B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A
           
  Heinrich von Mügeln
um 1320 - nach 1371
     
   


D i e   G ö t t i n g e r   S p r u c h s a m m l u n g
I I .   B u c h .


Die digitale Version dieses Textes
wurde freundlicherweise von Michael Stolz
zur Verfügung gestellt.

Kritischer Text aus:
Die kleineren Dichtungen Heinrichs von Mügeln.
Erste Abteilung: Die Spruchsammlung des Göttinger Cod. Philos. 21,
hrsg. v. Karl Stackmann, 3 Teilbände, Berlin 1959
(Deutsche Texte des Mittelalters 50 - 52), 2. Teilband, S. 147 - 181


______________________________________________________________________


[Vorrede im Göttinger Cod. philos. 21:]

Als der meister hat gesagt von der herschafft des
hymmels, also wil er sagen von der herschafft
der erden vnd etliche keyser mit namen nennen vnd
sie flechten tzum besten vnd tzu dem ergisten nach
yres werckes lone. In dem selben done.

18 (1)
Dem wißen louwen lob uß mines herzen mar
     flüßt. sint in milde fant in einem adelar,
          des quam er uf der hochsten wirde stufe.
der selbe louwe dri naturen an im hat:
     der tier ein küng, in truwen folget milde phad,
          sin todes welf weckt er in milde rufe.

in rechter tat freis ist sin mut:
     ab er nach der naturen louf entslafe,
sin oug er nimmer zu getut,
     sin fride wacht in swerer bruches strafe.

der truw ein sam und war gericht
     wechst unde blüt uß sines herzen tigel.
des han im lob die welf geticht,
     die er nam uß des todes ingesigel.

der armen mangel frides hat         in vollen wol genossen
     sint das des milden louwen lut         sie hat behut.
          gnad, fride, milde, ere, recht         ist gar uß im geflossen.

19 (2)
Den adelar werk sines adels hat benant,
     den die natur in künig Johannes herzen fant,
          daruß der milde same quam gerunnen.
für war, ich spreche sunder falsches lobes wan,
     das solchen frid Aswerus noch her Salomon
          in ires riches erste nie gewunnen.

sin flug über aller eren berg
     in wisheit ist gerichtet gein der sunnen.
im gibet der naturen werk,
     das er sin alder junget in dem brunnen.

der truw ein spring ist er genant,
     süß unde sur flüßt er nach werkes lone.
da er den wag des frides fant,
     da güldet sich des adelares krone.

lob ich dem milden adelar         stet in gesange tichte,
     - die milde sines louwen mut         stet lachen tut -
          der anger, heide, berg und tal         in frides milde richte.

20 (3)
Des küniges lob von Rom wirt nimmer überricht,
     was meister kunst uß pinsel lobes farbe stricht:
          unrecht, gewalt sin fride hat gebunden.
sins louwen mut ist glich hern Jonatas
     und Judas Machabeus, der der beste was,
          wie sie in tat war ritters orden funden.

küsch, rein, mild ist er sam Noe,
     dem got der werlde fride hat geswaren;
geloubig sam her Josue,
     durch den die sunne loufen muste sparen.

in warer gotes lieb er ist
     sam her David ein spiegel sinem riche.
untruwe brach er ir genist,
     sin wisheit ich hern Salomon geliche.

geistlich sam her Josias ist          er gar zu allen stunden,
     demütig sam her Moises          und Manasses.
          in keiser Karlen herzen brunn         sint alle tugende funden.

[ . . . ]