BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Schubartgymnasium Aalen

gegründet 1912

 

Johann Gottfried von Pahl

über seine Jugendzeit in Aalen

1768 – 1784

 

Quelle:

Johann Gottfried Pahl, Denkwürdigkeiten aus meinem

Leben und aus meiner Zeit, Tübingen: L. F. Fues, 1840

Facsimile: Google

 

____________________________________________________________________

 

 

 

Johann Gottfried Pahl - ab 1832 von Pahl - (* 12. Juni 1768 in Aalen; † 18. April 1839 in Stuttgart) war ein württembergischer Publizist und Schriftsteller, evangelischer Geistlicher, Historiker und Politiker. Er gilt als einer der bedeutendsten Autoren der Spätaufklärung in Württemberg. (Wikipedia)

 

 

Mein früheres Jugendleben.

1768 – 1784.

 

Im Jagstkreise des Königreichs Württemberg, wo der Kocher, nicht ferne von seinem Ursprunge, aus den das Härtfeld und das Albgebirge trennenden Schluchten in ein freundliches, den Fleiß der Anbauer reichlich lohnendes Thal hervor dringt, liegt die Stadt Aalen, die, in einem kleinen Umfange dritthalb tausend in mannigfaltiger Gewerbsamkeit thätige und durch sie großen Theils eines gedeihlichen Wohlstands genießende Einwohner nährt. Der über sie sich erhebende Burgstall, im Anfange der vaterländischen historischen Kunde ein Castell der Römer und eine Menge Denkmale dieses großen Volks, die je und je in ihrer Umgebung entdeckt worden, machen leztere zu einem classischen Boden; dessen Tiefe aber enthält einen unerschöpflichen Reichthum an Eisenerz, das aus zweien Gruben, an dem östlichen und südlichen Bergabhange, seit Jahrhunderten zu Tage gefördert wird, während die benachbarten Hüttenwerke eine große Zahl fleißiger und kunstreicher Hände beschäftigen. In dieser Stadt wurde ich am 12. Juni 1768 geboren.

 

Aalen von Westen um 1790

 

Damals stand sie in der Reihe der teutschen Städte, die, nachdem ihnen in den Bewegungen, die die Neige des Mittelalters erfüllten, gelungen war, sich der Herrschaft der größern Dynasten zu erwehren, dem Kaiser und Reiche unmittelbar unterworfen, bald in aristokratischer, bald in demokratischer Form, durch ihre Magistrate und Volkstribune sich selbst regierten, und nach den Ordnungen und Gesetzen lebten, die bei ihnen herkömmlich waren. Die leztre Form bestand von jeher in meiner Vaterstadt und sie war auch dem kleinen Umfange dieses Gemeinwesens und [2] den beschränkten Verhältnissen, in denen seine Bürger lebten, die angemessenste. Die Regierung fand sich in den Händen von elf Bürgermeistern und Rathsverwandten, die sämmtlich dem Handwerksstande angehörten; ein Stadtschreiber besorgte die Kanzleigeschäfte und gab bei den Verhandlungen seine begutachtende Stimme; das Collegium der Vierundzwanziger wachte für die Aufrechthaltung der Gesetze, und nahm Antheil an den wichtigern Gegenständen der Verwaltung. Was sich aus dieser Verfassung von selbst ergab, stellte sich auch hier, zum Theil in sehr schroffen Gestalten, dar, namentlich unwandelbare Bewahrung des Bestehenden in den öffentlichen Einrichtungen und Anstalten, festes Haften an den herkömmlichen Gebräuchen und Mißbräuchen, steife und feierliche Formen im gesammten Staatsleben, Einfachheit, Kürze und derbe Entscheidung im Verfahren, große sittliche Strenge in den Gesetzen, rauher Ernst in ihrer Vollziehung, ungebührliche Gunst der regierenden Häupter gegen ihre Verwandten, und in Verfügungen und Maaßregeln weniger absichtliches Unrecht und Willkühr, als oft arge und lächerliche Böcke. Darin unterschied sich aber diese kleine Republik zu ihrem großen Vortheile von ihren meisten Schwestern, daß, bei sehr geringen Abgaben, die sie von ihren Bürgern und Unterthanen erhub, der Staatshaushalt nicht nur in der beßten Ordnung war, sondern allmählich zu bedeutenden Ersparnissen führte, die freilich ohne den kargen ökonomischen Geist, der seine Hülfe oft den gerechtesten, von der fortschreitenden Zeit erregten Bedürfnissen entzog, nicht hätten zu Stande kommen können.

Der Charakter der Menschen erhält überall seine Grundzüge und seine Hauptfarben durch das bürgerliche Element, in dem sie leben. Das war auch der Fall bei meinen Landsleuten; selten sah man das Bild des kleinen Reichsstädters so rein und scharf ausgeprägt, als unter ihnen. Man hatte zwar die gebührende Achtung für die Obrigkeit, und diese säumte auch nicht, wo es noth war, an sie zu erinnern; aber man ließ sich dadurch das Gefühl, der Bürger eines freien Gemeinwesens zu seyn, nicht verkümmern, und sah mit Stolz auf die unterthänigen und hörigen Leute herab, welche auf den Besitzungen der benachbarten [3] Fürsten und Reichsritter angesessen waren. Dieses Gefühl erwies sich denn nicht minder durch derben, festen Ton im Behaupten und Handeln, durch unzertrennliche Anhänglichkeit an die vaterländischen Mauern, und durch eine abgemessene äussere Ehrbarkeit des Lebens, die sorgsam alles vermied, wodurch sie hätte befleckt werden können; der Geist der Regierung und der enge Kreis, in den sich das öffentliche Leben eingeschränkt sah, ward aber sichtbar durch die unverlezte Erhaltung der altväterlichen Sitte, durch einfache Lebensweise und siegenden Widerstand gegen die Verderbnisse der neuern Zeit, durch unermüdliche Emsigkeit im Erwerben und Ersparen, durch Gottesfurcht und moralische Reinheit in den Familien, und durch verachtende Gleichgültigkeit gegen alles Fremde, die selbst bei der großen Zahl derjenigen Bürger blieb, die in ihrer Jugend weite Wanderungen gemacht hatten, um sich in der Ausübung ihrer Handwerke zu vervollkommnen. Das glückliche Selbstgefühl, dessen diese kleinen Republikaner sich erfreuten, ließ aber der Muthwille ihrer Nachbarn nicht ungerächt, und es war nicht nur der Wehrstand von sechs Mann, dem in Friedenszeiten der Schutz der Stadt anvertraut war, oder der gravitätisch, mit der Gabel auf der Schulter, hinter seinem Heuwagen einher schreitende Bürgermeister, worüber ihre Satyre sich ergoß; sie fand noch reichlichern Stoff in den oft seltsamen Gebräuchen, durch deren Erhaltung die Bürger von Aalen die Einrichtungen ihrer Väter ehrten, in der Alterthümlichkeit und Geschmacklosigkeit ihrer Sitten, in ihrem rauhen, trotzigen Tone, und in ihrer philistermäßigen Steifheit und Einseitigkeit.

Unter ihnen waren seit unerdenklicher Zeit meine Voreltern ansässig, wie denn Johannes Pahl schon im sechszehnten Jahrhundert in dieser kleinen Republik zu Rathe gegangen und zur Einführung des evangelischen Bekenntnisses, die nach vielen Kämpfen erst im Jahre 1575 zu Stande kam, thätig mitgewirkt hat. Auch seine Nachkommen bekleideten meistens magistratische Aemter und lebten in blühendem Wohlstande. Das Glück der Familie gieng aber in der Generation, der mein Vater, Georg Kaspar, angehörte, unter, was von seiner Seite hauptsächlich dadurch [4] verschuldet war, daß er in einer Rechtssache, welche die Stellvertreter der Bürgerschaft vor dem Reichshofrathe gegen den Magistrat führten, an die Spitze der erstern trat. Nicht nur endete dieser Handel, in welchem der Magistrat in dem guten öffentlichen Haushalt einen kräftigen Schutz gegen die meisten wider ihn erhobenen Klagen fand, mit einer gänzlichen Niederlage und bedeutenden Verlusten der Kläger; für meinen Vater wurde er auch die Veranlassung, daß er sein, ein mit der erforderlichen Thätigkeit betriebenes Lebküchnerei- und Handelsgeschäft immer mehr vernachläßigte, und fremden Bestrebungen und eingebildeten Hoffnungen hingegeben, seinen Hang zum Leichtsinn immer weniger überwand. Dadurch geschah es, daß das Hauswesen mit jedem Jahre mehr verfiel, das Dringen der Gläubiger oft traurige Verlegenheiten und Demüthigungen herbei führte, der Friede der Familie häusige Störungen erlitt und von dem altväterlichen Güterbesitze ein Stück nach dem andern veräussert wurde. Indem die Kinder unter solchen Bedrängnissen aufwuchsen, hatte der Frühling ihres Lebens selten heitere Tage, und selten ward von ihnen eine jugendliche Freude genossen, die ihnen nicht bei der Rückkehr in das väterliche Haus durch den Anblick des in demselben herrschenden Nothstandes und der Thränen der guten, an allen diesen Dingen schuldlosen Mutter verkümmert worden wäre. Während aber der leztern der trübe Morgen ihrer Lieblinge das Herz zerriß, hörte sie nicht auf, zu erinnern und zu ermahnen, wie dringend gerade in diesen jugendlichen Entbehrungen und Bedrängnissen die Vorsehung uns berufe, durch Gottesfurcht und Fleiß uns einer bessern Zukunft würdig zu machen, und so war es in der That ihr Segen, der den drei überlebenden Söhnen, ob sie gleich um ihr Glück zu machen gar nichts hatten, als sich selbst, Häuser baute, und sie, jeden in seiner Weise, zu einem Wohlstand erhub, um den sie später manche von den reichen Erben zu beneiden Ursache hatten, denen ihre frühere Armuth oft zur Verachtung und zum Spott geworden war.

Ich erinnere mich nur dunkel, die Elementarschule meiner Vaterstadt besucht zu haben, indem ich die Kenntnisse, die in derselben mitgetheilt wurden, durch den Unterricht meiner ältern Brüder und der für ihre Kinder auch in diesem Punkte zärtlich besorgten Mutter mit so gutem Erfolge erhielt, daß mir schon im sechsten Jahre das Amt übertragen werden konnte, den täglichen Morgen- und Abendsegen, und an den Sonnabenden die Predigt, aus Otto's Krankentrost, in der Familie vorzulesen. In der That machte ich auch durch den mangelhaften Besuch jener Elementarschule keinen großen Verlust, indem sie sich in einem sehr kläglichen Zustande befanden, wie denn die unbegreiflich elend dotirten Lehrstellen gewöhnlich mit Bürgern aus der ärmsten Klasse oder mit solchen besezt wurden, welche in ihren Gewerben Schiffbruch erlitten hatten.

 

 

Desto mehr ward in der lateinischen Schule durch die Persönlichkeit ihres Lehrers geleistet. Dieser, Johann Leonhard Rieger, damals noch in jugendlichem Alter, war ein Mann von gründlicher philologischer und theologischer Gelehrsamkeit, mit rastlosem Fleiße der Wissenschaft lebend und mit ihr fortschreitend, und in seinen Ansichten über die ideale Welt selbstdenkenden und hellen Geistes; aber bei seinem starren Intellektualismus ohne Gefühl für schöne Bildungen und Formen und in seiner Darstellung geschmacklos und unbehülflich; überdieß bei den beschränkten Verhältnissen, in denen er lebte, ohne Kenntniß der Welt und der Menschen und ohne äussere Bildung; weswegen auch die schriftstellerischen Arbeiten, in denen er sich von Zeit zu Zeit versuchte, von seinen Zeitgenossen kaum bemerkt wurden. Dieß alles hinderte aber nicht, daß man bei einem solchen Manne sehr viel lernen konnte. Denn ob es ihin wohl auf gleiche Weise an der Laune und an der planmäßigen Wirksamkeit gebrach, die sein Beruf erforderte, so widmete er sich doch mit Lust und Liebe denjenigen von seinen Schülern, die ihm durch ausgezeichnete Fähigkeiten die Arbeit erleichterten, und war unermüdet, um sie auf dem Pfade der intellektuellen Bildung immer weiter fortzuführen. Dieses Vortheils wurde vorzüglich ich, und mit mir ein anderer Knabe von demselben Alter, Christian Heuchelin, theilhaftig, und unser gleichzeitiges Zusammentreffen in dieser Schule gab unserm jugendlichen Fleiße, durch den stets regen, oft mit Ungestüm sich äussernden Wetteifer, einen für beide sehr nüzlichen, fortdauernden Antrieb. Heuchelin studirte später das [5] Recht in der Karlsakademie zu Stuttgart, durchschritt dann eine glückliche Laufbahn im Würtembergischen Staatsdienste, und starb, in der Mitte des männlichen Alters, als Königlicher Staatsrath und Direktor des Kreisgerichtshofes in Ellwangen.

Ich war ein stiller, meistens einsam lebender, gegen die Zerstreuungen und Lustbarkeiten seiner Altersgenossen höchst gleichgültiger Knabe, den man selten in der Gesellschaft der leztern, desto öfter aber in den Sommerabenden auf den Thorbrücken der Stadt lauschend fand, wo die Bürger sich zu versammeln pflegten und von ihren Wanderschaften und von den großen Thaten des preussischen Friedrichs im siebenjährigen Kriege und von der schmählichen Flucht der Reichsarmee in der Schlacht bei Roßbach erzählten. Dagegen zog mich nichts mehr an als Bücher, Kupferstiche und Zeichnungen; ich schleppte die erstern, wo ich sie irgend finden konnte, in der ganzen Stadt zusammen; der obere Boden des Hauses war meine Studierstube, wo ich ununterbrochen las und schrieb; wenn ich, was im Frühling und Herbste täglich vorkam, die kleine Schafheerde des Vaters hütete, war ein Buch mein Begleiter; wenn ich mit den Eltern auf die Jahrmärkte in die benachbarten Städte zog, lief ich, statt die Waaren an der Bude zu hüten, in den Kirchen umher, und betrachtete die darin befindlichen Gemälde und Innschriften; alle Handarbeiten, die mir übertragen wurden, verrichtete ich mit Unlust und eilend, um so schnell als möglich wieder zu meinen Büchern zurückzukommen. Nur bei den Kriegsspielen meiner Kameraden fehlte ich nie, und gewöhnlich spielte ich die Rolle des Commandirenden. Das nahm aber einst ein übles Ende, als man den Stadtgraben am neuen Thore bestürmte. Ich sprang, der erste, über die Mauer der Brücke hinunter, und büßte das unbesonnene Unternehmen mit einein Bruche des linken Beins.

Um diese Zeit begann der große und in der Hauptsache siegreich beendigte Kampf mehrerer teutscher Pädagogen gegen das herkömmliche einseitige, hier und da sogar ausschließende Treiben der lateinischen und griechischen Sprachlehre in den Schulen, das sie, den allgemeinen menschlichen Bildungszweck ins Auge fassend, in die gehörigen Schranken zurückzuweisen, und dadurch die bisher [7] meistens verlorne Zeit für den Unterricht in den eigentlichen Wissenschaften und in der vaterländischen Sprache zu gewinnen beabsichtigten. Es war gewiß nicht sowohl Vorliebe für das hervordringende System des Philanthropismus, als richtige Berechnung des Bedürfnisses seiner Schule, was Riegern vermochte, sich für das erstre zu erklären. Denn da seine Schüler, nur mit höchst seltenen Ausnahmen, sich dem Gewerbstande widmeten, so lag in ihrer Bestimmung doch gewiß kein Grund, sie zu tüchtigen lateinischen Stylisten und zu kunstgerechten Poeten in derselben Sprache zu bilden; im Gegentheile ward ihrem Lebensberufe besser durch einen planmässigen Unterricht in denjenigen sogenannten Realien gedient, die, während sie im menschlichen Geiste die Gabe des selbstständigen Denkens wecken und üben, in ihm zugleich einen Vorrath derjenigen Denkstoffe niederlegen, deren Erkennmiß für die Bestimmungen des Lebens aufklärend, nothwendig und fördernd sind.

 

Berliner Lehrbuch des Consistorialraths Reccard

 

Rieger legte bei diesem Unterrichte das bekannte, sehr zweckmäßig eingerichtete und einen großen Reichthum mannigfaltiger Materialien enthaltende Berliner Lehrbuch zu Grunde, das im Jahre 1765 von dem Consistorialrathe Reccard in Königsberg zuerst herausgegeben wurde, und dann, in mehrern Auflagen wiederholt, in sehr vielen Schulen, in und ausser der preussischen Monarchie, als Leitfaden des Realunterrichts gedient und sich lange erhalten hat. Damit wurden Vorlesungen aus Sulzers Vorübungen und J. P. Millers historisch-moralischen Schilderungen und mannigfaltige Uebungen in der Vaterländischen Sprache verbunden, und der Religionsunterricht – während jedoch die althergebrachte unsäglich elende Kinderlehre, im gemeinen Leben das Götterbüchlein genannt, noch immer auswendig gelernt werden mußte – nach Dieterichs Anweisung zur Glückseligkeit nach der Lehre Jesu ertheilt, welche, obwohl auf dem unhaltbaren eudämonistischen Princip beruhend, eine sehr gesunde, klare, fruchtbare, von allem Wuste der zu dieser Zeit immer muthiger und glücklicher bekämpften Systemstheologie gereinigte Darstellung des Christenthums enthielt. Bei meiner leichten Auffassungsgabe und meiner mit unersättlicher Begierde befriedigten Leselust erlangte [8] ich durch diesen Unterricht einen für mein Alter nicht gewöhnlichen Vorrath mannigfaltiger, besonders historischer und geographischer Kenntnisse; zugleich schritt ich im Lateinischen und Griechischen im Verlaufe weniger Jahre vom Speccius und Joachim Lange's Gesprächen bis zum Sallust und zum Virgil, und von Stroths Chrestomathie zu der von Geßnern fort. Die Lobsprüche und Prämien, die ich bei den Schulvisitationen erhielt, und das Aufsehen, das ich durch meine Leistungen in den öffentlichen sonntäglichen Katechisationen machte, ließen es meiner jugendlichen Eitelkeit nicht an Ermunterungen fehlen. Noch höher aber schlug ich die Geschenke an, mit denen bald die von mir verfertigten, und bei den Begräbnissen abgelesenen Personalien der Verstorbenen von den Hinterlassenen derselben, bald die Ergüsse meiner poetischen Ader, die größten Theils religiösen Inhalts waren, von frommen Vettern und Basen belohnt wurden.

Um diese dichterische Richtung zu erregen, konnte meine Lectüre nicht beitragen, da sie sich meistens auf veraltete und geschmacklose Bücher bezog, so gut sie in einer kleinen obscuren Reichsstadt zusammenzubringen waren, und unter denen, wie ich mich noch lebhaft erinnere, Münsters Kosmographie, die Schwäbische Chronik von Martin Crusius und die Insel Felsenburg zu meinen glücklichsten Funden gehörten. Als mir denn durch glücklichere Zufälle Gellert, Lessing und Haller in die Hände geriethen, fühlte ich neue Saiten meines Gefühls angesprochen, und ich konnte dem Drange nicht widerstreben, die vernommenen Töne in meiner Weise wieder erklingen zu lassen; eine mächtige Erregung empfing aber dieser Drang durch das Beispiel, das mir mein Landsmann, der Dichter Schubart gab, der damals durch sein glänzendes Kunsttalent und durch die Genialität, die Kraft und das Feuer seiner poetischen Erzeugnisse eines weitverbreiteten Ruhms genoß und dessen Name nicht anders als mit patriotischem Stolze in meiner Vaterstadt genannt wurde, deren Bewohner freilich die Ausschweifungen und Verirrungen, denen sich diese so trefflich ausgestattete Natur überließ, und die mannigfaltigen Schattenflecken, die ihre Hervorbringnngen bedeckten, nicht zu beurtheilen im Stande waren. Man erzählte [9] sich eine Menge Anekdoten von dem Muthwillen seines Jugendlebens; man konnte seine ungedruckten Gedichte aus dieser Zeit auswendig; man wiederholte lange Stellen aus den Predigten, durch die er als Candidat die Gemeinde erbaut hatte.

 

Christian Friedrich Daniel Schubart (Schubartmuseum Aalen)

 

Ich war etwa neun Jahre alt, als ich ihm, da er bei der Hochzeit seines Bruders, des dortigen Stadtschreibers, wieder nach Aalen kam, als ein Knabe von guter Hoffnung vorgestellt wurde. Er legte seine Hand auf meinen Kopf und sprach mit seiner Stentorsstimme: „Gottfried! werde ein ganzer Kerl und mache deiner Vaterstadt Ehre, wie – sezte er mit seiner bekannten Eitelkeit hinzu – wie ich!“ Diese Worte wirkten auf mich, als hätte sie ein Heiliger gesprochen; der Eindruck derselben wurde auch nicht geschwächt, als der Dichter unmittelbar darauf das Lessingische Gedicht: „Gestern Brüder! könnt ihr's glauben?“ unter Musikbegleitung sang, und gräßliche Grimassen dazu schnitt. Wenige Monate später wurde er von dem Herzoge Karl von Württemberg, durch einen schändlichen Verrath, nach Blaubeuren gelockt, ergriffen und in engen Gewahrsam nach Hohen-Asperg gebracht. Darüber kamen die wackern Reichsbürger in Aalen in große Bewegung, indem es ihr Rechtsgefühl aufs Aeusserste entrüstete, daß ein Fürst sich vermaß, einen der ihrigen, ohne voraus gegangene Anklage und Untersuchung, ja ohne ihm nur den Grund seiner Verhaftung anzuzeigen, in einem unterirdischen Gewölbe bei lebendem Leibe zu begraben. Das schreckliche Schicksal, das despotische Willkühr über Schubarten verhängt hatte, erhielt das Bild, das von ihm in meiner Seele war, noch lebendiger und kräftiger, obwohl im Hinlaufe der Zeit der Strahlenkreis, der es früher umgeben hatte, sich in dem Verhältnisse, in dem meine Urteilsfähigkeit sich entwickelte, verlor. Gleiches Schicksal hatte die jugendliche Lust, meine Gefühle in eigenen poetischen Versuchen auszudrücken, da ich bald zu der Erkenntnis kam, daß die Mittelmäßigkeit, wenn sie auch sonst in allen Kreisen des Lebens Duldung findet, in der Welt der Dichter ewig unverzeihlich bleibt.

Noch brachte mich mein Knabenalter mit einem andern in der Literatur jener Zeit einen achtbaren Namen behauptenden [10] Gelehrten in Berührung, der beinahe in jeder Rücksicht der gerade Gegensatz von Schubarten war, und noch tiefere Eindrücke hinterließen, zur Förderung meiner Bildung, sein Beispiel und seine Lehren in meinem Gemüthe. Das war Thomas Witzenmann [geboren 2. November 1759 in Ludwigsburg, gestorben 22. Februar 1789 in Mülheim], ein trefflicher Jüngling, von reinem, frommem Sinne, ein scharfsinniger Denker, in seinen philosophischen Ansichten sich dem Systeme Jacobi's zuwendend, und durch sie den biblischen Offenbarungsglauben kräftig unterstützend, klar und geistreich in der Darstellung seiner Ideen, und bei einem poetisch-mystischen Anfluge oft Original im Gedanken und im Ausdrucke. Es bestand zwischen ihm, der als Pfarrgehilfe in Essingen, einem Dorfe in der Nähe von Aalen, angestellt war, und Riegern ein lebhafter literarischer Verkehr, der von meiner Seite dadurch vermittelt wurde, daß ich die gewechselten Briefe und Pakete hin und her trug. Da saß ich denn manche Stunde in dem kleinen Vikariatsstübchen, das später einige Jahre mir selbst zum Museum dienen sollte, und hieng mit liebender Aufmerksamkeit an den Lippen des edeln jungen Mannes, die Unterweisungen, Belehrungen und Ermahnungen vernehmend, die er mir ertheilte, und mit denen er den Zurückgehenden oft noch eine lange Strecke auf dem Felde begleitete. Einen sehr tiefen Eindruck machte die oft wiederholte Erinnerung auf mich, daß, um zu einer großen Masse begründeter und geordneter Kenntnisse zu gelangen und den Geist wissenschaftlich zu bilden, die bloße Lectüre bei weitem nicht zureichend sey, sondern mit ihr ein anhaltender täglicher Fleiß im Extrahiren, Excerpiren und Selbstcomponiren verbunden werden müsse, welche Erinnerung er durch sein eigenes Beispiel bestätigte, wie ich ihn denn unablässig mit der Feder beschäftigt und seinen Tisch immer mit einer Menge Skripturen bedeckt sah. Das Vorbild, das er mir, in dieser Weise des Studirens, gab, stand in meinem folgenden Jugendleben stets ermunternd und aufregend vor meinen Augen, und indem ich es emsig nachzuahmen suchte, befestigte es in meinem Streben eine Gewohnheit, der ich auch später, so viel die Umstände gestatteten, getreu geblieben bin, und die mir zu manchem geistigen Gewinn verhalf, dessen ich ohne sie entbehrt haben würde. Witzenmann verwechselte seinen geistlichen [11] Beruf in Essingen mit einer Hauslehrerstelle im Herzogthum Berg, ward bald der Hausgenosse seines Freundes F. H. Jacobi auf dessen Gute Pempelfort, und erregte die Aufmerksamkeit der Denker durch seine geistvolle Schrift: Die Resultate der Jacobi'schen und Mendelsohnischen Philosophie, als ein früher Tod sein schönes Leben, in der hoffnungsreichsten Entfaltung seiner Blüthen, endete (22. Febr. 1787).

Auch der Religionsunterricht, den ich, mit mehreren Genossen meines Alters, vor der Confirmation empfieng, blieb nicht ohne kräftige und nachhaltige Wirkung für mein geistiges Leben. Er wurde von dem damaligen Pfarrgehülfen Vötter, der später als Diakonus in Aalen starb, ertheilt, einem jungen Manne, dem sein durch historisches und biblisches Studium wohl begründeter religiöser Glaube, die Mitte haltend zwischen der damaligen niederreissenden theologischen Aufklärung und der starren Orthodoxie der frühern Zeit, zu einer lebendigen Kraft des Gemüths geworden war, diesen Glauben mit Eifer verkündend, um ihn auf gleiche Weise in den Gemüthern seiner Zuhörer zu beleben, mit gewissenhaftem Ernst in seinem Berufe arbeitend, ein Meister im populären, sein Licht ruhig verbreitenden Vortrage und durch Ernst und Eingezogenheit im Wandel ein wahrhafter Geistlicher. Da Rieger mit ihm, in dem er bei der nächsten Amtserledigung in dem Ministerium der Stadt einen gefährlichen Mitbewerber erblickte, in gespanntem Verhältnisse lebte, so durfte ich mit ihm nicht in nähere Berührung kommen; das war aber während des Confirmationsunterrichts unvermeidlich, und so begab es sich, daß mich Vötter in seinen besondern Schutz nahm, mich vor allen meinen Mitschülern auszeichnete, die neutestamentlichen Beweisstellen durch mich in der Grundsprache aufschlagen und erklären ließ, und mit vielen Fragen und Erörterungen in eine Region emporstieg, in die nur ich ihm nachfolgen konnte. Rieger hatte den Religionsunterricht beinahe ausschließend als Sache des Verstandes betrieben; es sollte ein hellstrahlendes Licht, wenn es gleich nicht erwärmte, allen Ansprüchen genügen, und eine folgerechte Erkenntniß, wenn sie gleich keine fruchtbare war. Vötter aber sprach an die Herzen und an das Gefühl seiner jugendlichen Zuhörer, [12] und suchte, was er sie lehrte, in Andacht, Sehnsucht, Liebe und Hoffnung lebendig zu machen. Es ist mir unvergeßlich, wie kräftig er dadurch auf mein durch die mütterliche Erziehung für solche Anklänge empfängliches jugendliches Gemüth wirkte, und ich kann es in Wahrheit sagen, daß die Eindrücke, die seine Religionsstunden auf mich gemacht haben, mir noch lange nachher, unter den mannigfaltigen Versuchungen und Trübsalen meines Jugendlebens, warnend, ermunternd und tröstend geworden sind. Durch ihn gewann ich auch zuerst einen bestimmten Begriff von der Natur und dem Werthe des klaren und faßlichen Vortrags im Gegensatze gegen Unbehülflichkeit und Schwulst oder die wissenschaftliche Büchersprache, worin bald ein verkehrter Geschmack, bald die gelehrte Eitelkeit sich gefällt, und durch welche die edelsten und fruchtbarsten Ideen gewöhnlich entweder verdunkelt und entstellt werden, oder gänzlich erlöschen. Freilich klangen Vötters Predigten nicht so vornehm und gelehrt, als die des gerade auf diesen Effect rechnenden Schulmanns; aber da ich den Hauptinhalt der erstern immer während des Vortrags in meine Schreibtafel aufzunehmen pflegte, so lernte ich bald einsehen, daß zur Ausarbeitung derselben nicht weniger Gelehrsamkeit und Nachdenken erforderlich war, als in der leztern aus offener Hand dargeboten wurde, so wie mir auch die Zweckmäßigkeit und das Verdienstliche jener Vortragsweise in Vergleichung mit dieser nicht entgieng.

Als nun die Confirmation vorüber war, erschien die Zeit, in der ein Entschluß über meine künftige Bestimmung gefaßt werden sollte. Daß es mir zu jedem Berufe, in dem durch Händearbeit das tägliche Brod verdient wird, eben so wohl an Geschick als an Lust gebreche, darüber kamen die Berathenden alle überein; zu einer derjenigen Bestimmungen aber, die man die höhern nennt, nicht weil ihre Aufgabe edler ist, als die der andern, sondern weil die Ordnung des bürgerlichen Lebens ihnen eine höhere Stellung einräumt, fehlten in dem täglich tiefer sinkenden häuslichen Zustande der Eltern die Mittel. Zu einem Unterkommen in einer Schreibestube, ohne das erforderliche Lehrgeld, wollte sich keine Gelegenheit finden. Auch die gemachten Erkundigungen, um die Kaufmannschaft unentgeldlich zu erlernen, schlugen fehl. Ein [13] schon zur Reife gediehener Plan, vermöge dessen ich mich der Apothekerkunst in Göppingen widmen sollte, ward durch das Feuer, das diese Stadt in einen Schutthaufen verwandelte (1782), zerstört.

 

Göppinger Stadtbrand 1782

 

Da trat der Stadtschreiber Schubart, der sich meiner immer freundlich angenommen und meine Fortschritte und Leistungen mit besonderm Interesse beobachtet hatte, bin, und erklärte, dem natürlichen Berufe zu einer wissenschaftlichen Bestimmung, der in diesem Knaben sei, thue man mit Unrecht Gewalt an, und die Beispiele derer, die im Schooße der Armuth geboren, doch den Weg zu dem Altare und der Kanzel, zwar mühesam, doch glücklich, zurückgelegt haben, seyen nichts weniger, als selten. Ueberdieß, fuhr er fort, sei es in dieser Stadt herkömmlich, daß Bürgerssöhne, wenn sie sich dem Dienste der Kirche widmen, so weit ihre eigenen Kräfte nicht reichen, aus öffentlichen Mitteln Unterstützungen erhalten, die zwar, nach demselben Herkommen, später wieder ersezt werden müßten, aber doch das augenblickliche Bedürfniß befriedigen; auf diese Weise könne auch bei mir das unmöglich scheinende möglich gemacht werden. – Diese freundlichen Worte fanden allgemeine Zustimmung; der Magistrat sicherte bereitwillig die erforderliche Beihülfe zu; Rieger erbot sich, meine Studien bis zum Antritte der akademischen Studien zu leiten, wodurch die Kosten eines auswärtigen Gymnasial-Unterrichts erspart wurden; ich aber war entzückt über die alle meine Hoffnungen so weit übersteigende Aussicht in die Zukunft, die ich vor mir aufgehen sah, saß von nun an mit verdoppeltem Eifer über meinen Büchern, und statt, wie bisher, an den Samstagen Abends die Predigten in dem elterlichen Hause aus dem Krankentroste vorzulesen, arbeitete ich sie izt selbst aus und legte sie auswendig ab.

Rieger erfüllte sein Erbieten mit einer Treue, durch die mein dankbares Andenken an ihn unauslöschlich geworden ist. Zwar war der höhere Unterricht, den er mir ertheilte, seiner Neigung freilich weit gemäßer, als sein amtlicher, in einer niedrigem Region sich bewegender Beruf; aber er widmete sich mir mit so viel Anstrengung und Aufopferung von Zeit, so wie ohne alle Rücksicht auf irgend eine Entschädigung, die ich ihm auf keine [14] Weise gewähren konnte, daß sein Wirken für meine Bildung ihm die gerechtesten Ansprüche auf das Verdienst verlieh, das durch die reinste und edelste Thätigkeit und durch festes Verharren in der Ausführung eines durch Liebe und Humanität motifirten Entschlusses erworben wird. Den ordentlichen Stunden, die er in seiner Schule gab, wohnte ich zwar nur noch in so weit bei, als meine Theilnahme für den Fleiß der übrigen Schüler förderlich und ermunternd, oder auch für ihn erleichternd seyn konnte; dagegen theilte er den größten Theil der übrigen Zeit, wobei selbst die Stunden der Nacht nicht unbenüzt blieben, meinem Unterrichte zu. – Die Hauptgegenstände desselben waren cursorische und statarische Lectüre der römischen und griechischen Classiker, nach einem fortschreitenden Plane, fleißige lateinische und teutsche Stylübungen, hebräische Sprache nach dem Schröderischen Lehrbuche, Theorie der schönen Redekünste und Alterthumskunde nach Eschenburg und theoretische Philosophie nach Feder. Meine frühe schon vorherrschende Neigung für Geschichte und Geographie mochte es rechtfertigen, daß er diese Fächer nicht in seinen ordentlichen Unterrichtsplan einschloß und sich blos darauf beschränkte, die Auszüge und Tabellen, die ich vermittelst der mir mitgetheilten Lehrbücher anfertigte, zu durchsehen, oder von Zeit zu Zeit meine Fortschritte zu prüfen. In der That ergab ich mich auch diesen Studien mit so viel Vorliebe, daß ich in Ansehung derselben keines Antriebs von aussen, sondern eher einer hemmenden Leitung bedurfte, indem ich sie oft auf Kosten anderer Fächer, die in diesem Alter nie ohne bleibenden Verlust zurückgesezt oder vernachlässigt werden, betrieb; in welchen Fehler mich die jugendliche Eitelkeit um so leichter fallen ließ, da ich, bei einem sehr glücklichen Gedächtniß, bald in den Besitz einer großen Menge Notizen kam, deren Mittheilung in dem Kreise wackerer, für solche Dinge sehr empfänglicher Bürgerfamilien, in dem ich lebte, mit Beifall und Bewunderung aufgenommen wurde. In dem Gebiete der historischen Stoffe gewann ich aber, nachdem Christoph August Heumanns Conspectus, Gottlieb Stolle's äusserst geschmackloser Commentar über denselben und Jöchers Gelehrten-Lexikon mir in die Hände gefallen waren, eine [15] besondere Liebhaberei an der sogenannten Literarhistorie, ohne freilich damals mir einen wissenschaftlichen Begriff von ihr bilden zu können, und die Geschichte der Gelehrten, der Bücher und der literarischen Anstalten gehörte zu meinen höchsten Genüssen und Erholungen, und füllte bald eine Menge Bögen in meinen Excerptenheften an. Diese Liebhaberei ist mir auch mein ganzes Leben hindurch geblieben, obgleich die Fortschritte der spätern Zeit mich in Ansehung derselben auf höhere Standpunkte stellten, während die Jugend ihr Ergötzen lediglich an Namen, Zahlen und den äussern Gestalten der wissenschaftlichen Bildung fand. Indessen war auch nicht verloren, was auf diesem ergötzlichen Wege gefunden worden, indem eigentliche gelehrte Bildung unerläßlich durch eine alle Zeitalter und Nationen überschauende Kenntniß der Literatur bedingt ist, und ein Vorrath frühe erlangter Notizen in diesem Fache ein Erwerb für das ganze spätere Leben wird, den man in ihm, wenn er einmal versäumt ist, nur selten mehr so reichlich, wie in der Jugend, zu machen vermag. Auch das Studium der französischen Sprache blieb meistens meinem Privatfleiße überlassen, und wurde mit so gutem Erfolge fortgesezt, daß ich kaum der Frist einiger Monate bedurfte, um jeden Autor – zumal meinen Liebling, den Historiker Rollin – ohne Schwierigkeit lesen zu können.

So verdienstlich aber auch in jeder Rücksicht der Unterricht war, den ich von Riegern empfing, so konnte mir derselbe doch die Vortheile nicht ersetzen, welche die vorbereitende wissenschaftliche Erziehung an einem öffentlichen Institute, von einigem Umfange, gewährt. Zwar gab es damals noch wenige Anstalten dieser Art in Teutschland, welche des hergebrachten starren und geistlosen Schlendrians, in den Stoffen und der Methode des Unterrichts, sich entschlagen, und die Reformen, welche das in der pädagogischen Welt anbrechende Licht als unerläßlich darstellte, in sich geltend gemacht hätten. Dagegen war in diesen Anstalten, wo mehrere Lehrer in mehrern sich stufenweise folgenden Klassen arbeiteten, Vielseitigkeit der Kenntnisse, des Verfahrens und der Charaktere; was der eine weniger leistete, erfüllte der andere vollkommener; der Jüngling sah sich in einen Schauplatz mannigfaltiger [16] Erscheinungen, Gestalten und Reibungen versezt; der gemeinsam genossene Unterricht erleichterte, durch die sich darbietenden Vergleichungen, das richtige Urtheil über das Maaß der eigenen Leistung, und beugte durch den erregten Wetteifer der geistigen Erschlaffung und der Selbstgenügsamkeit auf der einmal erreichten Linie des Wissens vor; überdieß gab die in diesen Anstalten bestehende strenge Zeiteintheilung und regelrechte Ordnung der frühern Jugend Angewöhnungen, die ihr für das ganze künftige Leben nüzlich werden konnten. Alle diese Vortheile mußte der einzelne Schüler des einzelnen Lehrers entbehren. Der erstre konnte nur das werden, was der leztere war, und er mußte in einer kläglichen Einseitigkeit befangen bleiben, da der leztere als das einzige Ideal der Vollkommenheit vor ihm stand, und nur eine Quelle des Erkennens und Denkens vor ihm floß. Für seine Fortschritte, über die ohnehin die Eigenliebe den einzeln stehenden leicht täuschen konnte, fehlte es ihm an einem vergleichenden Maaßstabe, und an den Ermunterungen, die der Anblick des größern Verdienstes gewährt. Ueberdieß war Rieger selbst, in den kleinen Verhältnissen, in denen er sein Leben zugebracht und die ihm beinahe allen unmittelbaren Verkehr mit andern Gelehrten abgeschnitten hatten, in einer sehr beschränkenden, sich selbst überschätzenden Einseitigkeit befangen, und so ansehnlich sein Reichthum an Kenntnissen, in Sprachen und Wissenschaften seyn mochte, so fanden sich doch in den einen und andern bedeutende Lücken, unaufgehellte Punkte und irrige Ansichten, die mit dem Richtigen und Klaren, was er mittheilte, auch auf den Schüler übergingen, und die, bei einer spätern bessern Leitung, auszufüllen und zu berichtigen, dem leztern oft schwerer wurden, als der Erwerb neuer Kenntnisse oder der Anbau eines noch gar nicht bearbeiteten Bodens. Zu diesem Fehler kam bei mir ein noch viel größerer, der zu jener Zeit, wo die Regierungen, – gewiß der Wahrheit näher als izt – den Studienlauf der Jünglinge noch nicht am Gängelbande zu leiten gewöhnt waren, sehr häufig begangen wurde, nämlich das Eilen in die akademischen Hörsäle, das nur durch eine ungebührliche Verkürzung der Gymnasialstudien ausgeführt werden konnte. Von diesem Fehler hatten die Autoritäten und die wackern Bürger von Aalen keinen Begriff. Es war [17] natürlich, daß ich ohne Säumen meinem Ziele entgegen ging, das man in der Kunst, eine schulgerechte Predigt abzulegen, gesteckt sab. Vater und Mutter konnten es ohnehin nicht erwarten, bis sie mich auf der Kanzel erblickten. Mein jugendlicher Sinn hatte keine größere Sehnsucht, als die, aus den Mauren meiner kleinen Vaterstadt, die meinem durch mannigfaltige Studien erweiterten Blicke längst zu enge geworden waren, sobald möglich in die Welt hinauszukommen. Also trat ich, ein Jüngling der kaum das sechszehnte Jahr zurück gelegt hatte, zwar von unverdorbenen Sitten und lebendigem religiösen Sinne, aber in meiner Ansicht des Lebens, in meiner äussern Gestaltung und in meinem Betragen beschränkt, unbehülflich und unaussprechlich blöde und scheu, das leibhaftige Bild eines jungen Kleinstädters – im Herbste des Jahrs 1784 die Reise auf die Universität Altdorf [die 1623 gegründte Universität der Stadt Nürnberg] an, auf die meine Wahl blos aus dem Grunde gefallen war, weil auch mein Lehrer auf ihr seine Studien gemacht hatte. Von Seiten des Magistrats wurde mir eine Ausstattung von 50 Gulden überreicht, und mit der nicht sehr beruhigenden Bemerkung begleitet, daß ich damit ein halbes Jahr lang auszureichen hätte. Unter vielen Thränen, dem Ausdrucke der herzlichsten Liebe und Dankbarkeit, schied ich von Riegern, und mit inniger Rührung vernahm ich die väterlichen Ermahnungen, womit der Wohlthäter meiner Jugend mich entließ.

Wie hätte ich dem braven Manne vergelten können, was er für mich gethan hat? Eben so wenig vergalt es ihm das Schicksal. Alle seine Bemühungen, ein besseres Glück, auf einer höhern Lehrstelle oder in einem geistlichen Amte zu erlangen, schlugen fehl; seine schriftstellerischen Arbeiten, die seinen Namen auswärts bekannt machen sollten, wurden, bei der Unvollkommenheit ihrer Form, von dem Publikum mit demüthigender Kälte aufgenommen; die kleine Heimath bot ihm keine Lufbahn dar. So schleppte er sich, mit Unlust eines sehr kärglich belohnten Berufes wartend, den er für seine Kräfte zu gering hielt, noch über zwanzig Jahre fort, da er endlich, nachdem die Stadt Aalen unter Württembergische Hoheit gekommen war, als Pfarrer nach Zainingen, einem Dorfe auf der höchsten Spitze der rauhen Alb, wo des Jahres das Einheizen der Zimmer nur dreißig Tage lang unterlassen werden [18] kann, versezt wurde. Als er auch hier geraume Zeit mit mannigfaltigen Ungemächlichkeiten gekämpft hatte, beförderte ihn das seine Verdienste anerkennende Consistorium zu Stuttgart auf die einträgliche und besser gelegene Pfarrei Seissen [heute Stadtteil von Blaubeuren], wo aber der des Lebens müde Greis nach kurzem Verweilen seine Tage endete, ohne daß ihm in seinem Tode der Trost geworden wäre, die Seinen in glücklichen Umständen zu hinterlassen.

 

Johann Gottfried von Pahl