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Karoline von Günderode
Nachlaß

 


 






 




   Aus dem Nachlaß

Buonaparte in Egypten
Vorzeit, und neue Zeit
Verschiedene Offenbarungen des Göttlichen
Hochroth
Der Knabe und das Vergißmeinnicht
Der Luftschiffer
Novalis
Ist Alles stumm und leer
Schicksal und Bestimmung
Liebst du das Dunkel
An Creuzer

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Buonaparte in Egypten

Aus dem Schoos der Nacht entwindet mühesam die Dämmerung sich,
Und der Dämmerung Gebilde löset einst des Tages Licht.
Endlich fliehet die Nacht! und herrlicher Morgen
Golden entsteigst du dem bläulichten Bette der Tiefe
5
Und erleuchtest das dunkle Land wo der Vorzeit
Erster Funke geglüht, wo Licht dem Dunkel entwunden.
Früh gelodert im Schutze der mystischen Schleier
Dann auf lange entfloh und ferne Zonen erleuchtet. -
Ewig weicht sie doch nicht vom heimischen Lande
10
Die Flamme, sie kehret mit hochaufloderndem Glanz hin.
Alle Bande der Knechtschaft löset die Freiheit,
Der Begeisterung Funke erwekt die Söhne Egyptens. -
Wer bewirkt die Erscheinung? Wer ruft der Vorwelt
Tage zurük? Er reiset Hüll und Ketten vom Bilde
15
Jener Isis, die der Vergangenheit Räthsel
Dasteht, ein Denkmal vergessener Weisheit der Urwelt?
Bonaparte ist's, Italiens Erobrer,
Frankreichs Liebling, die Säule der würdigeren Freiheit
Rufet er der Vorzeit Begeisterung zurüke
20
Zeiget dem erschlaften Jahrhunderte römische Kraft. -
Möge dem Helden das Werk gelingen Völker
Zu beglükken, möge der schöne Morgen der Freiheit
Sich entwinden der Dämmerung finsterem Schoose.
Möge der späte Enkel sich freuen der labenden
25
Der gereiften Frucht, die mit Todesgefahren
In dem schrecklichen Kampf mit finsterem Wahn, der Menge
Irrthum, der großen Härte, des Volks Verblendung
Blutige Thränen vergiesend die leidende Menschheit
Zitternd in dieses Jahrhundert Laufe gepflanzt.

 

Vorzeit, und neue Zeit

Ein schmahler rauher Pfad schien sonst die Erde.
Und auf den Bergen glänzt der Himmel über ihr,
Ein Abgrund ihr zur Seite war die Hölle,
Und Pfade führten in den Himmel und zur Hölle.

5
Doch alles ist ganz anders jetzt geworden,
Der Himmel ist gestürzt, der Abgrund ausgefüllt,
Und mit Vernunft bedeckt, und sehr bequem zum gehen.

Des Glaubens Höhen sind nun demolieret.
Und auf der flachen Erde schreitet der Verstand,
10
Und misset alles aus, nach Klafter und nach Schuen.

 

Verschiedene Offenbarungen des Göttlichen

Zum Menschen schwebte sonst der Geist des Herr hernieder,
Mit Menschen wandelt' er nach Menschensitte
Und er erhörte frommer Beter Bitte.
Zu Mose sprach der Geist, errette deine Brüder.
5
Propheten schauten ihn in seiner Himmel Pracht.
Zu Samuel sprach er in heil'ger Träume Nacht.
So hat im Alterthum sich Gott geoffenbahret,
Doch allen nicht, und wenig Auserwählten nur.
Denn fremd war Göttliches der menschlichen Natur,
10
Mit Christus stieg das Reich des Göttlichen hernieder,
Das Unsichtbare offenbahrt dem Menschen sich,
Dem Pilger öffnen nun des Himmels Thore sich.
Das unsichtbare Reich schließt sich uns nimmer wieder,
Denn durch der frommen Liebe heiliges Band
15
Knüpft Christus uns an jenes bessere Land.

 

Hochroth

Du innig Roth,
Bis an den Tod
Soll mein Lieb Dir gleichen,
Soll nimmer bleichen,
5
Bis an den Tod,
Du glühend Roth,
Soll sie Dir gleichen.

 

Der Knabe und das Vergißmeinnicht

Der Knabe

O Blümelein Vergißmeinnicht!
Entzieh Dich meinem Auge nicht.
Ihr, Veilchen! Nelken! Rosen!
Auf euch verweilt der Sonne Licht,
5
Als wollt es mit euch kosen;
Doch wenn die Sonne tiefer sinkt,
Wenn Nacht die Farben all verschlingt,
Da reden süße Düfte
Von eurem stillen Leben mir
10
Und die vertrauten Lüfte
Die bringen eure Grüße mir.
Doch ach! Vergißmeinnicht, von Dir
Bringt nichts, bringt nichts mir Kunde.
Sag, Blümlein, lebst dem Aug' Du nur?
15
Flieht mit den Farben jede Spur
Mir hin von Deinem Leben?
Hast keine Stimm, die zu mir spricht
Wenn Schatten Dich umgeben?

Vergißmeinnicht

Die Stimme, ach Süßer! die hab ich nicht.
20
Doch trag ich den Namen Vergißmeinnicht,
Der, wenn ich auch schweige, dem Herzen spricht.

 

Der Luftschiffer

Gefahren bin ich im schwankenden Kahne
Auf dem blaulichen Ozeane,
Der die leuchtenden Sterne umfließt,
Habe die himmlischen Mächte begrüßt.
5
War in ihrer Betrachtung versunken,
Habe den ewigen Äther getrunken,
Habe dem Irdischen ganz mich entwandt,
Droben die Schriften der Sterne erkannt
Und in ihrem Kreisen und Drehen
10
Bildlich den heiligen Rhythmus gesehen,
Der gewaltig auch jeglichen Klang
Reißt zu des Wohllauts wogendem Drang.
Aber ach! es ziehet mich hernieder,
Nebel überschleiert meinen Blick,
15
Und der Erde Grenzen seh ich wieder,
Wolken treiben mich zurück.
Wehe! das Gesetzt der Schwere
Es behauptet nur sein Recht,
Keiner darf sich ihm entziehen
20
Von dem irdischen Geschlecht.

 

Novalis

Novalis, deinen heil'gen Seherblicken
Sind aufgeschlossen aller Welten Räume,
Dir offenbart sich weihend das Gemeine,
Du schaust es in prophetischem Entzücken.

5
Du siehst der Dinge zukunftsvolle Keime
Und zu des Weltalls ewigen Geschicken,
Die gern dem Aug' der Menschen sich entrücken,
Wirst du geführt durch ahndungsvolle Träume.

Du siehst das Recht, das Wahre, Schöne siegen,
10
Die Zeit sich selbst im Ewigen zernichten
Und Eros ruhend sich dem Weltall fügen;

So hat der Weltgeist liebend sich vertrauet
Und offenbart in Novalis Dichten,
Und wie Narziß in sich verliebt geschauet.

 

Ist Alles stumm und leer

Ist Alles stumm und leer.
Nichts macht mir Freude mehr;
Düfte sie düften nicht,
Lüfte sie lüften nicht,
5
Mein Herz so schwer!

Ist Alles so öd und hin,
Bange mein Geist und Sinn,
Wollte, nicht weiß ich was
Jagt mich ohne Unterlaß
10
Wüßt ich wohin? -

Ein Bild von Meisterhand
Hat mir den Sinn gebannt
Seit ich das Holde sah
Ists fern und ewig nah
15
Mir anverwandt. -

Ein Klang im Herzen ruht,
Der noch erfüllt den Muth
Wie Flötenhauch ein Wort,
Tönet noch leise fort,
20
Stillt Thränenfluth.

Frühlinges Blumen treu,
Kommn zurück aufs Neu,
Nicht so der Liebe Glück
Ach es kommt nicht zurück
25
Schön doch nicht treu.

Kann Lieb so unlieb sein,
von mir so fern was mein? -
Kann Lust so schmerzlich sein
Untreu so herzlich sein? -
30
O Wonn' o Pein!

Phönix der Lieblichkeit
Dich trägt dein Fittig weit
Hin zu der Sonne Strahl -
Ach was ist dir zumal
35
Mein einsam Leid?

 

Schicksal und Bestimmung

an Charlotte

Blumen flecht' ich scherzend nicht für dich zum Kranze,
Und mein Rhythmus weiht sich nicht zum leichten Tanze,
Von Bestimmung re' er ernste Worte dir.

Hoffend, wünschend, suchst du - doch vernimm die Lehre,
5
Wenn dem Herzen jeder Wunsch befriedigt wäre,
Ungestillet bleibt das Sehnen deiner Brust.

Keins von allen Gütern dieser weiten Erde,
Keines! dem nicht Schmerz und Reue sei Gefährte,
Ueberall verfolgt die Plagegöttin dich.

10
Freundschaft, Liebe winken freundlich aus der Ferne,
Wie am Horizonte hell die Brüder Sterne,
Doch das eherne Geschick verschont dich nicht.

Reißt dich fremde Schuld nicht von verbund'nen Herzen,
Ha! so fühlst du's spät, durch tief're Schmerzen,
15
Eigner Wahn zerriß der Erde schönstes Band.

Drum entsage willig auch dem liebsten Gute,
Daß dein oft getäuschtes Herz nicht schmerzlich blute.
Edlerm Streben spare deines Geistes Kraft.

Folge nur der Pflicht, ob sie am ödsten Strande
20
Einsam, ungeliebt und unbeweint dich bannte:
Deiner Götter Abkunft Siegel ist sie dir.

Tugend ist das Ziel, nach dem die Millionen
Geister, die den ungemess'nen Raum bewohnen,
Ringen zur Vollendung und zur Göttlichkeit.

25
Wie Planeten um die Sonn' in ew'gen Kreisen,
Eilen sie auf Millionen Weg' und Weisen
Hin zum Ideale der Vollkommenheit.

Blicke stolz hinauf zum herrlich hohen Ziele,
Dräng' ihm zu, und wankst du, irret auch dein Wille,
30
Deiner Würd' und Freiheit bleibst du dir bewußt.

Zwar im Kampfe wird noch deine Kraft ermüden,
Schwache Erdentugend gibt dem Geist nicht Frieden,
Dennoch deinem Ideale naht sie dich.

Laß denn immerhin die Göttin Schicksal walten,
35
Ob sich dunkle Wolken gegen dich auch ballten,
Groß und ruhig siehst du ihrem Gange zu.

 

Liebst du das Dunkel

mündliche Improvisation,
niedergeschrieben von Bettina Brentano


Liebst du das Dunkel
Tauigter Nächte?
Graut dir der Morgen,
Starrst du ins Spätrot,
5
Seufzest beim Mahle,
Stößest den Becher
Weg von den Lippen?
Liebst du nicht Jagdlust,
Reizet dich Ruhm nicht,
10
Schlachtgetümmel?
Welken die Blumen
Schneller am Busen,
Drängt sich das Blut dir
Pochend zum Herzen?

 

An Creuzer

Seh' ich das Spätrot, o Freund, tiefer erröten im Westen,
Ernsthaft lächelnd, voll Wehmut lächelnd und traurig verglimmen,
O dann muß ich es fragen, warum es so trüb wird und dunkel;
Aber es schweiget und weint perlenden Tau auf mich nieder.
 
 
 
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