BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Joseph von Eichendorff

1788 - 1857

 

Gedichte in zeitlicher Folge

 

1813

 

______________________________________________________________________________

 

 

 

An meinen Bruder.

Zum Abschiede im Jahr 1813.

 

Steig' aufwärts, Morgenstunde!

Zerreiß' die Nacht, daß ich in meinem Wehe

Den Himmel wiedersehe,

Wo ew'ger Frieden in dem blauen Grunde!

Will Licht die Welt erneuen:

Mag auch der Schmerz in Thränen sich befreien.

 

Mein lieber Herzensbruder!

Still war der Morgen – Ein Schiff trug uns beide,

Wie war die Welt voll Freude!

Du faßtest ritterlich das schwanke Ruder,

Uns beide treulich lenkend,

Auf froher Fahrt nur Einen Stern bedenkend.

 

Mich irrte manches Schöne,

Viel reizte mich und viel mußt' ich vermissen.

Von Lust und Schmerz zerrissen,

Was so mein Herz hinausgeströmt in Töne:

Es waren Wiederspiele

Von Deines Busens ewigem Gefühle.

 

Da ward die Welt so trübe,

Rings stiegen Wetter von der Berge Spitzen,

Der Himmel borst in Blitzen,

Daß neugestärkt sich Deutschland d'raus erhübe. –

Nun ist das Schiff zerschlagen,

Wie soll ich ohne Dich die Fluth ertragen! –

 

Auf einem Fels geboren,

Vertheilen kühlerrauschend sich zwei Quellen,

Die eigne Bahn zu schwellen.

Doch wie sie fern einander auch verloren:

Es treffen ächte Brüder

Im ew'gen Meere doch zusammen wieder.

 

So wolle Gott Du flehen,

Daß er mit meinem Blut und Leben schalte,

Die Seele nur erhalte,

Auf daß wir freudig einst uns wiedersehen,

Wenn nimmermehr hienieden:

So dort, wo Heimath, Licht und ew'ger Frieden!

 

Entstanden 1813, Erstdruck 1818 unter dem Titel «An W. Zum Abschiede. Im Jahre 1813», hier Fassung von 1826

__________

 

 

Soldatenlied.

 

Was zieht da für schreckliches Sausen,

Wie Pfeifen durch Sturmes Wehn?

Das wendet das Herz recht vor Grausen,

Als sollte die Welt vergehn.

 

Das Fußvolk kommt da geschritten,

Die Trommeln wirbeln voran,

Die Fahne in ihrer Mitten

Weht über den grünen Plan,

Sie prangt in schneeweißem Kleide

Als wie eine milde Braut,

Die giebt dem hohe Freude,

Wen Gott ihr angetraut.

Sie haben sie recht umschlossen,

Dicht Mann an Mann gerückt,

So ziehen die Kriegsgenossen

Streng, schweigend und ungeschmückt,

Wie Gottes dunkeler Wille,

Wie ein Gewitter schwer,

Da wird es ringsum so stille,

Der Tod nur blitzt hin und her.

 

Wie seltsame Klänge schwingen

Sich dort von der Waldeshöh'!

Ja, Hörner sind es, die singen

Wie rasend vor Lust und Weh.

 

Die jungen Jäger sich zeigen

Dort drüben im grünen Wald,

Bald schimmernd zwischen den Zweigen,

Bald lauernd im Hinterhalt.

Wohl sinkt da in ewiges Schweigen

Manch' schlanke Rittergestalt,

Die anderen über ihn steigen,

Hurrah! in dem schönen Wald,

„Es funkelt das Blau durch die Bäume –

Ach, Vater, ich komme bald!“

 

Trompeten nur hör' ich werben

So hell durch die Frühlingsluft,

Zur Hochzeit oder zum Sterben

So übermächtig es ruft.

 

Das sind meine lieben Reiter,

Die rufen hinaus zur Schlacht,

Das sind meine lustigen Reiter,

Nun, Liebchen, gute Nacht!

Wie wird es da vorne so heiter,

Wie sprühet der Morgenwind,

In den Sieg, in den Tod und weiter,

Bis daß wir im Himmel sind!

 

Entstanden um 1813, Erstdruck 1818, hier Fassung von 1826