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Karoline von Günderode
Poetische Fragmente (1805)

 


 






 




   Poetische Fragmente von Tian

Hildgund
Piedro
Der Pilger
   Der erste Pilger
   Der zweite Pilger
Der Kuß im Traume
Mahomed, der Prophet von Mekka

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Piedro

Dunkel ruhet auf den Wassern,
Tiefe Stille weit umher,
Piedros Schiff nur teilt die Wellen,
Seine Ruder schlägt das Meer.

5
Aber Piedro steht am Maste
Und sein Aug' in trüber Glut,
Sucht den Räuber der Geliebten,
Sucht sie durch des Meeres Flut.

Endlich naht er ihrem Segel,
10
Endlich geht die lange Nacht,
Und mit ungeduld'ger Eile
Ordnet er der Schiffe Schlacht.

Viele fallen, viele siegen,
Einer kämpft mit Löwenmut,
15
Naht sich Piedron durch die Menge
Kühnlich mit bescheidnem Mut.

Und sie kämpfen, keiner weichet,
Tapferkeit wird wilde Wut;
Und in zornigen Strömen mischet
20
Sich der Kämpfer heißes Blut.

Endlich in des Jünglings Busen
Senket Piedro seinen Stahl,
Vor dem unwillkommenen Gaste
Flieht sein süßes - Leben all.

25
Und er stirbt so hold im Tode,
Daß Piedro niedersinkt,
Und von seinen blassen Lippen
Reuig heiße Küsse trinkt.

Nacht will endlich niedersinken,
30
Tiefe Stille weit umher;
Piedros Schiff nur teilt die Wellen,
Seine Ruder schlägt das Meer.

Piedro aber liegt verwundet
Einsam in des Schiffes Raum;
35
Seine Seele ist gefangen,
Ganz und gar in einem Traum.

Denn ihm deucht er sei umschlungen
Von des toten Jünglings Arm,
Freundlich will sein Auge brechen,
40
Doch es schlägt sein Herz noch warm.

Piedro will sich von ihm reißen,
Doch mit sehnsuchtsvollem Blick
Und mit heißen Liebesküssen
Hält der Knabe ihn zurück.

45
Freudig, daß er sie befreiet,
Tritt die Braut zu Piedro hin,
Will ihn trösten, will versuchen,
Ob die bösen Träume fliehn.

Und sie neigt sich zu ihm nieder,
50
Ruft des Teuern Namen laut.
Er erwacht und mit Entsetzen
Wendet er sich von der Braut.

Und er mag sie nicht mehr schauen,
Ihre Liebe ist ihm Pein.
55
Tief versenkt nur im Betrachten
Des Gestorbenen mag er sein.

Und das süße Mädchen weinet
Sie verhüllt ihr Angesicht,
Möchte gern vor Schmerzen sterben
60
Nur den Teuern lassen nicht.

Piedro sieht's, ein tiefes Sehnen
Zieht ihn nach des Grabes Ruh,
Er zerreißt der Wunde Banden
Und geht still den Toten zu.

65
Dunkel ruhet auf den Wassern,
Tiefe Stille weit umher
Piedros Schiff erreicht die Küste
Aber er schläft tief im Meer.



Der Kuß im Traume

Es hat ein Kuß mir Leben eingehaucht,
Gestillet meines Busens tiefstes Schmachten.
Komm, Dunkelheit! mich traulich zu umnachten,
Daß neue Wonnen meine Lippe saugt.

5
In Träume war solch Leben eingetaucht,
Drum leb' ich, ewig Träume zu betrachten,
Kann aller andern Freuden Glanz verachten,
Weil nur die Nacht so süßen Balsam haucht.

Der Tag ist karg an liebesüßen Wonnen,
10
Es schmerzt mich seines Lichtes eitles Prangen
Und mich verzehren seiner Sonne Gluthen.

Drum birg dich Aug' dem Glanze irrd'scher Sonnen!
Hüll' dich in Nacht, sie stillet dein Verlangen
Und heilt den Schmerz, wie Lethes kühle Fluthen.

 
 
 
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