B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A
           
  Albrecht von Eyb
1420 - 1475
     
   


D a s   E h e b ü c h l e i n

Z w e i t e r   T e i l ,   5 .   K a p i t e l

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Wie ſich ein fraw halten ſolle
In abweſen irs mannes.

     DIſe hernachgeſchriben hýſtori oder fabel gibt zuuerſteen, Wie ſich ein fraw halten ſolle in abweſen irs mannes, die ich auch auff das kůrtzt auß latein in teůtſche bringen will, als ich dann diſes půchlein aus latein an manchen enden genumen vnd geordent hab. Es iſt ein ſtat in welſchen landen, genant Janua, gelegen beý dem mere; dieſelbe iſt an burgern, an reichtum, an narung, an kawffmanſchafft vnd an hanttierung mit ſchiffen ůber mere ůberflůßig vnd fruchtpar. da iſt geweſt ein man, genant Aronus. Als der man vil Jare ůber mere mit kauffmanſchafft gearbeit vnd vil reichtums erlanget het, gedacht er in ſeinem gemůte, wie er weýb vnd kinder, die in ſolten erben, gehaben mỏcht, vnd thet alſo vleýß durch ſich vnd ander ſein freůnde, wie er mỏcht gefinden ein iunckfrawen, die im geneme vnd geuellig were. do was in derſelben ſtat ein edele iunckfraw, Marina genant, hůbſch vnd wolgeſtalt, die Aronus zu einem eeweýbe begert zuhaben vnd offenbaret alſo ſein willen den eltern vnd freůnden der iunckfrawen. derſelben willen erlangt er, vnd ward im die iunckfraw Marina geben zu der ee, vnd die hochzeit [34a] mit großen freůden, frolocken vnd geziere gemacht vnd volbracht. Als nun Aronus ein iare beý Marina, ſeiner hawßfrawen, in frỏlichkeit vnd wolluſt was geweſt, ward ine verdrießen, in můſſigkeit doheýmen zuſein, vnd gedacht, wie er gen Allexandriam mit kauffmanſchafft von dannen zuſchiffen verleben vnd beraiten vnd ſollichs ſeiner frawen verkünden vnd zu ir ſprechen: «Mein liebe haußfraw Marina, das liebſt, das ich hab auff erden, biß frỏlich vnd erſchrick nicht! ich wirde ſchiffen gen Allexandriam; bitte dich, du wolleſt kein mißuallen daran haben: ich will bald herwider kumen. mit diſen kůnſten hab ich gewunnen ere vnd gut vnd alles, das wir haben, vnd gibt got, das es glůcket zu diſem male, ſo ſoll mein ſchiffen damit ein ende nemen. Nu thut nott, das du an dich nemeſt ein menlichen mut; alles, das ich hab, vnd alle ſorge will ich dir beuelhen vnd in nichten mangel laßen: du ſolt frỏlich ſein, ſo wirt mein weg vnd ůberfaren auch deſter frỏlicher weſen. Nu iſt nichts vndter vnns zweýen zuuerpergen, wann vnſer ere, nutze, ſchand vnd laſter, gut vnd ůbel ſein vns beiden gemein. Ich bedenck, wie du ein ſtarcke, hůbſche, zarte, luſtige, iunge fraw piſt, vnd erkenne, was die Jugent, die geſtalt vnd verporgene, inwenndige hitze der natur wůrcken ſein, Alſo das dir vnmůglich ſein wirdt, die zeit, die ich außen bleýben bin, on ein anndern man zuleben, wiewol du ýetz – als mir nit zweifelt – keůſchen mut, begire vnd gedanncken habend biſt; doch ſoll mich ſollichs nit bekümern, was die natur gibt vnd du nit magſt vermeiden, Vnd will das zum letzten von dir bitten in aller lieb, ſouil ich mag, das du keůſch beleibeſt, ſouil dir můglich iſt. Ich will dir kein hůter ſetzen, du ſoltſt der hůter ůber dich ſein: wann kein hůte ward nýe ſo ſicher, die ein vnwillige frawen mỏcht [34b] keůſch behalten. So aber die hitze des geblůte wirt wůten machen vnd magſt dich nit mer auffgehalten, keůſche zu beleiben, bitt ich dich, mein liebe hawßfraw, du wỏlleſt in den dingen geſcheýde vnd fůrſichttig ſein, das es nit kum vndter die leůte, das mir vnd dir zu ewiger ſchande kumen mỏcht vnd den kindern, die du von mir magſt empfahen; vnd wie du dich in diſen dingen ſolt halten, will ich dich vndterweiſen. Du weiſt wol, das vil hůbſcher, ſtarker iůngling ſein in diſer ſtat. auß den allen magſtu dir einen fůrnemen, domit du magſt wolluſt haben vnd ſpilen, der do ſtille, weis vnd fůrſichttig iſt vnd die ſache als geren heimlich heltet als duſelbeſt, vnd ſolt keinen erwelen, der do ſeý wild, wanckelmůtig, vngeſtůme vnd vnerberg: wann derſelb mỏcht es nit heimlichen gehalten, vnd wurd ýderman kund gethan. das iſt, das ich begere vnd bitte; ſo du mir ſollichs piſt zuſagen vnd geloben alſo zuhalten, wirſtu mich hoch erfreůen, vnd will nit, das du mir antwurt geweſt, als gewỏnlich die frawen in ſollichen dingen pflegen zuthun vnd ſprechen: ««Lieber man, wann kumſtu here mit diſen wortten? wie kumen dir ſollich gedancken in deinen ſýnn? wie magſtu dich damit bekůmern? Ich halt, du getraweſt mir nit. behůt mich got, ſollt mir ſollichs zuuallen! mit nichten! Ich bedarff dir ſollichs nit geloben, got ſeý daruor, das ich den tag erlebe, das ſollichs in mein gedancken kume, ich geſchweige, das ich es thun ſolt.»» Sỏllich antwurt, liebe Marina, hab ich dir fůrgehalten, das du ſie wỏlleſt vermeýden. Ich glawb gentzlich, das du itz gar ein glitten willen vnd fůrſatz habeſt: da wolleſt innen beleiben – das bitt ich dich –, ſo lengſtu magſt vnd dein iugent, begire vnd frecheit der natur můgen erleiden.» Als Aronus die rede mit Marina, ſeiner frawen, het gehabt, ward die frawe mit großer rỏten ires am[35a]plickes bedecket, vnd das weiplich hertz in ir zittern, vnd weſt nit, was ſie antwurten ſolt, wann Aronus het ir mit ſeinen worten genumen die antwurt, die die frawen pflegen zugeben; doch mit angſten ſuchet ſie ein antwurt vnd ließ faren die rỏten vnd erplaichet, vnd mit zittern wortten redet ſie alſo: «Mein ſůßer, lieber hawßwirt! mit deinen worten haſtu vaſt vnd vil mein gemůt vnd ſýnne betrůbet vnd erſchrecket, das ich ſollichs von dir ſolle hỏren vnd verſtien, das ich mein tag nýe gelernet noch gedacht hab. du thüſt vnrecht, das du mich, ein jungen frawen, mit diſen worten wilt verſuchen, bekůmern vnd vmbtreiben, vnd peinigt mich nit wenig, vnd weis nit, was ich reden oder antworten ſoll, das du ſpricheſt, du wiſt wol, ich můg nit keůſch bleiben in deinem abweſen. Ich ſag dir: das, was ich ýetz reden wirde, ſoll nit anders im hertzen ſein, dann es im munde wirdet lauten. Ich wolt ee eins pỏſen tods erſterben, vnd das man mich ýetz ſollt lebendig begraben, dann das ich den tag erleben ſolt, der mein keůſcheit vnd vnſer ee beſchedigen mỏcht, vnd bin in gantzem, ſteten willen, den tag deiner zukunft zuerharren mit keůſcheit meins leibs. Ob aber kumen wurd – da got vor ſeý, – das anders in mein gemůte vallen wurde, als du beſorgſt vnd mir fůrgehalten haſt, ſo will ich mich nach deiner lere halten, verheiße vnd gelob dir es alſo, ſo du es doch gehabt willt haben. vnd iſt mer, das du begerſt, das ſoll auch geſchehen, vnd ſolle dein will allzeit fůrgang haben vnd nit der mein.» Aus ſollicher antwurt der frawen wart aronus erfreůet, das er kawm die zeher mocht behalten vnd ſprach: «Liebe hawßfraw, was ich von dir hab begert, das hab ich empfangen; ſo du mir helteſt, das du haſt gelobt! daſſelb ſchleůß in dein hertz vnd beſtetig es mit einem veſten gemůte!» Des morgens ward ſich Aronus mit ſein [35b] geſellen auff das mere thun vnd ſchiffen mit gutem wind vnd glůcke gen allexandria, als ſie heten fůrgenumen. Marina, ſein hawßfraw, hůtet das hawß mit eim meýdlein vnd gedacht ſtetigs an iren lieben man, an die wort, die er mit ir het geredt, vnd an das gelůbde, das ſie gethan het, vnd lebet in groſſer erberkeit vnd keůſcheit. Sie was iung vnd bei fůnffzehen iaren: ob ſie etwas mit vnkeůſcheit het begangen, das man daſſelb mer der iugent vnd frecheit dann der poßheit zuſchreiben mocht. Als nun Aronus etzlich iare von ir geweſen vnd ir hůbſcheit der gantzen ſtat bekant was, kamen die iungling tag vnd nacht fůr das hawß zu pferden, zu fußen, ſpilten, ſanngen vnd erzeigten ſich in lieb vnd freůden, wie ſie mochten. Aber Marina thet als ein weiſe, erberge frawe vnd ließ ſich ir keinen nit ſehen; doch zuzeitten ſahe ſie durch die klůffte der venſter vnd ſahe do ſtien die hůbſchen, ſtarcken iůngling, die do ſangen, erſeůfftzten vnd annder zaichen der lieb erzaigten, wiewol die iůngling der frawen nicht mochten geſehen, vnd ward nun zweýfelen in irem gemůte vnd mocht nit lenger geſtillen die verporgen hitze der natur vnd ward mit vil ſorgen der lieb vmgeben; vnnd als ſie bedacht, wie ſie alein mit dem meidlein zu hawß wer, kein hůter vnd auffſeher het, die ſtat vnd zeit das mỏchten geleiden vnd ir die iugent vnd můſſiggien vrſach gaben, warden in ir enzůndet die flammen der vnkeůſcheit, vnd gedacht an die rede irs manns, wie es nit můglich wer, das ſie keůſch bleiben mỏcht, vnd nam fůr, ſeiner lere zuuolgen, wie ſie nit wolt erwelen ein wilden vnd wanckelmůtigen, ſunder ein ſtillen, weiſen, fůrſichtigen iungling, der ir vnd ſein ere lieb het vnd mỏcht bewaren. Zu denſelben zeiten kam gen Janua ein hůbſcher, iunger, gelerter man, der zu Banonia doctor worden was, [36a] Dagmanus genant; derſelb ging alle tag fůr Marina haws, als in ſein weg auff den marckt zu gien außweiſt: den ward Marina durch die gitter des hawſes anſehen vnd mercken, wie er hůbſch, ſtarck, iunck, zůchtig, erberg, guter ſiten vnd weſens was, vnd het gehỏrt, wie er weis vnd gelert were; auff den gedacht ſie alle ir lieb vnd gemůte zelegen vnd iren willen mit im zuerfůllen. Wenn derſelb doctor ging fůr das haws, ſtunde marina frỏlich vnd wolgeziert mit hare vnd kleýdern an dem venſter, beweiſt ſich vnd gab im zaichen der lieb vnd mocht doch nichts von dem doctor erlangen: wann er was guter ſiten vnd eines ſchweren ganges, zůchtig, ſchlug vntter die augen vnd wolt nit ſehen in das vennſter der frawen. Sollichs thet die fraw zu mererm male, do ſie den doctor domit nit bewegen mocht, ſchickt ſie zu im ein maid in ſein hawß, das er on verziehen zu ir in großen, nỏtigen ſachen ſollt komen. Der doctor bedacht, wie die fraw etwas mit gericht beladen were, vnd ward ſich fůgen zu der frawen. Marina, wiewol ſie hůbſche vnd iung was, het ſich geſchmůckt vnd geziert, die kamern vnd pette bedeckt, als ſich gepůrt in ſollichen dingen, die maýd ward den doctor empfahen vndter der thůre. do kam ime entgegen die fraw, empfieng in wirdigklichen mit freůden vnd nam in mit irer weiſſen, linden hennde vnd ſprach: «Ich will vor gien vnd eůch zaigen den weg,» fůret in hinauff in das haws in ein camern, thet ſie zu vnd laße mit im nýder fůr das pette. den doctor ward verwundern die ſchỏne vnd wolgeſtalt der frawen, die geziere der camern vnd was es mỏcht beteůten, vnd erſchrack. die fraw ward enzůndet, ſahe an den doctor mit ſteten augen vnd finge an mit im zureden vnd ſprach: «Dagmane, lieber, weýſer iůngling vnd doctor, die ſache, darumb ich dich beſendet [36b] han, will ich mit wenig worten ſagen. Ich bin an zweýfel, du ſeýeſt in guter kuntſchafft vnd freůnſchafft mit meinem man Arono. derſelb iſt mit kauffmanſchafft geſchifft gen allexandria, iſt auſſen in das dritt iare vnd hat mich hie gelaßen, als du mich ſiheſt. den halt ich fůr einen weýſen man, das er mein alter, mein natur vnd complexen hat erkant vnd mir geſagt, es ſeý nit můglich, das ich in ſeinem abweſen an menlichen troſt můg bleiben, das wolt ich im nit gelawben, aber nun empfinde ich, das es war iſt, wann mein iugent, mein geſtalt, mein gemůte vnd natur wỏllen nit dulden, das mir ſollich zeit vnnůtzlich ſoll entweichen, gleicherweýs als die erſten plumen des lentze, die bald iren geſchmack vnd varb verlieren vnd důrr werden, ſo ſie von dem natůrlichen einfluß werden gewendt vnd gehindert; vnd hat mich gebeten im zu geloben, ſo ich zu diſen dingen genaigt wurde vnd mich nit lenger mỏcht enthalten, das ich mir ſoll erwelen vnd fůrnemen ein ſtillen, weýſen vnd fůrſichtigen, der ſein vnd mein ere wiß zubebaren: als ich dich darfůr in diſer ſtat hab angeſehen. Ich getraw, du wolleſt mich nit verſchmehen; du ſiheſt, wie ich bin hůbſch vnd iunck: laß mich dir geuallen! wir ſein hie allein, nýmant ſoll es erfaren, du magſt mein man verbeſen, leb mit mir, wie du wilt!» Der doctor name die frawen beý der hende, erzaigt ſich frỏlich vnd ſprach: «O wie gar ein begirlicher tag iſt mir hewt erſchinen; eins ſollichen tags hab ich allzeit begeret! Ich mag nit geſprechen, das ich vnſelig ſeý, ſo mir ein ſolchs gewůnſchtes gelůcke auffgeſtanden iſt. mein aller ſůſte Marina, du haſt mich heütt ſelig gemacht, ſo ich gedencke, wie gar geneme vnd frỏlich tage wir haben werden vnd das nýmant anders wiſſen ſoll. O wie gar ein aller ſeligiſter menſch bin ich, vnd hindert mich [37a] gantz nichts dann ein kleine ſach, die doch bald hingelegt mag werden. Marina, ich will dir meins hertzen heimlichkeit ỏffen, ſo ſich die ſach alſo hat begeben, das du nit verwunderen magſt, ob ich die ſach verzeůhe – das mich doch bekumert –, die einem ietzlichen an verziehen wer zuthun. Als ich zu Banonia auff der hohen ſchule nach lernung bin geſtanden, wegabe ſich ein auflauff in der ſtat; ward ich mit ettlich geſellen gefangen vnd in kercker gelegt, als wer ich des auflaufs ein vrſache geweſt, vnd beſorgt meines lebens, wiewol ich gantz vnſchuldig was. da gelobt ich got, dem mein vnſchuld bekant was, ſo er mich erlỏſet vnd geſund heim zu meinen freůnden kumen ließ, das ich ein gantz iar keůſch beleiben vnd mit brott vnd waſſer vaſten wolt. daſſelb hab ich volbracht biß auff ſechtzig tag, die mir nu lenger vnd verdrießlicher werden ſein, dann das meiſtteýl biß her iſt geweſt, vnd bit dich, liebe Marina, du wỏlleſt darinnen nit verdrieſſen haben, das ich das iare můg erfůllen, vnd wỏlleſt dir die weil keinen anderen fůrnemen. Doch hab ich ſollich gelůbde mit vndterſchaid gethan, demſelben durch mich vnd ander ein genůgen zuthun, vnd hab biß her weder brůdern noch freůnden wỏllen getrawen. Nu hab ich ſollich groß hoffnung vnd getrawen zu dir empfangen durch die lieb vnd freůnſchafft, die du zu mir halt vnd mir erzaigſt, das ich dieſelben ſechtzig tag mit dir teýlen will, das du ſie halb mir wolleſt vaſten zuwaſſer vnd prott, als ich hab geſagt, damit wir deſter ee lieblich vnd freůntlich beý einander můgen geſein: das ſolltu mir verheißen on betriegen, als ich des ein getrawen zu dir hab vnd dich in lieb will ergetzen.» Die fraw ward verdrießen die lange zeit, die ſie erharren ſolt, doch do ſie hỏret die ſůßen wortt, die ir der doctor gäbe vnd gantz in ſeiner lieb enzůndet was, ge[37b]dacht ſie, wie ſollich tag der vaſten auch ein end wurden nemen, vnd gelobet im das mit frỏlichem mut vnd ſprach: «Diſes vaſten, das ich fůr dich thun ſoll, bekümmert mich nit, ſunder allein die zeit, die ich warten muß; doch geet ein tag nach dem andern hýn, vnd ſag dir das zu, ſo wir doch nach denſelben tagen beý einander ſein werden.» Alſo ſchied Dagmanus, der doctor, von ir, vnd Marina ving an zu vaſten mit waſſer vnd prott, als ſie im verſprochen het. Nach dreýen tagen kam der doctor zu ir vnd ſprach: «Liebe marina, helteſtu auch das vaſten? laß dich nichts verdrießen! die zeit wỏll wir bald abrichten.» vnd mit mer andern worten ſchied er von ir. Als nun die fraw ſiben tag geuaſtet het vnd ſich die natůrlich hitze in ir ward ſchwechen, ward ſie anthun rawhe wintterrỏcke, die ſie dennoch nit erwermen mochten. Als der fůnffzehende tag vergangen was, kam aber der doctor; do mocht ſie im nit wol engegen geen vnd thet doch deßgleichen nit. do ſprach zu ir der doctor: «Liebe Marina, du biſt etwas ſchwach vnd plaich: ich merck wol, das du helteſt die vaſten. mein liebe, ſůße Marina, wir haben heůt halbe zeitt außgericht: ich bitt dich, du wỏlleſt veſte ſein vnd ůberwinden die natur vnd mir halten den glawben, als du mir haſt zugeſagt. Es ſein noch kurtzer funffzehen tag vorhanden: die wollen wir enden mitt freůden.» noch vername die fraw nit, was des doctors mainnung was. Do ſie nun ſechßvndzweintzig tag geuaſtet het, do ward ir die natůrlich hitz entweichen vnd die hůbſche geſtalt des leibs, vnd entgien aller luſt vnd begire der vnkeůſcheit, ward kranck vnd leget ſich in das pett. aller erſt ward ſie bedenncken die weißheit vnd beſcheidigkeit des doctors, das er ir mit auffhaltung vnd meſſigkeit wolt erweren vnd vertreiben die vnkeůſcheit. Am neůnundzweinzigiſten tag kam zu ir [38a] der doctor vnd fande ſie ligen an dem pette vnd ſprach: «Mein liebe Marina, wie meinſtu das? es iſt noch ein kurtzer tag vor hannden.» Do ward im Marina vallen in die rede vnd ſprach: «Lieber Dagmane, ich ſich, das du mich halt lieb gehabt auß rechter vnd nit auß ſchnỏder, vnordenlicher vnd vnerberger lieb, als ich mir het fůrgenumen. Ich will dich allzeit lieb vnd am allerliebſten aus rechter, lawter lieb haben, das du mein keůſcheit, mein erwergkeit, mein vnd meins hawßwirts ere haſt behalten vnd gelert fůrbaß zu behalten. Mein man iſt weýs geweſt, vnd ich hab recht gethan, das ich ſeiner lere geuolgt han vnd hab mir erwelet ein weýſen man: wann ein weýſer mag die vnweýßheit vndterkumen vnnd peýnigen. gee, mein lieber Dagmane, du allerweýſter doctor vnd iůngling, allzeit mit ſeligkeit, mit freůden vnd geſuntheit! mir, meinem haußwirt vnd allen vnſern freůnden iſt nit můglich, das wir dir ſolchs guts genůglich danck ſagen můgen.» Der doctor Dagmanus, als er hỏret vnd ſahe, das ſein lernung an der frawen erſproßen het, ward er ſie trỏſten, ermanen vnd lernen, das ſie ire keůſcheit mit meſſigkeit ſolt vnd mỏcht behalten; Als das Therencius beweýſet vnd ſchpricht, das die vnkeůſcheit kalt vnd vnfruchtper ſeý an wol eſſen vnd trincken, wie auch oben gemelt iſt, vnd iſt die erſte ſtaffel vnd grade guter, ſtarcker wein zu der verpotten vnkeůſcheit; die ſollen frawen vnd manne meiden mit vleýß: Wann die vnkeůſcheit, als Ambroſius ſchreibt, iſt ein pittere, ſawre frucht mer dann die galle; wer ſie verſůcht, den raitzt ſie, vnd wer ſie trincket, den tỏdt ſie. Si iſt ſcherpffer vnd ſchedlicher dann ein ſchwert, nýmpt die genad, verſert den leýmut, macht trawrig die engel, ſchendet den nechſten, erzürnet got vnd erfreut den teüfel, mag nit güttig geſein vnd ſucht rachſale. den reichtum [38b] verzeret ſie vnd kürtzet das leben des menſchen, ſie ſchadt dem geſicht vnd mýndert die ſýnne, zerpricht vnd krenckt den gantzen leichnam vnd verdümet die ſele in ewigkeit.