberger Handschrift)

 

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8.

Das Wesen der Minne

Fassung II

 

[398r]

Wo fand der müding den gedanck

das erlas oder sanngk

das mynnen wer sünd?

ich mein das er die geschrifft nit kund.

5

mynnen mydet manig man;

kand er die geschrifft als ich kan,

er myte es gar ungern.

ich han manchen quatern

beid her unnd dar gewant,

10

das ich nye geschriben fant

das man sie solt myden;

man sol kurczwil driben!

ich sag uch: die mynn

beczwingt manch synn

15

zu dugenden unnd zu hubscheit,

sie macht frewd und verdribt leyt.

da von, wie mocht es sund wesenn

[398v]

da wir mang hubscheit ab lesen?

es machent nit dan die alten pfaffen,

20

die nit anders hann zu schaffen,

wan sie sind veraltet

unnd in der mynn erkaltet;

und wer die welt nit mit mynn umbfangen,

sie wer vordusent jarn zergangen.

25

mit züchten unnd mit mynnen

mag man wol lob gewynnen

und grossen weltlichen bris.

myn macht den thummen wiß,

mynn git auch das paradis

30

umer ewiglichen dort,

mynn ist ein sicher hort

unnd der man best stür,

mynn ist ein gut abentur,

da die bringet gluck,

35

mynn ist ein bruck

uber mangen dieffen furt,

mynn erczugt rein antwort,

mynn adelt wycz unnd synn,

myn ist kauffmans schacz unnd gwin,

40

darumb gitt man vil thur gelt.

myn seet uff mang wild felt

ritterlicher mynn sat;

mynn all dugent beschlossen hatt,

mynn macht den czagen kün,

45

mynn lert all ding wol thun,

mynn git gutten synn,

myn bringt auch gutten gewin,

[399r]

mynn macht gutt gewant,

mynn macht milt hant,

50

mynn macht auch vingerlin

den den es genem wil sin;

mynnen macht herczen reyn,

mynnen gitt edelgestein,

mynn gitt cleyder von sid,

55

mynn gitt gutt gesmyd,

mynn macht den kargen milt,

myn gitt den nuewen schilt,

mynn lert glimpff kauffen,

mynn gitt ros die bald lauffen,

60

mynn wil das man thurnir,

mynn ist das vil schier,

mynn ist gewaltiglich,

mynn macht arms hercz rich,

mynn macht red sues,

65

mynn wil das man sie grüs,

mynn empfeht wol die gest,

mynn bricht burg unnd vest,

myn hasset falscheit ser,

mynn sterckt weltlich er,

70

mynn ist alles werden wert,

mynn auch stetikeit begert,

mynn gitt silber unnd golt,

mynn ist jungen lüten holt,

mynn czirt ungestalt,

75

mynn hat in ir gewalt

frawen und man, jung unnd alt,

von mynnen wirt man umbfangen,

[399v]

von mynnen wirt man wol enpfangen.

wer mynnet, der ist sorgen fry,

80

wan ym wonet hochgemut by.

auch bringt es manchen in sorgen

das er dar nach muß borgen.

Was sol ich uch sagen me?

nun merckent all wie es ste,

85

das mynnen ein rechter meister ist

über alles das in der welt ist.

wer recht mynnet, der muß ye

bosheit unnd undugent hie

myden, das ist sicher war,

90

unnd auch mit züchten gar

zu hubscheit unnd zu gut

instetikeit ineynem müt,

unnd sol sin milt unnd kün.

das gebut die mynn zuthun,

95

das soll an ym nit gebrechen.

er soll kunden hubscheit sprechen

unnd gefuglich gebarn,

das man da by mog farn,

er soll auch gutt sitten uffen,

100

das man da by müg brüfen

sin dugent, erkenn mit synn

das er mit rechter mynn

sy gewest in stetem geczwanng,

unnd thü das also lanng

105

bis das sie sinen dinst schaw;

so muß ym lonen die fraw

das er gedienet hatt so vil,

[400r]

ob sie der mynn volgen wil.

Amen.