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B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  Johann Gottfried Schnabel
vor 1692 - nach 1750

 
 
   
   



W u n d e r l i c h e
F a t a   e i n i g e r
S e e f a h r e r


1 .   T e i l   ( 1 7 3 1 )
S e i t e   2 7 8 - 3 3 9


_________________________________________


     [278] Etwa anderthalb hundert Schritt von diesen 3. Ehren= und Gedächtniß=Säulen fanden wir, nahe am Ufer des West=Flusses, des Lemelie Schand=Seule, um welche herum ein grosser Hauffen Feld=Steine geworffen war, so, daß wir mit einiger Mühe hinzu gelangen, und folgende daran genagelten Zeilen lesen konten:

SPeye aus gegen diese Seule,
Mein Leser!
Denn
Allhier muß die unschuldige Erde
das todte Aas des vielschuldigen Lemelie
in ihrem Schoosse erdulden,
welches im Leben ihr zu einer schändlichen Last
gedienet.
Dieses Mord=Kindes rechter Nahme,
auch wo, wenn, und von wem es gebohren,
ist unbekandt.
Doch kurtz vor seinem erschrecklichen Ende
hat er bekannt,
Daß Vater= Mutter= Kinder= und vieler andern
Menschen Mord, Blut=Schande, Hurerey,
Gifftmischen, ja alle ersinnliche Laster sein
Handwerck von Jugend an gewesen.
Carl Franz van Leuvens unschuldig=vergossenes Blut
schreyet auf dieser Insul biß an den
jüngsten Tag
Rache über ihn.
Indem aber dasselbe kaum erkaltet war,
hatte sich der Mord=Hund schon wiederum
gerüstet, eine neue Mord=That an dem armen Albert
[279] Julio zu begehen, weil sich dieser unterstund,
seiner geil=brünstigen Gewaltthätigkeit
bey der keuschen Concordia zu widerstehen.
Aber,
da die Boßheit am grösten,
war die Straffe am nächsten,
denn das Kind der Finsterniß lieff in der Finsterniß
derselben entgegen,
und wurde
von dem unschuldig=verwundeten
ohne Vorsatz
tödtlich, doch schuldig, verwundet.
Dem ohngeacht schien ihm
die Busse und Bekehrung unmöglich,
das Zureden seiner Beleydigten unnützlich,
GOttes Barmhertzigkeit unkräfftig,
die Verzweiffelung aber unvermeidlich,
stach sich derowegen mit seinem Messer selbst
das ruchlose Hertz ab.
Und also
starb der Höllen=Brand als ein Vieh,
welcher gelebt als ein Vieh,
und wurde allhier eingescharrt als ein Vieh
den 10. Decembr. 1646.
von
Albert Julio.
Der HERR sey Richter zwischen
uns und dir.

     Wir bewunderten hierbey allerseits unsers Alt=Vaters Alberti besondern Fleiß und Geschicklichkeit, brachten noch über eine Stunde zu, die an=[280]dern Grab=Stätten, welche alle mit kurtzen Schrifften bezeichnet waren, zu besehen, und verfolgten hernachmahls unsern Weg auf Christophs=Raum zu. Selbige Pflantz=Stätte bestund aus 14. Wohn=Häusern, und führeten die Einwohner gleich den andern allen eine sehr gute Haußhaltung, hatten im übrigen fast eben dergleichen Feld=Weinbergs= und Wasser=Nutzung als die Johannis=Raumer. Sonsten war allhier die erste Haupt=Schleuse des Nord=Flusses, nebst einer wohlgebaueten Brücke, zu betrachten. Im Garten=Bau und Erzeugung herrlicher Baum=Früchte schienen sie es fast allen andern zuvor zu thun. Nachdem wir aber ihre Feld=Früchte, Weinberge und alles merckwürdige wohl betrachtet, und bey ihnen eine gute Mittags=Mahlzeit eingenommen hatten, kehreten wir bey guter Zeit zurück auf Alberts=Burg.

     Herr Mag. Schmeltzer begab sich von dar, versprochener massen, in die Davids=Raumer Alleé, um seinen heiligen Verrichtungen obzuliegen, wir andern halffen indessen mit gröster Lust bey der Grund=Mauer der Kirche dasjenige verrichten, was zu besserer Fortsetzung dabey vonnöthen war. Nach Untergang der Sonnen aber, da Herr Mag. Schmeltzer zurück gekommen war, und die Abend=Mahlzeit mit uns eingenommen hatte, setzten wir uns in gewöhnlicher Gesellschafft wieder zusammen, und höreten dem Alt=Vater Alberto in Fortsetzung seiner Geschichts=Erzehlung dergestalt zu:

     Meine Lieben, fing er an, ich erinnere mich, daß meine letzten Reden das besondere Vergnügen [281] erwehnet haben, welches ich nebst meiner lieben Ehe=Gattin über unsere erstgebohrnen Zwillinge empfand, und muß nochmahls wiederholen, daß selbiges unvergleichlich war, zumahl, da meine Liebste, nach redlich ausgehaltenen 6. Wochen, ihre gewöhnliche Hauß=Arbeit frisch und gesund vornehmen konte. Wir lebten also in dem allerglückseeligsten Zustande von der Welt, indem unsere Gemüther nach nichts anders sich sehneten, als nach dem, was wir täglich erlangen und haben konten, das Verlangen nach unserm Vaterlande aber schien bey uns allen beyden gantz erstorben zu seyn, so gar, daß ich mir nicht die allergeringste Mühe mehr gab, nach vorbey fahrenden Schiffen zu sehen. Kam uns gleich die Tages=Arbeit öffters etwas sauer an, so konten wir doch Abends und des Nachts desto angenehmer ausruhen, wie sich denn öffters viele Tage und Wochen ereigneten, in welchen wir nicht aus dringender Noth, sondern bloß zur Lust arbeiten durfften.

     Die kleine Concordia fing nunmehro an, da sie vollkommen deutlich, und zwar so wohl Teutsch als Englisch reden gelernet, das angenehmste und schmeichelhaffteste Kind, als eines in der gantzen Welt seyn mag, zu werden, weßwegen wir täglich viele Stunden zubrachten, mit selbiger zu schertzen, und ihren artigen Kinder=Streichen zuzusehen, ja zum öfftern uns selbsten als Kinder mit anzustellen genöthiget waren.

     Allein, meine lieben Freunde! (sagte hier unser Alt=Vater, indem er ein grosses geschriebenes Buch aus einem Behältniß hervor langete) es kommt [282] mir theils unmöglich, theils unnützlich und allzu langweilig vor, wenn ich alle Kleinigkeiten, die nicht besonders merckwürdig sind, vorbringen wolte, derowegen will die Weitläufftigkeiten und dasjenige, worvon ihr euch ohnedem schon eine zulängliche Vorstellung machen könnet, vermeiden, mit Beyhülffe dieses meines Zeit=Buchs aber nur die denckwürdigsten Begebenheiten nachfolgender Tage und Jahre biß auf diese Zeit erzehlen.

     Demnach kam uns sehr seltsam vor, daß zu Ende des Monats Junii 1649. auf unserer Insel ein ziemlich kalter Winter einfiel, indem wir damahls binnen 3. Jahren das erste Eis und Schnee=Flocken, auch eine ziemliche kalte Lufft verspüreten, doch da ich noch im Begriff war, unsere Wohnung gegen dieses Ungemach besser, als sonsten, zu verwahren, wurde es schon wieder gelinde Wetter, und dieser harte Winter hatte in allen kaum 16. oder 17. Tage gedauret.

     Im Jahr 1650. den 16. Mart. beschenckte uns der Himmel wiederum mit einer jungen Tochter, welche in der heil. Tauffe den Nahmen Maria bekam, und im folgenden 1651ten Jahre wurden wir abermahls am 14. Dec. mit einem jungen Sohne erfreuet, welcher den Nahmen Johannes empfing. Dieses Jahr war wegen ungemeiner Hitze sehr unfruchtbar an Getreyde und andern Früchten, gab aber einen vortrefflichen Wein=Seegen, und weil von vorigen Jahren noch starcker Getreiyde=Vorrath vorhanden, wusten wir dennoch von keinen Mangel zu sagen.

     Das 1652te Jahr schenckte einen desto reichli=[283]chern Getreyde=Vorrath, hergegen wenig Wein. Mitten in der Weinlese starben unsere 2. ältesten Affen, binnen wenig Tagen kurtz auf einander, wir bedaureten diese 2. klügsten Thiere, hatten aber doch noch 4. Paar zu unserer Bedienung, weil sich die ersten 3. Paar starck vermehret, wovon ich aber nur 2. paar junge Affen leben ließ, und die übrigen heimlich ersäuffte, damit die Gesellschafft nicht zu mächtig und muthwillig werden möchte.

     Im Jahr 1653. den 13. May kam meine werthe Ehe=Gattin abermals mit einer gesunden und wohlgestalten Tochter ins Wochen=Bette, die in der Heil. Tauffe den Nahmen Elisabeth empfieng. Also hatten wir nunmehro 3. Söhne und 3. Töchter, welche der fleißigen Mutter Arbeit und Zeitvertreib genung machen konten. Selbigen Winters fieng ich an mit Concordien, Albert u. Stephano, täglich etliche Stunden Schule zu halten, indem ich ihnen die Buchstaben vormahlete und kennen lehrete, fand auch dieselben so gelehrig, daß sie, mit Außgang des Winters, schon ziemlich gut Teutsch und Englisch buchstabiren konten, ausser dem wurden ihnen von der Mutter die nützlichsten Gebeter und Sprüche aus der Bibel gelehret, so daß wir sie mit grösten Vergnügen bald Teutsch, bald Englisch, die Morgen= Abend= und Tisch=Gebeter, vor dem Tische, konten beten hören und sehen. Meine liebe Frau durffte mir nunmehro bey der Feld= und andern sauren Arbeit wenig mehr helffen, sondern muste sich schonen, um die Kinder desto besser und geduldiger zu warten, ich hergegen, ließ es mir mit Beyhülffe der Affen, desto angelegener seyn, die nö=[284]thigsten Nahrungs=Mittel von einer Zeit zur andern zu besorgen.

     Am ersten Heil. Christ=Tage anno 1655. brachte meine angenehme Ehe=Liebste zum andern mahle ein paar Zwillings=Söhne zur Welt, die ich zum Gedächtniß ihres schönen Geburts=Tages, den ersten Christoph, und den andern Christian tauffte, die arme Mutter befand sich hierbey sehr übel, doch die Krafft des Allmächtigen halff ihr in etlichen Wochen wiederum zu völliger Gesundheit.

     Das 1656te Jahr ließ uns einen ziemlich verdrießlichen Herbst und Winter verspüren, indem der Erstere ungemein viel Regen, der Letztere aber etwas starcke Kälte und vielen Schnee mit sich brachte, es war derowegen so wohl die darauff folgende Erndte, als auch die Wein=Lese kaum des vierdten Theils so reichlich als im vorigen Jahren, und dennoch war vor uns, unsere Kinder, Affen und ander Vieh, alles im Uberflusse vorhanden.

     Im 1657ten Jahre den 22. Septembr. gebahr meine fruchtbare Ehe=Liebste noch eine Tochter, welche Christina genennet wurde, und im 1660ten Jahre befand sich dieselbe zum letzten mahle schwangeres Leibes, denn weil sie eines Tages, da wir am Ufer des Flusses hinwandelten, unversehens strauchelte, einen schweren Fall that, und ohnfehlbar im Flusse ertruncken wäre, woferne ich sie nicht mit selbst eigener Lebens=Gefahr gerettet hätte; war sie dermassen erschreckt und innerlich beschädigt worden, daß sie zu unser beyderseits grösten Leydwesen am 9. Jul. eine unzeitige todte Tochter zur Welt, nachhero aber über zwey gantzer Jahr zubrachte, [285] ehe die vorige Gesundheit wieder zu erlangen war.

     Nach Verlauf selbiger Zeit, befand sich mein werther Ehe=Schatz zwar wiederum bey völligen Kräften, und sahe in ihrem 35ten Jahre noch so schön und frisch aus als eine Jungfrau, hat aber doch niemals wiedrum ins Wochen=Bette kommen können. Gleichwol wurden wir darüber nicht ungeduldig, sondern danckten GOTT daß sich unsere 9. lieben Kinder bey völliger Leibes=Gesundheit befanden, und in Gottesfurcht und Zucht heran wuchsen, wie ich denn nicht sagen kan, daß wir Ursach gehabt hätten, uns über eins oder anderes zu ärgern, oder die Schärffe zu gebrauchen, sondern muß gestehen, daß sie, bloß auf einen Winck und Wort ihrer Eltern, alles thaten was von ihnen verlanget wurde, und eben dieses schrieben wir nicht schlechter dings unserer klugen Auferziehung, sondern einer besondern Gnade GOttes zu.

     Meine Stief=Tochter Concordia, die nunmehro ihre Mannbaren Jahre erreichte, war gewiß ein Mägdlein von außbündiger Schönheit, Tugend, Klugheit und Gottesfurcht, und wuste die Haußhaltung dermassen wol zu führen, daß ich und ihre Mutter sonderlich eine grosse Erleichterung unserer dahero gehabten Mühe und Arbeit verspüreten. Selbige meine liebe Ehe=Gattin muste sich also mit Gewalt gute Tage machen, und ihre Zeit bloß mit der kleinsten Kinder Lehrung und guter Erziehung vertreiben. Meine zwey ältesten Zwillinge hatte ich mit Göttlicher Hülffe schon so weit gebracht, daß sie den kleinern Geschwister das Lesen, Schreiben [286] und Beten wiederum beybringen konten, ich aber informirte selbst alle meine Kinder früh Morgens 2. Stunden, und Abends auch so lange. Ihre Mutter lösete mich hierinnen ordentlich ab, die übrige Zeit musten sie mit nützlicher Arbeit, so viel ihre Kräffte vermochten, hinbringen, das Schieß=Gewehr brauchen lernen, Fische, Vögel, Ziegen und Wildpret einfangen, in Summa, sich in Zeiten so gewöhnen, als ob sie so wol als wir Zeit Lebens auf dieser Insul bleiben solten.

     Immittelst erzehlten wir Eltern unsern Kindern öffters von der Lebens=Art der Menschen in unsern Vaterländern und andern Welt=Theilen, auch von unsern eigenen Geschichten, so viel, als ihnen zu wissen nöthig war: spüreten aber niemals, daß nur ein eintziges von ihnen Lust bezeigte, selbige Länder oder Oerter zu sehen, worüber sich meine Ehe=Frau hertzlich vergnügte, allein ich unterdrückte meinen, seit einiger Zeit wieder aufgewachten Kummer, biß eines Tages unsere ältesten zwey Söhne eiligst gelauffen kamen, und berichteten: Wie daß sich gantz weit in der offenbaren See 3. grosse Schiffe sehen liessen, worauff sich ohnfehlbar Menschen befinden würden. Ihre Mutter gab ihnen zur Antwort: Lasset sie fahren meine Kinder, weil wir nicht wissen, ob es gute oder böse Menschen sind. Ich aber wurde von meinen Gemüths=Bewegungen dergestalt übermeistert, daß mir die Augen voll Thränen lieffen, und solches zu verbergen, gieng ich stillschweigend in die Kammer, und legte mich mit Seuffzen aufs Lager. Meine Concordia folgte mir auf dem Fusse nach, breitete sich über mich und sagte, nach=[287]dem sie meinen Mund zum öfftern liebreich geküsset hatte. Wie ists, mein liebster Schatz, seyd ihr der glückseeligen Lebens=Art, und eurer bißhero so hertzlich geliebten Concordia, vielleicht schon auch gäntzlich überdrüßig, weil sich eure Sehnsucht nach anderer Gesellschafft aufs neue so starck verräth? Ihr irret euch, meine Allerliebste, gab ich zur Antwort, oder wollet etwa die erste Probe machen mich zu kräncken. Glaubet aber sicherlich, zumahl wenn ich GOTT zum Zeugen anruffe, daß mir gar nicht in die Gedancken kommen ist, von hier hinweg zu reisen, oder euch zum Verdruß mich nach anderer Gesellschafft zu sehnen, sondern ich wünsche von Hertzen, meine übrige Lebens=Zeit auf dieser glückseeligen Städte mit euch in Ruhe und Friede hin zu bringen, zumal da wir das schwerste nunmehro mit GOTTES Hülffe überwunden, und das gröste Vergnügen an unsern schönen Kindern, annoch in Hoffnung, vor uns haben. Allein saget mir um GOttes willen, warum sollen wir uns nicht nunmehro, da unsere Kinder ihre Mannbaren Jahre zu erreichen beginnen, nach andern Menschen umsehen, glaubet ihr etwa, GOTT werde sogleich 4. Männer und 5. Weiber vom Himmel herab fallen lassen, um unsere Kinder mit selbigen zu begatten? Oder wollet ihr, daß dieselben, so bald der natürliche Trieb die Vernunfft und Frömmigkeit übermeistert, Blut=Schande begehen, und einander selbst heyrathen sollen? Da sey GOTT vor! Ihr aber, mein Schatz, saget mir nun, wie eure Meynung über meine höchst wichtigen Sorgen ist, ob wir nicht Sünde und Schande von unsern bißhero wohlerzo=[288]genen Kindern zu befürchten haben? und ob es Wohlgethan sey, wenn wir durch ein und andere Nachläßigkeit, GOttes Allmacht ferner versuchen wollen?

     Meine Concordia fieng hertzlich an zu weinen, da sie mich in so ungewöhnlichen Eifer reden hörete, jedoch die treue Seele umfassete meinen Halß, und sagte unter hundert Küssen: Ihr habt recht, mein allerliebster Mann, und sorget besser und vernünfftiger als ich. Verzeihet mir meine Fehler, und glaubet sicherlich, daß ich, dergleichen Blut=schändlich Ehen zu erlauben, niemals gesinnet gewesen, allein die Furcht vor bösen Menschen, die sich etwa unseres Landes und unserer Güter gelüsten lassen, euch ermorden, mich und meine Kinder schänden und zu Sclaven machen könten, hat mich jederzeit angetrieben, zu wiederrathen, daß wir uns frembden und unbekannten Leuten entdeckten, die vielleicht auch nicht einmal Christen seyn möchten. Anbey habe mich beständig darauff verlassen, daß GOtt schon von ohngefähr Menschen hersenden würde, die uns etwa abführeten, oder unser Geschlecht vermehren hülffen. Jedoch, mein allerliebster Julius, sagte sie weiter, ich bekenne, daß ihr eine stärckere Einsicht habt als ich, darum gehet hin mit unsern Söhnen, und versuchet, ob ihr die vorbeyfahrenden Schiffe anhero ruffen könnet, GOTT gebe nur, daß es Christen, und redliche Leute sind.

     Dieses war also der erste und letzte Zwietracht, den ich und meine liebe Ehe=Frau untereinander hatten, wo es anders ein Zwietracht zu nennen ist. So bald wir uns aber völlig verglichen, lieff ich mit mei=[289] nen Söhnen, weil es noch hoch am Tage war, auf die Spitzen des Nord=Felsens, schossen unsere Gewehre loß, schryen wie thörichte Leute, machten Feuer und Rauch auf der Höhe, und trieben solches die gantze Nacht hindurch, allein ausser etlichen Stückschüssen höreten wir weiter nichts, sahen auch bey aufgehender Sonne keines von den Schiffen mehr, wohl aber eine stürmische düstere See, woraus ich schloß, daß die Schiffe wegen widerwärtigen Windes unmöglich anländen können, wie gern sie vielleicht auch gewolt hätten.

     Ich konte mich deßwegen in etlichen Tagen nicht zufrieden geben, doch meine Ehe=Frau sprach mich endlich mit diesen Worten zufrieden: Bekümmert euch nicht allzusehr, mein werther Albert, Der HErr wirds versehen und unsere Sorgen stillen, ehe wirs vielleicht am wenigsten vermuthen.

     Und gewiß, der Himmel ließ auch in diesem Stücke ihre Hoffnung und festes Vertrauen nicht zu schanden werden, denn etwan ein Jahr hernach, da ich am Tage der Reinigung Mariä 1664. mit meiner gantzen Familie Nachmittags am Meer=Ufer spatzieren gieng, ersahen wir mit mäßiger Verwunderung: daß nach einem daherigen hefftigen Sturme, die schäumenden Wellen, nachdem sie sich gegen andere unbarmhertzig erzeiget, uns abermals einige vermuthlich gute Waaren zugeführet hatten. Zugleich aber fielen uns von ferne zwey Menschen in die Augen, welche auf einen grossen Schiffs=Balcken sitzend, sich an statt der Ruder mit ihren blossen Händen äusserst bemüheten, eine, von den vor uns liegenden Sand=Bäncken zu erreichen, und ihr Le=[290]ben darauff zu erretten. Indem nun ich, nur vor wenig Monaten, das kleine Boot, durch dessen Hülffe ich am allerersten mit Mons. van Leuven bey dieser Felsen=Insul angelanget war, außgebessert hatte, so wagte ich nebst meinen beyden ältesten Söhnen, die nunmehro in ihr 16tes Jahr giengen, hinnein zu treten, und diesen Nothleydenden zu Hülffe zu kommen, welche unserer aber nicht eher gewahr wurden, biß unser Boot von ohngefehr sehr hefftig an ihren Balcken stieß, so daß der eine aus Mattigkeit herunter ins Wasser fiel. Doch da ihm meine Söhne das Seil, woran wir das Boot zu befestigen pflegten, hinaus wurffen, raffte er alle Kräffte zusammen, hielt sich feste dran, und ward also von uns gantz leichtlich ins Boot herein gezogen. Dieses war ein alter fast gantz grau gewordener Mann, der andere aber, dem dergleichen Gefälligkeit von uns erzeigt wurde, schien ein Mann in seinen besten Jahren zu seyn.

     Man merckte sehr genau, wie die Todes=Angst auf ihren Gesichtern gantz eigentlich abgemahlet war, da sie zumal uns gantz starr ansahen, jedoch nicht ein eintziges Wort aussprechen konten, endlich aber, da wir schon einen ziemlichen Strich auf der Zurückfarth gethan, fragt ich den Alten auf deutsch: Wie er sich befände, allein er schüttelte sein Haupt, und antwortete im Englischen, daß er zwar meine Sprache nicht verstünde, gleichwol aber merckte wie es die teutsche Sprache sey. Ich fieng hierauf sogleich an, mit ihm Englisch zu reden, weßwegen er mir augenblicklich die Hände küssete und mich seinen Engel nennete. Meine beyden Söhne klatsch=[291]ten derowegen in ihre Hände, und fiengen ein Freuden=Geschrey an, gaben sich auch gleich mit dem jungen Manne ins Gespräche, welcher alle beyde umarmete und küssete, auch ihnen auf ihre einfältigen Fragen liebreiche Antwort gab. Doch da ich merckte, daß die beyden Verunglückten vor Mattigkeit kaum die Zunge heben und die Augen aufthun konten, liessen wir dieselben ungestöhrt, und brachten sie halb schlaffend an unsere Felsen=Insul.

     Meine Concordia hatte binnen der Zeit beständig mit den übrigen Kindern auf den Knien gelegen, und GOTT um unsere glückliche Zurückkunft angerufft, weil sie dem sehr alten und geflickten Boote wenig zu getrauet, derowegen war alles desto frölicher, da wir in Gesellschafft zweyer andern Menschen bey ihnen ankamen. Sie hatte etwas Vorrath von Speisen und Geträncke vor unsere Kinder bey sich, welches den armen Frembdlingen gereicht wurde. So bald nun selbiges mit gröster Begierde in ihren Magen geschickt war, merckte man wohl, daß sie hertzlich gern weiter mit uns reden wolten, allein da sie bereits so viel zu verstehen gegeben, wie sie nunmehro 3. Nächte und 4. Tage ohne Schlaff und Ruhe in den Meeres Wellen zugebracht hätten, konten wir ihnen nicht verargen, daß sie uns fast unter den Händen einschlieffen, brachten aber doch beyde, wiewol mit grosser Mühe, durch den holen Weg hinauff in die Insul.

     Daselbst suncken sie als recht ohnmächtige Menschen ins Graß nieder, und verfielen in den tieffsten Schlaff. Meine beyden ältesten Söhne musten bey [292] ihnen sitzen bleiben, ich aber gieng mit meiner übrigen Familie nach Hause, nahm zwey Rollwagen, spannete vor jeden 4. Affen, kehrete damit wieder um, legte die Schlaffenden ohne eintzige Empfindung drauff, und brachte dieselben mit einbrechender Nacht in unsere Behausung auf ein gutes Lager, welches ihnen mitlerweile meine Hauß=Frau bereitet hatte. Beyde wachten fast zu gleicher Zeit nicht früher auf, als andern Tages ohngefähr ein paar Stunden vor Untergang der Sonnen, und so bald ich dessen vergewissert war, gieng ich zu ihnen in die Kammer, legte vor jeden ein gut Kleid nebst weisser Wäsche hin, bat sie möchten solches anlegen, nachhero zu uns heraus kommen.

     Indessen hatte meine Hauß=Frau eine köstliche Mahlzeit zubereitet, den besten Wein und ander Geträncke zurechte gesetzt, auch sich nebst ihren Kindern gantz sauber angekleidet. Wie demnach unsere Gäste aus der Kammer traten, fanden sie alles in der schönsten Ordnung, und blieben nach verrichteter Begrüssung als ein paar steinerne Bilder stehen. Meine Kinder musten ihnen das Wasch=Wasser reichen, welches sie annahmen und um Erlaubniß baten, sich vor der Thür zu reinigen. Ich gab ihnen ohne eitle Ceremonien zu verstehen, wie sie allhier, als ohnfehlbar gute christliche Menschen, ihre beliebige Gelegenheit brauchen könten, weßwegen sie sich ausserhalb des Hauses, in der freyen Luft völlig ermunterten, nachhero wieder zu uns kehreten, da denn der alte ohngefähr 60. jährige Mann also zu reden anfieng: O du gütiger Himmel, welch ein schönes Paradieß ist dieses? saget uns doch, o ihr [293] glückseeligen Einwohner desselben, ob wir uns unter Engeln oder sterblichen Menschen befinden? denn wir können biß diese Stunde unsere Sinnen noch nicht überzeugen, ob wir noch auf der vorigen Welt leben; Oder durch den zeitlichen Tod in eine andere Welt versetzt sind? Liebsten Freunde, gab ich zur Antwort, es ist mehr als zu gewiß, daß wir eben solche mühseelige und sterbliche Menschen sind als ihr. Vor nunmehro fast 18. Jahren, hat ein besonderes Schicksaal mich und diese meine werthe Ehe=Gattin auf diese Insul geführet, die allhier in Ordnung stehenden 9. Kinder aber, sind, binnen solcher Zeit, und in solcher Einsamkeit von uns entsprossen, und ausser uns, die wir hier beysammen sind, ist sonst keine menschliche Seele mehr auf der gantzen Insul anzutreffen. Allein, fuhr ich fort, wir werden Zeit und Gelegenheit genung haben, hiervon weitläufftiger mit einander zu sprechen, derowegen lasset euch gefallen, unsere Speisen und Geträncke zu kosten, damit eure in dem Meere verlohrnen Kräffte desto geschwinder wieder hergestellet werden.

     Demnach setzten wir uns zu Tische, assen und truncken ingesammt, mit grösten appetite nach billigen vergnügen. So bald aber das Danck=Gebeth gesprochen war, und der Alte vermerckte, daß so wol ich als meine Concordia, von beyderseits Stande und Wesen gern benachrichtiget seyn möchten, vergnügte er unsere Neugierigkeit mit einer weitläufftigen Erzehlung, die biß Mitternacht währete. Ich aber will von selbiger nur kürtzlich so viel melden, daß er sich Amias Hülter nennete, [294] und vor etlichen Jahren ein Pachtmann verschiedener Königlicher Küchen=Güter in Engelland gewesen war. Sein Gefährte hieß Robert Hülter, und war des Amias leiblichen Bruders Sohn. Ferner vernahmen wir mit Erstaunen, daß die aufrührischen Engelländer im Jahr 1649. den 30. Jan. also 2. Jahr und 8. Monath nach unserer Abreise, ihren guten König Carln grausamer Weise enthauptet, und daß sich nach diesem einer, Nahmens Oliverius Cromwel, von Geschlecht ein blosser Edelmann, zum Beschützer des Reichs aufgeworffen hätte, dem anno 1658. sein Sohn, Richard Cromwel, in solcher Würde gefolget, aber auch bald im folgenden Jahr wieder abgesetzt wäre, worauff vor nunmehro fast 3. Jahren die Engelländer einen neuen König, nemlich Carln den Andern erwählet, und unter dessen Regierung itzo ziemlich ruhig lebten.

     Der gute Amias Hülter, welcher ehedessen bey dem enthaupteten König Carln in grossen Gnaden gewesen, ein grosses Guth erworben, doch aber niemals geheyrathet, war in solcher Unruhe fast um alles das Seinige gekommen, aus dem Lande gejagt worden, und hatte kaum so viel gerettet eine kleine Handlung über Meer anzufangen, worbey er nach und nach zwar wiederum ein ziemliches erworben, und dasselbe seinem Bruder Joseph Hülter in Verwahrung gegeben. Dieser sein Bruder aber hatte die Reformirte Religion verlassen, sich nach Portugall gewendet, daselbst zum andern mahle geheyrathet, und sein zeitliches Glück ziemlich gemacht. Allein dessen Sohn Robert, war mit seines Vaters [295] Lebens=Art, und sonderlich mit der Religions=Veränderung, nicht allerdings zufrieden gewesen, derowegen annoch in seinen Jünglings=Jahren mit seinem Vetter Amias zu Schiffe gegangen, und hatte sich bey demselben in West=Indien ein ziemliches an Gold und andern Schätzen gesammlet. Da aber vor einigen Monathen die Versicherung eingelauffen, daß nunmehro, unter der Regierung König Carls des Andern, in Engelland wiederum gute Zeiten wären, hatten sie Brasilien verlassen, und sich auf ein Schiff verdingt, um mit selbigen nach Portugall, von dar aber zurück nach Engelland, als in ihr Vaterland zu reisen, und sich bey dem neuen Könige zu melden. Allein ihr Vorhaben wird durch das widerwärtige Verhängniß zeitlich unterbrochen, indem ein grausamer Sturm das Schiff von der ordentlichen Strasse ab= und an verborgene Klippen führet, allwo es bey nächtlicher Zeit zerscheitert, und seine gantze Ladung an Menschen und Gütern, in die wilden Fluthen wirfft. In solcher Todes=Angst ergreiffen Amias und Robert denjenigen Balcken, von welchen wir sie, nachdem die armen Menschen 3. Nachte und 4. Tage ein Spiel des Windes und der Wellen gewesen, endlich noch eben zur rechten Zeit zu erlösen das Glück hatten.

     Meine Concordia wolte hierauff einige Nachricht von den Ihrigen einziehen, konte aber nichts weiter erfahren, als daß Amias ihren Vater zwar öffters gesehen, gesprochen, auch ein und andern Geld=Verkehr mit ihm gehabt, im übrigen aber wuste er von dessen Hauß=Wesen nichts zu melden, [296] ausser daß er im 1648ten Jahre noch im guten Stande gelebt hätte. Hergegen wuste Robert, der bißhero wenig Worte gemacht, sich noch gantz wohl zu erinnern, daß er zu der Zeit, als er noch ein Knabe von 12. oder 13. Jahren gewesen, vernommen, wie dem Banquier Plürs eine Tochter, Nahmens Concordia, von einem Cavalier entführet worden sey, wo sie aber hin, oder ob dieselbe wieder zurück gebracht worden, wisse er nicht eigentlich zu sagen.

     Wir berichteten ihnen demnach, daß sie allhier eben diese Concordia Plürs vor sich sähen, versprachen aber unsere Geschichte morgendes Tages ausführlicher zu erzehlen, und legten uns, nachdem wir die Abend=Beth=Stunde in Englischer Sprache gehalten, sämmtlich zur Ruhe.

     Ich nahm mir nebst meiner Hauß=Frauen von nun an nicht das geringste Bedencken, diesen beyden Gästen und Lands=Leuten, welchen die Redlichkeit aus den Augen leuchtete, und denen die Gottesfurcht sehr angenehm zu seyn schien, alles zu offenbaren, was sich von Jugend an, und sonderlich auf dieser Insul mit uns zugetragen hatte. Nur eintzig und allein verschwiegen wir ihnen des Don Cyrillo vermaureten grossen Schätze, hatten aber dennoch ausser diesem, so viel Reichthümer an Gold, Silber, edlen Steinen und andern Kostbarkeiten aufzuweisen, daß sie darüber erstauneten, und vermeynten: es wäre weder in Engelland, noch sonst wo, ein Kauffmann, oder wol noch weit grössere Standes=Person, ausser grossen Potentaten anzutreffen, die sich Bemittelter zeigen könte als wir. Dem ohngeacht, gab ich ihnen deutlich zu vernehmen, daß ich [297] und meine Hauß=Frau diese Sachen sehr gering, das Vergnügen aber, auf dieser Insul in Ruhe, ohne Verfolgung, Kummer und Sorgen zu leben, desto höher schätzten, und bäten GOTT weiter um keine mehrere Glückseeligkeit, als daß er unsern Kindern fromme christliche Ehegatten anhero schicken möchte, die da Lust hätten auf dieser Insul mit ihnen in Ruhe und Friede zu leben, weil dieselbe im Stande sey, ihre Einwohner fast mit allem, was zur Leibes Nahrung und Nothdurfft gehörig, reichlich und überflüßig zu versorgen.

     Ich vermerckte unter diesen meinen Reden, daß dem jungen Hülter das Geblüte ziemlich ins Angesichte trat, da er zugleich seine Augen recht sehnlich auf meine schöne und tugend=volle Stieff=Tochter warff, jedoch nicht eher als nach etlichen Tagen durch seinen Vetter Amias bey mir und meiner Frauen um selbige anhalten ließ. Da nun ich und dieselbe schon deßfalls mit einander geheime Abrede genommen, liessen wir uns die Werbung dieses wohlgebildeten und frommen jungen Mannes gefallen, versprachen ihm binnen 4. Wochen unsere Tochter ehelich zuzuführen, doch mit der Bedingung, wenn er mit guten Gewissen schweren könte und wolte, daß er (1.) noch unverheyrathet sey. (2.) Unserm Gottesdienste und Glauben sich gleichförmig erzeigen. (3.) Friedlich mit seiner Frau und uns leben, und (4.) wieder ihren willen niemals verlassen, oder von dieser Insul, ausser der dringenden Noth, hinweg führen, sondern Zeit Lebens allhier bleiben wolle. Der gute Robert schwur und versprach alles zu erfüllen, was wir von ihm begeh=[297]reten, und setzte hinzu: Daß dieses schöne Tugend=Bild, nemlich seine zukünfftige Ehe=Liebste, Reitzungen im Uberflusse besässe, alle Sehnsucht nach andern Ländern, Menschen und Schätzen zu vertreiben. Hierauff wurde das Verlöbniß gehalten, worbey wir alle vor Freuden weineten, absonderlich der alte Amias, welcher hoch betheurete: Daß wir bey unserm Schwieger=Sohne das allerredlichste Gemüthe auf der gantzen Welt angetroffen hätten, welches sich denn auch, GOTT sey Danck, nachhero in allen Fällen also eräusert hat.

     Nun beklage ich, sagte der alte Amias, daß von meinen Lebens=Jahren nicht etwa 30. oder wenigstens 20. können abgekaufft werden, um auch das Glück zu haben, euer Schwieger=Sohn zu seyn, jedoch weil dieser Wunsch vergeblich ist und ich einmal veraltet bin, so will nur GOTT bitten, daß er mich zum Werckzeuge gebrauchen möge: Vor eure übrigen Kinder Ehegatten anhero zu schaffen. Ich habe, verfolgte er, keine thörichten Einfälle hierzu, will also nur GOTT und etwas Zeit zu Hülffe nehmen.

     Folgende Tage wurde demnach alles zu dem abgeredeten Beylager veranstaltet, und am 14. Mart. 1664. solches ordentlich vollzogen, an welchem Tage ich als Vater und Priester, das verlobte Paar zusammen gab. Ihre Ehe ist so vergnügt und glücklich, als Fruchtbar gewesen, indem sie in folgenden Jahren 14. Kinder, als nemlich 5. Söhne und 9. Töchter mit einander gezeuget haben, welches mir und meiner lieben Hauß=Frau zum stetigen Troste und Lust gereichte, zumal da unser Schwieger=Sohn [299] aus eigenen Antriebe und hertzlicher Liebe gegen uns, seinen eigenen Geschlechts Nahmen zurück setzte, und sich gleich am ersten Hochzeit=Tage Robert Julius nennete.

     Wir baueten noch im selbigen Herbst ein neues schönes und räumliches Hauß vor die jungen Ehe=Leute, Amias war ihr Hauß=Genosse, und darbey ein kluger und vortrefflicher Arbeiter, der meine gemachten Anstalten auf der Insul in kurtzer Zeit auf weit bessern Fuß bringen halff, so, daß wir in erwünschten Vergnügen mit einander leben konten.

     Unser Vorrath an Wein, Geträyde, eingesaltzenen Fleische, Früchten und andern Lebens=Mitteln war dermassen zu gewachsen, daß wir fast keine Gefässe, auch keinen Platz in des Don Cyrillo unterirrdischen Gewölbern, selbige zu verwahren, weiter finden konten, dem ohngeacht, säeten und pflantzten wir doch Jahr aus, Jahr ein, und speiseten die Affen, deren nunmehro etliche 20. zu unsern Diensten waren, von dem Uberflusse, hätten aber dennoch im 1666ten Jahre ohne unsern Schaden gar wohl noch hundert andere Menschen ernehren können, da sich aber niemand melden wolte, musten wir zu unsern größten Leydwesen eine grosse Menge des besten Geträydes liederlich verderben lassen.

     Amias erseuffzete hierüber öffters, und sagte eines Abends, da wir vor unsern Hauß=Thüren die kühlen Abend=Lüffte zur Erquickung abwarteten: Wie wunderbar sind doch die Fügungen des Allmächtigen! Ach wie viel tausend, und aber tausend sind doch unter den Christen anzutreffen, die [300] mit ihrer sauern Hand=Arbeit kaum so viel vor sich bringen, daß sie sich nach Vergnügen ersättigen können. Die wenigsten Reichen wollen den Armen von ihrem Uberflusse etwas ansehnliches mittheilen, weil sie sich befürchten, dadurch selbst in Armuth zu gerathen, und wir Einwohner dieses Paradieses wolten gern unsern Nächsten alles, was wir haben, mit geniessen lassen, so muß es uns aber nur an Leuten fehlen, die etwas von uns verlangen. Allein, mein werthester Julius, fuhr er fort, stehet es zu verantworten, daß wir allhier auf der faulen Banck liegen, und uns eine kleine Mühe und Gefahr abschrecken lassen, zum wenigsten noch so viel Menschen beyderley Geschlechts hieher zu verschaffen, als zur Beheyrathung eurer Kinder von nöthen seyn, welche ihren mannbaren Alter entgegen gehen, und ohne grosse Sünde und Schande einander nicht selbst eheligen können? Auf derowegen! Lasset uns den behertzten Entschluß fassen, ein Schiff zu bauen, und unter starcken Vertrauen zu Göttlichem Beystande an das nächstgelegenste Land oder Insul anfahren, wo sich Christen aufhalten, um vor eure Kinder Männer und Weiber daselbst auszusuchen. Meine Gedancken sind auf die Insul S. Helena gerichtet, allwo sich Portugiesen niedergelassen haben, und wenn ich nebst der Land= und See=Charte, die ich bey euch gesehen, alle andern Umstände in Betrachtung ziehe, so versichert mich ein geheimer Trieb, daß selbige Insul unsern Wunsch nicht allein erfüllen, sondern auch nicht allzu weit von hier entlegen seyn kan. Meine Hauß=Frau und ich stutzten ziemlich über [301] des Amias etwas allzu gefährlich scheinenden Anschlag, ehe wir ihm gehörig darauf antworten, und gar behutsame Einwürffe machen konten, da er aber alle dieselben sehr vernünfftig widerlegte, und diese Sache immer leichter machte; gab endlich meine Concordia den Ausschlag, indem sie sagte: Lieben Freunde, wir wollen uns dieserwegen den Kopff vor der Zeit nicht zerbrechen, versuchet erstlich, wie weit es mit eurem Schiff=Bau zu bringen ist, wird dasselbe fertig, und in solchen Zustand gebracht, daß man sich vernunfft=mäßig darauf wagen, und dergleichen gefährliche Reise vornehmen kan, und der Himmel zeiget uns binnen solcher Zeit keine andere Mittel und Wege, unserer Sorgen loß zu werden, so haben wir nachhero noch Zeit genung, Rath zu halten, wie es anzufangen, auch wer, und wie viel von uns mit reisen sollen.

     Nachdem diese Meinung von einem jeden gebilliget worden, fingen wir gleich des folgenden Tages an, Bäume zu fällen, und nachhero zu behauen, woraus Balcken, Bohlen und Breter gehauen werden konten. Auch wurde dasjenige Holtz, welches uns die See von zerscheiterten Schiffen zugeführet hatte, fleißig zusammen gesucht, doch ein bald darauf einfallendes Regen=Wetter nebst dem nöthigen Acker= und Wein=Bau verursachten, daß wir den Schiffs=Bau biß zu gelegener und besserer Zeit aufschieben musten.

     Im August=Monat aber anno 1667. da des Roberts Ehe=Frau allbereit mit der zweyten Tochter ins Wochen=Bette gekommen war, setzten un=[302] sere fleißigen Hände die Schiffs=Arbeit aufs neue eifferig fort, so, daß wir mit den vornehmsten Holtz=Stücken im April des 1668ten Jahres nach des Amias Abrisse fast völlig fertig wurden. Dem zu Folge wurde unter seiner Anweisung auch eine Schmiede Werck=Stätte zu bauen angefangen, in welcher die Nägel und anderes zum Schiff=Bau gehöriges Eisenwerck geschmiedet und zubereitet werden solte, hatten selbige auch allbereit in ziemlich guten Stande, als eines Tages meine 3. jüngsten Söhne, welche bestellet waren, die leichtesten Holtz=Stücke mit Hülffe der Affen ans Ufer zu schaffen, gelauffen kamen, und berichteten, daß sich nahe an unserer Insul ein Schiff mit Menschen besetzt sehen liesse; weßwegen wir ingesammt zwischen Furcht und guter Hoffnung hinab zum Meer lieffen, und ersahen, wie bemeldtes Schiff auf eine der vor uns liegenden Sand=Bäncke aufgelauffen war, und nicht weiter von der Stelle kommen konte. Zwey darauf befindliche Männer schienen uns mit ängstlichen Wincken zu sich zu nöthigen, derowegen sich Robert mit meinen beyden ältesten Söhnen in unser kleines Boot setzte, und zu ihnen hinüber fuhr, ein langes Gespräch hielt, und endlich mit 9. frembden Gästen, als 3. Weibs= und 6. Manns=Personen wieder zu uns kam. Allein, diese Elenden schienen allesammt den Todten ähnlicher als den Lebendigen zu seyn, wie denn auch nur ein Weibs=Bild und zwey Männer noch so viel Kräffte hatten, mit uns hinauf in die Insul zu steigen, die übrigen 6., welche fast nicht auf die matten Füsse treten konten, musten hinauf getragen werden.

     [303] Der alte hocherfahrne Amias erkandte so gleich, was sie selbsten gestehen musten, nehmlich, daß sie nicht allein vom Hunger, sondern auch durch eine schlimme See=Kranckheit, welche der Schaarbock genennet würde, in solchen kläglichen Zustand gerathen wären, derowegen wurde ihnen so gleich Roberts Wohnhaus zum Krancken=Hause eingeräumet, anbey von Stund an zur besten Verpflegung alle Anstalt gemacht.

     Wir bekümmerten uns in den ersten Tagen so wenig um ihren Stand und Wesen, als sie sich um das unserige, doch konte man mehr als zu wohl spüren, wie vergnügt und erkänntlich ihre Hertzen wegen der guten Bewirthung wären, dem allen ohngeacht aber sturben so gleich, noch ehe 8. Tage verlieffen, eine Weibs= und zwei Manns=Personen, und in folgender Woche folgte die 3te Manns=Person; weil das Ubel vermuthlich allzu starck bey ihnen eingerissen, oder auch wohl keine Maasse im Essen und Trincken gehalten war. Die Todten wurden von uns mit grossen Leydwesen ehrlich begraben, und die annoch übrigen sehr schwachen desto fleißiger gepflegt. Amias machte ihnen Artzeneyen von unsern annoch grünenden Kräutern und Wurtzeln, gab auch keinem auf einmahl mehr Speise und Tranck, als er vor rathsam hielt, woher es nebst Göttlicher Hülffe endlich kam, daß sich die noch übrigen 5. Gäste binnen wenig Wochen völlig erholeten, und nicht die geringsten Merckmahle einer Kranckheit mehr verspüreten.

     Nun solte ich zwar, meine Lieben, sagte hiermit unser Alt=Vater Albertus, euch billig noch berich=[304]ten, wer die Frembdlinge gewesen, und durch was vor ein Schicksal selbige zu uns gekommen wären, allein mich bedünckt, meine Erzehlung möchte solcher Gestalt auf heute allzu lange währen, darum will Morgen, so es GOTT gefällt, wenn wir von Roberts=Raum zurücke kommen, damit den Anfang machen. Wir, als seine Zuhörer, waren auch damit vergnügt, und traten folgendes Tages auf gewöhnliche Weise den Weg nach Roberts=Raum an.

     Hieselbst fanden wir die leiblichen Kinder und fernere Abstammlinge von Robert Hülter, und der jüngern Concordia in 16. ungemein zierlich erbaueten Wohnhäusern ihre gute Wirthschafft führen, indem sie ein wohlbestelltes Feld um und neben sich, die Weinberge aber mit den Christophs Raumern gemeinschafftlich hatten. Der älteste Sohn des Roberts führete uns in seiner seel. Eltern Hauß, welches er nach deren Tode in Besitz genommen hatte, und zeigete nicht allein eine alte Englische Bibel, Gesang= und Gebet=Buch auf, welches von dem gantzen Geschlecht als ein besonderes Heiligthum gehalten wurde, sondern nächst diesem auch allerhand andere kostbare und sehens=würdige Dinge, die der Stamm=Vater Robert zum Andencken seiner Klugheit und Geschicklichkeit denen Nachkommen hinterlassen hatte. Auf der äusersten Felsen=Höhe gegen Osten war ein bequemliches Wacht=Hauß erbauet, welches wir nebst denen dreyen dabey gepflantzten Stücken Geschützes in Augenschein nahmen, und uns anbey über das viele im Walde herum lauffende Wild sonderlich [305] ergötzten, nachhero in dem Robertischen Stamm=Hause aufs köstlichste bewirthet wurden, doch aber, nachdem diese Gemeine in jedes Hauß eine Englische Bibel und Gesang=Buch, nebst andern gewöhnlichen Geschencken vor die Jugend empfangen hatte, zu rechter Zeit den Rückweg auf Alberts=Burg antraten.

     Mittlerweile, da Herr Mag. Schmelzer in die Davids=Raumer Allee, seine Geistlichen Unterrichtungen fortzusetzen, spatziret war, und wir andern mit gröster Begierde am Kirchen=Bau arbeiten halffen, hatte unser Alt=Vater Albertus seine beyden ältesten Söhne, nehmlich Albertum und Stephanum, nebst ihren annoch lebenden Ehe=Weibern, ingleichen den David Julius, sonst Rawkin genannt, mit seiner Ehe=Frau Christina, welche des Alt=Vaters jüngste Tochter war, zu sich beschieden, um die Abend=Mahlzeit mit uns andern allen einzunehmen, da sich nun selbige nebst Herrn Mag. Schmelzern eingestellet, und wir sämmtlich gespeiset, auch unsere übrige Gesellschaffter sich beuhrlaubt hatten; blieben der Alt=Vater Albertus, dessen Söhne, Albertus und Stephanus, nebst ihren Weibern, David und Christina, Hr. Mag. Schmelzer, Mons. Wolffgang und ich, also unser 10. Personen beysammen sitzen, da denn unser Alt=Vater also zu reden anfing:

     Ich habe, meine lieben Freunde, gestern Abend versprochen, euch nähern Bericht von denjenigen Personen zu erstatten, die wir im 1668ten Jahre, als ausgehungerte und krancke Leute aufzunehmen, das Glück hatten, weil aber drey von denselben [306] annoch am Leben, und allhier gegenwärtig sind, als nehmlich dieser mein lieber Schwieger=Sohn, David, und denn meine beyden lieben Schwieger=Töchter des Alberti und Stephani Gemahlinnen, so habe vor annehmlicher erachtet, in eurer Gegenwart selbige zu bitten, daß sie uns ihre Lebens=Geschichte selbst erzehlen möchten. Ich weiß, meine fromme Tochter, sagte er hierauf zu des Alberti jun. Gemahlin, wie die Kräffte eures vortrefflichen Verstandes, Gedächtnisses und der Wohlredenheit annoch so vollkommen bey euch anzutreffen sind, als alle andere Tugenden, ohngeacht die Zeit uns alle auf dieser Insul ziemlich verändert hat. Derowegen habt die Güte, diesem meinem Vettern und andern werthen Freunden, einen eigenmündlichen Bericht von den Begebenheiten eurer Jugend abzustatten, damit sie desto mehr Ursach haben, sich über die Wunder=Hand des Himmels zu verwundern.

     Demnach stund die bey nahe 80. jährige Matrone, deren Gesichts= und Leibes=Gestalt auch in so hohen Alter noch viele Annehmlichkeiten zeigete, von ihrem Stuhle auf, küssete erstlich unsern Alt=Vater, setzte sich, nachdem sie sich gegen die übrigen höflich verneiget, wiederum nieder, und fing ihre Erzehlung folgender massen an: Es ist etwas schweres, meine Lieben, daß eine Frau von solchen Jahren, als ich bin, annoch von ihrer Jugend reden soll, weil gemeiniglich darbey viele Thorheiten vorzukommen pflegen, die einem reiffern Verstande verächtlich sind, doch da das menschliche Leben überhaupt ein Zusammen=[307]hang vieler Thorheiten, wiewohl bey einem mehr als bey dem andern zu nennen ist, will ich mich nicht abschrecken lassen, dem Befehle meines hertzlich geliebten Schwieger=Vaters Gehorsam zu leisten, und die Aufmercksamkeit edler Freunde zu vergnügen, welche mir als einer betagten Frauen nicht verüblen werden, wenn ich nicht alles mehr in behöriger Zierlichkeit und Ordnung vorzubringen geschickt bin.

     Mein Nahme ist Judith von Manders, und bin 1648. eben um selbige Zeit gebohren, da die vereinigten Niederländer wegen des allgemeinen Friedens=Schlusses und ihrer glücklich erlangten Freyheit in grösten Freuden begriffen gewesen. Mein Vater war einer der ansehnlichsten und reichsten Männer zu Middelburg in Seeland wohnhafft, der der Republic so wohl als seine Vorfahren gewiß recht wichtige Dienste geleistet hatte, auch dieserwegen zu einem Mit=Gliede des hohen Raths erwehlet worden. Ich wurde, nebst einer ältern Schwester und zweyen Brüdern, so erzogen, wie es der Stand und das grosse Vermögen unserer Eltern erforderte, deren Haupt=Zweck eintzig und allein dieser war, aus ihren Kindern Gottesfürchtige und tugendhaffte Menschen zu machen. Wie denn auch keines aus der Art schlug, als unser ältester Bruder, der zwar jederzeit von aussen einen guten Schein von sich gab, in Geheim aber allen Wollüsten umd liederlichem Leben oblage. Kaum hatte meine Schwester das 16te und ich mein 14des Jahr erreicht, als sich schon eine ziemliche Anzahl junger vornehmer Leute um unsere Bekandtschafft bewar=[308]ben, indem meine Schwester Philippine vor eine der schönsten Jungfrauen in Middelburg gehalten wurde, von meiner Gesichts=Bildung aber ging die Rede, als ob ich, ohne Ruhm zu melden, nicht allein meine Schwester, sondern auch alles andere Frauenzimmer im Lande an Schönheit übertreffen solte. Doch schrieb man mir als einen besonders grossen Fehler zu, daß ich eines allzu stillen, eigensinnigen, melancholischen, dahero verdrüßlichen temperaments wäre, dahingegen meine Schwester eine aufgeräumte und muntere Lebens=Art blicken liesse.

     Wiewohl ich mich nun um dergleichen Vorwürffe wenig bekümmerte, so war dennoch gesinnet, dergleichen Aufführung bey ein oder anderer Gelegenheit möglichstens zu verbergen, zumahlen wenn mein ältester Bruder William dann und wann frembde Cavaliers in unser Hauß brachte. Solches war wenige mahl geschehen, als ich schon an einem, Jan van Landre genannt, einen eiffrigen Liebhaber wahrnahm, dessen gantz besonderer Hertzens=Freund, Joseph van Zutphen, meine Schwester Philippinam ebenfalls aufs äuserste zu bedienen suchte. Eines Abends, da wir solcher Gestalt in zuläßigen Vergnügen beysammen sassen, und aus einem Glücks=Topffe, den Joseph van Zutphen mitgebracht hatte, allerhand lächerliche Loose zohen, bekam ich unter andern eines, worauf geschrieben stund: Ich müste mich von demjenigen, der mich am meisten liebte, 10. mahl küssen lassen. Hierüber entstund unter 6. anwesenden Manns=Personen ein Streit, welcher mir zu entscheiden, anheim [309] gestellet wurde, allein, um viele Weitläufftigkeiten zu vermeiden, sprach ich: Meine Herren! Man giebt mir ohnedem Schuld, daß ich eigensinnig und allzu wunderlich sey, derowegen lasset es dabey bewenden, und erlaubet mir, daß ich mein Armband auf den Boden der Kammer werffe, wer nun selbiges am ersten erhaschet, soll nicht allein mich 10. mahl küssen, sondern auch das Armband zum Angedencken behalten.

     Dieser Vorschlag wurde von allen mit besondern Vergnügen angenommen, Joseph aber erwischte am allergeschwindesten das Arm=Band, welches Jan van Landre, der es an dem äusersten Ende nicht fest halten können, ihm überlassen muste. Jedoch er wandte sich zu ihm, und sagte mit grosser Bescheidenheit: Uberlasset mir, mein Bruder, nebst diesem Arm=Bande euer darauf hafftendes Recht, wo es euch gefällig ist, zumahl da ihr allbereits euer Theil habet, und versichert seyn könnet, daß ich dergleichen Kostbarkeit nicht umsonst von euch zu empfangen begehre. Allein Joseph empfand dieses Ansinnen dermassen übel, daß er in hefftigster Erbitterung gegen seinen Freund also herausfuhr: Wer hat euch die Briefe vorgelesen, Jan van Landre, da ihr behaupten wollet, wie ich allbereits mein Theil habe? Und was wollet ihr mit dergleichen niederträchtigen Zumuthungen bey mir gewinnen? Meinet ihr etwa, daß mein Gemüth so Pöbelhafft beschaffen als das eure? und daß ich eine Kostbarkeit verkauffen soll, die doch weder von euch noch eurer gantzen Freundschafft nach ihrem Werth bezahlet werden kan? Verschonet mich derowegen in Zu=[310]kunfft mit solchen thörichten Reden, oder man wird euch zeigen, wer Joseph van Zutphen sey.

     Indem nun von diesen beyden jungen Stutzern einer so viel Galle und Feuer bey sich führete, als der andere, kam es gar geschwind zum hefftigsten Wort=Streite, und fehlete wenig, daß sie nicht ihre Degen=Klingen in unserer Gegenwart gemessen hätten, doch auf Zureden anderer wurde unter ihnen ein Schein=Friede gestifftet, der aber nicht länger währete, biß auf folgenden Morgen, da beyde mit erwählten Beyständen vor der Stadt einen Zwey=Kampff unter sich vornahmen, in welchem Joseph von seinem vormahligen Hertzens=Freunde dem Jan tödtlich verwundet auf dem Platze liegen blieb; der Mörder aber seine Flucht nach Franckreich nahm, von wannen er gar bald an mich die verliebtesten Briefe schrieb, und versprach, seine Sachen aufs längste binnen einem halben Jahre dahin zu richten, daß er sich wiederum ohne Gefahr in Middelburg dürffte sehen lassen, wenn er nur sichere Rechnung auf die Eroberung meines Hertzens machen könte.

     Allein, bey mir war hinführo weder an die geringste Liebe noch Aussöhnung vor Jan van Landre zu gedencken, und ob ich gleich vor der Zeit seinetwegen mehr Empfindlichkeit als vor Joseph und andere Manns=Personen in mich verspüret, so löschete doch seine eigene mit Blut besudelte Hand und das klägliche Angedencken des meinetwegen jämmerlich Entleibten das kaum angezündete Füncklein der Liebe in meinem Hertzen auf einmahl völlig aus, mithin vermehrete sich mein angebohrnes melancholi=[311]sches Wesen dermassen; daß meinen Eltern dieserhalb nicht allzu wohl zu Muthe wurde, indem sie befürchteten, ich möchte mit der Zeit gar eine Närrin werden.

     Meine Schwester Philippine hergegen, schlug ihren erstochenen Liebhaber in wenig Wochen aus dem Sinne, entweder weil sie ihn eben noch nicht starck genung geliebet, oder Lust hatte, dessen Stelle bald mit einem andern ersetzt zu sehen, denn sie war zwar voller Feuer, jedoch in der Liebe sehr behutsam und eckel. Wenige Zeit hernach stellete sich ein mit allen Glücks=Gaben wohlversehener Liebhaber bey ihr dar, er hatte bey einer Gasterey Gelegenheit genommen, meine Schwester zu unterhalten, sich in sie verliebt, den Zutritt in unser Hauß gefunden, ihr Hertz fast gäntzlich gewonnen, und es war schon so weit gekommen, daß beyderseits Eltern das öffentliche Verlöbniß zwischen diesen Verliebten anstellen wolten, als dieser mein zukünfftiger Schwager, vor dem ich mich jederzeit verborgen gehalten hatte, meiner Person eines Tages unverhofft, und zwar in meiner Schwester Zimmer, ansichtig wurde. Ich wäre ihm gerne entwischt, allein, er verrannte mir den Paß, so, daß mich recht gezwungen sahe, seine Complimenten anzuhören und zu beantworten. Aber! welch ein Unglück entstunde nicht hieraus? Denn der thörichte Mensch, welcher nicht einmahl eine völlige Stunde mit mir umgangen war, veränderte so fort sein gantzes Vorhaben, und wirfft alle Liebe, die er bißhero eintzig und allein zu meiner Schwester getragen hatte, nunmehro auf mich, ließ auch gleich folgendes Tages offenhertzig [312] bey den Eltern um meine Person anhalten. Dieses machte eine ziemliche Verwirrung in unserm Hause. Unsere Eltern wolten diese herrliche Parthie durchaus nicht fahren lassen, es möchte auch unter ihren beyden Töchter betreffen, welche es wolte. Meine Schwester stellete sich über ihren ungetreuen Liebhaber halb rasend an, und ohngeacht ich hoch und theuer schwur, einem solchen Wetterhahne nimmermehr die ehlige Hand zu geben, so wolte sich dadurch keines von allen Interessenten befriedigen lassen. Meine Schwester hätte mich gern mit den Augen ermordet, die Eltern wandten allen Fleiß an, uns zu versöhnen, und versuchten, bald den wanckelmüthigen Liebhaber auf vorige Wege zu bringen, bald mich zu bereden, daß ich ihm mein Hertz schencken solte; Allein, es war so wohl eines als das andere vergeblich, indem ich bey meinem einmahl gethanen Schwure beständig zu verharren beschloß, und wenn es auch mein Leben kosten solte.

     Wie demnach der Wetterhahn sahe, daß bey mir durchaus nichts zu erhalten war, fing er wiederum an, bey meiner Schwester gelinde Sayten aufzuziehen, und diese spielete ihre Person dermassen schalkhafft, biß er sich aus eigenem Antriebe bequemete, sie auf den Knien um Vergebung seines begangenen Fehlers, und um die vormahlige Gegen=Liebe anzusprechen. Allein, diese vermeinete nunmehro erstlich sich völlige Genugthuung vor ihre beleidigte Ehre zu verschaffen, sagte derowegen, so bald sie ihn von der Erde aufgehoben hatte: Mein Herr! ich glaube, daß ihr mich vor einiger Zeit vollkommen geliebt, auch so viel Merckmahle einer hertz=[313]lichen Gegen=Liebe von mir empfangen habt, als ein rechtschaffener Mensch von einem honetten Frauenzimmer verlangen kan. Dem ohngeachtet habt ihr euer veränderliches Gemüthe unmöglich verbergen können. Jedoch es ist vorbey, und es soll euch Seiten meiner alles hertzlich vergeben seyn. Ich schwere auch zu GOtt, daß ich dieser wegen nimmermehr die geringste Feindschafft gegen eure Person hegen, anbey aber auch nimmermehr eure Ehe=Gattin werden will, weil die Furcht wegen der zukünfftigen Unbeständigkeit so wohl euch als mir bloß zur beständigen Marter und Quaal gereichen würde.

     Alle Anwesenden stutzten gewaltig hierüber, wandten auch so wohl als der Neu=Verliebte allen Fleiß und Beredsamkeit an, meine Schwester auf bessern Sinn zu bringen, jedoch es halff alles nichts, sondern der unbeständige Liebhaber muste wohlverdienter Weise nunmehro bey beyden Schwestern durch den Korb zu fallen sich belieben lassen.

     Solcher Gestalt nun wurden wir beyden Schwestern wiederum ziemlich einig, wiewohl die Eltern mit unsern eigensinnigen Köpffen nicht allerdings zufrieden waren, indem sich bey uns nicht die geringste Lust zu heyrathen, oder wenigstens mit Manns=Personen umzugehen zeigen wolte.

     Endlich, da nach erwehnten unglücklichen Heyraths=Tractaten fast anderthalbes Jahr verstrichen war, fand ein junger, etwa 28. jähriger Cavalier allerhand artige Mittel, sich bey meiner Schwester einzuschmeicheln. Er hielt starcke Freundschafft mit meinen Brüdern, nennete sich Alexander de [314] la Marck, und war seinem Vorgeben nach von dem Geschlecht des Grafens Lumay de la Marck, der sich vor fast 100. Jahren durch die Eroberung der Stadt Briel in Diensten des Printzen von Oranien einen unsterblichen Ruhm erworben, und so zu sagen, den Grund zur Holländischen Republic gelegt hatte. Unsere Eltern waren mit seiner Anwerbung wohl zu frieden, weil er ein wohlgestalter, bescheidener und kluger Mensch war, der sein grosses Vermögen bey allen Gelegenheiten sattsam hervor blicken ließ. Doch wolten sie ihm das Ja=Wort nicht eher geben, biß er sich deßfalls mit Philippinen völlig verglichen hätte. Ob nun diese gleich ihre Resolution immer von einer Zeit zur andern verschob, so wurde Alexander dennoch nicht verdrüßlich, indem er sich allzuwohl vorstellete, daß es aus keiner andern Ursache geschähe, als seine Beständigkeit auf die Probe zu setzen, und gegentheils wuste ihn Philippine jederzeit mit der holdseligsten, doch ehrbarsten Freundlichkeit zu begegnen, wodurch seine Gedult und langes Warten sehr versüsset zu werden schien.

     Meiner Schwester, Brüdern und ihm zu Gefallen, ließ ich mich gar öffters mit bey ihren angestellten Lustbarkeiten finden; doch aber durchaus von keinem Liebhaber ins Netz bringen, ob sich schon viele deßwegen ziemliche Mühe gaben. Gallus van Witt, unser ehemaliger Liebster, gesellete sich nach und nach wieder zu uns, ließ aber nicht den geringsten Unmuth mehr, wegen des empfangenen Korbes, spüren, sondern zeigte ein beständiges freyes Wesen, und sagte ausdrücklich, [315] daß, da es ihm im Lieben auf doppelte Art unglücklich ergangen, er nunmehro fest beschlossen hätte, nimmermehr zu heyrathen. Meine Schwester wünschte ihm also einsmahls, daß er dergleichen Sinnen ändern, hergegen uns alle fein bald auf sein Hochzeit=Fest zu seiner vollkommen schönen Liebste, einladen möchte. Da er aber hierbey mit dem Kopffe schüttelte, sagte ich: So recht Mons. de Witt, nunmehro bin ich euch vor meine Person desto günstiger, weil ihr so wenig Lust als ich zum Heyrathen bezeiget. Er erröthete hierüber, und versetzte: Mademoiselle, ich wäre glücklich genung, wenn ich nur den geringsten Theil eurer beyder Gewogenheit wieder erlangen könte, und euch zum wenigsten als ein Freund oder Bruder lieben dürffte, ob ihr gleich beyderseits mich zu lieben, und ich gleichfalls das Heyrathen überhaupt verredet und verschworen. Es wird euch, sagte hierauff Philippine, mit solchen Bedingungen jederzeit erlaubt, uns zu lieben und zu küssen.

     Auf dieses Wort unterstund sich van Witt die Probe mit küssen zu machen, welches wir ihm als einen Schertz nicht verweigern konten, nachhero führete er sich aber bey allen Gelegenheiten desto bescheidener auf.

     Eines Tages brachten de la Marck, und meine Brüder, nicht allein den Gallus de Witt, sondern auch einen unbekandten vornehmen See=Fahrer mit sich, der erst neulich von den Bantamischen und Moluccischen Insuln, in Middelburg angelanget war; und wie er sagte, ehester Tages wieder dahin seegeln wolte. Mein Vater hatte so wol als wir [316] andern alle, ein grosses Vergnügen, dessen wundersame Zufälle und den glückseligen Zustand selbiger Insuln, die der Republic so Vortheilhafftig wären, anzuhören, schien sich auch kein Bedencken zu nehmen, mit der Zeit, einen von seinen Söhnen auf einem Schiffe dahin auszurüsten, worzu denn der Jüngere mehr Lust bezeigte, als der Aeltere. Damit er aber mit diesem erfahrnen See=Manne in desto genauere Kundschafft kommen möchte, wurde derselbe in unserm Hause 3. Tage nach einander aufs Beste bewirthet. Nach deren Verlauff bat sich der See=Fahrer bey meinem Vater aus: derselbe möchte seinen 4. Kindern erlauben, daß sie nebst Alexander de la Mark und Gallus van Witt, auf seinem Schiffe, selbiges zu besehen, einsprechen dürfften, allwo er dieselben zur Danckbarkeit vor genossene Ehren=Bezeugung so gut als möglich bewirthen, und mit einigen ausländischen geringen Sachen beschencken wolte.

     Unsere Eltern liessen sich hierzu leichtlich bereden, also wurden wir gleich folgenden Tages um Mittags=Zeit, von unsern aufgeworffenen Wohlthäter abgeholet und auf sein Schiff geführet, wiewol mein jüngster Bruder, der sich vergangene Nacht etwas übel befunden hatte, zu Hause bleiben muste. Auf diesem Schiffe fanden wir solche Zubereitungen, deren wir uns nimmermehr versehen hatten, denn die Seegel waren alle vom schönsten seidenen Zeuge gemacht, und die Tauen mit vielerley farbigen Bändern umwunden, Ruder und anderes Holtzwerck gemahlet und verguldet, und das Schiff inwendig mit den schönsten Tapeten ausgeschlagen, [317] wie denn auch die Boots=Leute in solche Liberey gekleidet waren, dergleichen de la Mark und Witt ihren Bedienten zu geben pflegten. Ehe wir uns hierüber sattsam verwundern konten, wurde die Gesellschafft durch Ankunfft noch zweyer Damen, und eines wohlgekleydeten jungen Menschen verstärckt, welchen mein Bruder William, auf geheimes Befragen, vor einen Frantzösischen jungen Edelmann Nahmens Henry de Frontignan, das eine Frauenzimmer aber, vor seine Schwester Margarithe, und die andere vor dessen Liebste Antonia de Beziers ausgab. Meine Schwester und ich hatten gar kein Ursach an unsers Bruders Bericht zu zweiffeln, liessen uns derowegen gar bald mit diesen schönen Damen ins Gespräche ein, und fanden dieselben so wohl, als den vermeynten Frantzösischen Edelmann, von gantz besonderer Klugheit und Beredsamkeit.

     Es war angestellet, daß wir auf dem Ober=Deck des Schiffs in freyer Lufft speisen solten, da aber ein in Seeland nicht ungewöhnlicher Regen einfiel, muste dieses unter dem Verdeck geschehen. Mein Bruder that den Vorschlag, was massen es uns allen zu weit grössern Vergnügen gereichen würde, wenn uns unser Wirth bey so guten Winde eine Meile oder etwas weiter in die See, und gegen Abend wieder zurück führen liesse, welches denn niemanden von der Gesellschafft zuwider war, vielmehr empfanden wir so wohl hiebey, als an den herrlichen Tractamenten, wohlklingender Music, und nachhero an allerhand ehrbaren Lust=Spielen einen besondern Wohlgefallen. Weil aber unser [318] Wirth, Wetters= und Windes wegen, alle Schau=Löcher hatte zu nageln, und bey hellem Tage Wachs=Lichter anzünden lassen, so kunten wir bey so vielen Lustreichen Zeitvertreibungen nicht gewahr werden, ob es Tag oder Nacht sey, biß die Sonne allbereit vor 2. oder 3. Stunden untergegangen war. Mir kam es endlich sehr bedencklich vor, daß unsere Manns=Personen einander den Wein ungewöhnlich starck zutrancken, auch daß die beyden Frantzösischen Damen fast so gut mit sauffen konten als das Manns=Volck. Derowegen gab ich meiner Schwester einen Winck, welche sogleich folgte, und mit mir auf das Oberdeck hinauff stieg, da wir denn, zu unser beyder grösten Mißvergnügen, einen schwartz gewölckten Himmel, nebst annoch anhaltenden starcken Regen, um unser Schiff herum lauter entsetzlich schäumende Wellen, von ferne aber, den Glantz eines kleinen Lichts gewahr wurden.

     Es wurde gleich verabredet unsern Verdruß zu verbergen, derowegen fieng meine Schwester, so bald wir wieder zur andern Gesellschafft kamen, nur dieses zu sagen an: Hilff Himmel meine Freunde! es ist allbereits Mitternacht. Wenn wollen wir wieder nach Middelburg kommen? und was werden unsere Eltern sagen? Gebet euch zufrieden meine Schwestern, antwortete unser Bruder William, ich will bey den Eltern alles verantworten, folget nur meinem Beyspiele, und lasset euch von euren Liebhabern also umarmen, wie ich diesen meinen Hertzens=Schatz umarme. Zu gleicher Zeit nahm er die Margarithe vom Stuhle, und setzte sie auf [319] seinen Schooß, welche alles geduldig litte, und als die ärgste Schand=Metze mit sich umgehen ließ. Der vermeynte Edelmann, Henry, that mit seiner Buhlerin ein gleiches, jedoch Alexander und Gallus scheueten sich dem Ansehen nach noch in etwas, mit uns beyden Schwestern auf eben diese Arth zu verfahren, ohngeachtet sie von unsern leiblichen Bruder hierzu trefflich angefrischet wurden.

     Philippine und ich erstauneten über dergleichen Anblick, wusten aber noch nicht, ob es ein Schertz heissen solte, oder ob wir im Ernst verrathen oder verkaufft wären. Jedennoch verliessen wir die unkeusche Gesellschafft, rufften Gegenwärtige meine Schwägerin, des edlen Stephani noch itzige Ehe=Gemahlin, damals aber, als unsere getreue Dienerin herbey, und setzten uns, in lauter verwirrten Gedancken, bey einer auf dem Oberlof des Schiffs brennend stehenden Laterne nieder.

     Der verfluchte Wohlthäter, nemlich unser vermeintlicher Wirth, welcher sich als ein Vieh besoffen hatte, kam hinauff und sagte mit stammlender Zunge: Sorget nicht ihr schönen Kinder! ehe es noch einmal Nacht wird, werdet ihr in euren Braut=Bette liegen. Wir wolten weiter mit ihm reden; Allein das überflüßig eingeschlungene Geträncke suchte seinen Außgang bey ihm überall, auf so gewaltsame Art, daß er auf einmal als ein Ochse darnieder stürtzte, und uns, den gräßlichen Gestanck zu vermeiden, eine andere Stelle zu suchen zwunge.

     Philippine und ich waren bey dergleichen schändlichen spectacul fast ausser Sinnen gekommen, und [320] fielen in noch stärckere Verzweiffelung, als gegenwärtige unsere getreue Sabina plötzlich in die Hände schlug, und mit ängstlichen Seuffzen schrye: Ach meine liebsten Jungfrauen! Wir sind, allem Ansehen nach, schändlich verrathen und verkaufft, werden auch ohne ein besonderes Wunderwerck des Himmels, weder eure Eltern, noch die Stadt Middelburg jemals wieder zu sehen kriegen. Derowegen lasset uns nur den festen Entschluß fassen, lieber unser Leben, als die Keuschheit und Ehre zu verlieren. Auf ferneres Befragen gab sie zu verstehen; Daß ein ehrliebender auf diesem Schiffe befindlicher Reisender ihr mit wenig Worten so viel gesagt: Daß sie an unsern bevorstehenden Unglücke nicht den geringsten Zweiffel tragen könne.

     Wie gesagt, wir hätten solchergestalt verzweiffeln mögen, und musten unter uns Dreyen alle Mittel anwenden, der bevorstehenden Ohnmacht zu entgehen; Als ein resoluter Teutscher, Nahmens Simon Heinrich Schimmer, Jacob Larson ein Schwede, und gegenwärtiger David Rawkin ein Engelländer, (welche alle Drey nachhero allhier meine werthen Schwäger worden sind,) nebst noch 2. andern redlichen Leuten, zu unserm Troste bey uns erschienen. Schimmer führete das Wort in aller Stille, und sagte: Glaubet sicherlich, schönsten Kinder, daß ihr durch eure eigenen Anverwandten und Liebhaber verrathen worden. Zum Unglück haben ich und diese redlichen Leute solches itzo erst vor einer Stunde von einem getreuen Boots=Knechte erfahren, da wir schon sehr weit vom festen Lande entfernet sind, sonsten wolten wir euch gar bald in [321] Freyheit gesetzt, haben; Allein nunmehro ist es unmöglich, wir hätten denn das Glück uns in künfftigen Tagen einen stärckern Anhang zu verschaffen. Solte euch aber immittelst Gewalt angethan werden, so ruffet um Hülffe, und seyd völlig versichert, daß zum wenigsten wir 5. wehrhafften Leute, ehe unser Leben dran setzen, als euch schänden lassen wollen.

     Wir hatten kaum Zeit, drey Worte, zu bezeugung unserer erkänntlichen Danckbarkeit, gegen diese 5. vom Himmel zugesandten redlichen Leute, vorzubringen; als unser leichtfertiger Bruder, von de la Mark und Witt begleitet, herzu kam, uns hinunter zu holen. Witt stolperte über den in seinem Unflath liegenden Wirth her, und balsamirte sich und seine Kleider so, daß er sich als eine Bestie hinweg schleppen lassen muste, William sanck gleichfalls, da er die freye Lufft empfand, zu Boden, de la Mark aber war noch bey ziemlichen Verstande, und brachte es durch viele scheinheilige Reden und Liebkosungen endlich dahin, daß Philippine, ich und unsere Sabina, uns endlich betäuben liessen, wieder hinunter in die Cajute zu steigen.

     Aber, o welch ein schändlicher Spectacul fiel uns allhier in die Augen. Der saubere Frantzösische von Adel saß, zwischen den zweyen verfluchten Schand=Huren, Mutternackend vor dem Camine, und zwar in einer solchen ärgerlichen Stellung, daß wir mit lauten Geschrey zurück fuhren, und uns in einen besondern Winckel mit verhülleten Angesichtern versteckten.

     De la Mark kam hinter uns her, und wolte aus [322] der Sache einen Schertz machen, allein Philippine sagte: Bleibet uns vom Halse ihr vermaledeyten Verräther, oder der erste, der uns angreifft, soll auf der Stelle mit dem Brod=Messer erstochen werden. Weiln nun de la Mark spürete, daß wenig zu thun sey, erwartete er so wol, als wir, in einem andern Winckel des Tages. Dieser war kaum angebrochen, als wir uns in die Höhe machten und nach dem Lande umsahen, allein es wolte sich unsern begierigen Augen, ausser dem Schiffe, sonsten nichts zeigen, als Wasser und Himmel. Die Sonne gieng ungemein hell und klar auf, fand alle andern im festen Schlafe liegen, uns drey Elenden aber in schmertzlichen Klagen und heissen Thränen, die wir anderer Menschen Boßheit wegen zu vergiessen Ursach hatten.

     Kaum hatten die vollen Sauen den Rausch ausgeschlafen, da die gantze ehrbare Zunfft zum Vorscheine kam, und uns, mit ihnen Caffee zu trincken nöthigte. An statt des Morgen=Grusses aber, lasen wir unserm gottlosen Bruder ein solches Capitel, worüber einem etwas weniger ruchlosen Menschen hätten die Haare zu Berge stehen mögen. Doch dieser Schand=Fleck der Natur verlachte unsern Eifer anfänglich, nahm aber hernach eine etwas ernsthafftere mine, an, und hielt folgende Rede: Liebe Schwestern, seyd versichert, daß, ausser meiner Liebsten Margaretha, mir auf der Welt niemand lieber ist als ihr, und meine drey besten Freunde, nemlich: Gallus, Alexander und Henry. Der erste, welcher dich Judith aufs allerhefftigste liebet, ist zur gnüge bekannt. Alexander, ob er gleich biß=[323]hero so wol als Henry nur ein armer Schlucker gewesen; hat alle Eigenschafften an sich, Philippinen zu vergnügen, und vor die gute Sabina wird sich auch bald ein braver Kerl finden. Derowegen, lieben Seelen, schicket euch in die Zeit. Nach Middelburg wiederum zu kommen, ist unmöglich, alles aber, was ihr nöthig habt, ist auf diesem Schiff vorräthig anzutreffen. Auf der Insul Amboina werden wir unsere zukünfftige Lebens=Zeit ingesammt in grösten Vergnügen zubringen können, wenn ihr nur erstlich eure eigensinnigen Köpffe in Ordnung gebracht, und nach unserer Lebens=Art eingerichtet habt.

     Nunmehro war mir und meiner Schwester ferner unmöglich, uns einer Ohnmacht zu erwehren, also sancken wir zu Boden, und kamen erstlich etliche Stunden hernach wieder in den Stand, unsere Vernunfft zu gebrauchen, da wir uns denn in einer besondern Schiffs=Kammer allein, unter den Händen unserer getreuen Sabina befanden. Diese hatte mittlerweile von den beyden schändlichen Dirnen das gantze Geheimniß, und zwar folgenden Umbständen nach, erfahren:

     Gallus van Witt, als der Haupt=Uhrheber unsers Unglücks, hat gleich nach seinem, bey beyden Schwestern umgeschlagenen Liebes=Glücke, die allervertrauteste Freundschafft mit unserm Bruder William gemacht, und demselben vorgestellet: Daß er ohnmöglich leben könne, er müsse denn eine von dessen Schwestern zur Frau haben, und solte er auch sein gantzes Vermögen, welches bey nahe in 2. Tonnen Goldes bestünde, dran setzen. William ver=[324]sichert ihn seines geneigten Willens hierüber, verspricht sich in allen zu seinen Diensten, und beklagt nur, daß er kein Mittel zu erfinden wisse, seines Hertzens=Freundes Verlangen zu stillen. Gallus aber, der seit der Zeit beständig, so wohl auf einen gewaltsamen, als listigen Anschlag gesonnen, führet den William zu dem liederlichen Commœdianten=Volcke, nemlich: Alexandern, Henry, Antonien und Margarithen, da sich denn derselbe sogleich aufs allerhefftigste in die Letztere verliebt, ja sich ihr und den übrigen schändlichen Verräthern gantz zu eigen ergiebt. Alexander wird demnach, als der Ansehnlichste, auf des Gallus Unkosten, in solchen Stand gesetzt, sich als einer der vornehmsten Cavaliers aufzuführen und um Philippinen zu werben, mittlerweile kleiden sie einen alten verunglückten See=Räuber, vor einen erfahrnen Ost=Indien=Fahrer an, der unsere Eltern und uns betrügen helffen, ja uns armen einfältigen Kinder in das verfluchte Schiff locken muß, welches Gallus und mein Bruder, zu unserm Raube, so fälschlich mit grossen Kosten ausgerüstet hatten, um damit eine Farth nach den Moluccischen Insuln vorzunehmen. Der letztere, nemlich mein Bruder, hatte nicht allein den Eltern eine erstaunliche Summe Geldes auf listige Art entwendet, sondern auch Philippinens, und meine Kleinodien und Baarschafften mit auf das Schiff gebracht, damit aber doch ja unsere Eltern ihrer Kinder nicht alle auf einmal beraubt würden, giebt der verteuffelte Mensch dem jüngern Bruder, Abends vorhero, unvermerckt ein starckes Brech=Pulver ein, damit er künfftigen Tages bey der [325] Schiffs=Lust nicht erscheinen, und folglich in unserer Entführung keine Verhinderung machen könne.

     Bey solchen unerhörten schändlichen Umbständen sahen wir also vollkommen, daß vor uns keine Hoffnung übrig war diesem Unglücke zu entgehen, derowegen ergaben wir uns fast gäntzlich der Verzweiffelung, und wolten uns in der ersten Wuth mit den Brod=Messern selbst ermorden, doch dem Himmel sey Danck, daß unsere liebste und getreuste Sabina damals weit mehr Verstand als wir besaß, unsere Seelen aus des Satans Klauen zu erretten. Sie wird sich annoch sehr wol erinnern können, was sie vor Arbeit und Mühe mit uns beyden unglücklichen Schwestern gehabt, und wie sie endlich, da nichts verfangen wolte, in solche Heldenmüthige Worte ausbrach: Fasset ein Hertze, meine gebiethenden Jungfrauen! Lasset uns abwarten, wer sich unterstehen will uns zu schänden, und solche Teuffels erstlich ermorden, hernach wollen wir uns der Barmhertzigkeit des Himmels überlassen, die es vielleicht besser fügen wird als wir vermeynen.

     Kaum hatte sie diese tapffern Worte ausgesprochen; so wurde ein grosser Lermen im Schiffe, und Sabina zohe Nachricht ein, daß ein See=Räuber uns verfolgte, auch vielleicht bald Feuer geben würde. Wir wünschten, daß es ein Frantzose oder Engelländer seyn, der immerhin unser Schiff erobern, und alle Verräther todt schlagen möchte, so hätten wir doch ehe Hoffnung gegen Versprechung einer starcken ranzion, von ihm Ehre und Freyheit zu erhalten. Allein weil der Wind unsern Verräthern günstiger, ausserdem auch unser Schiff sehr [326] wol bestellt, leicht und flüchtig war, so brach die Nacht abermals herein, ehe was weiters vorgieng.

     Wir hatten den gantzen Tag ohne Essen und Trincken zugebracht, liessen uns aber des Nachts von Sabinen bereden, etwas zu geniessen, und da weder William noch jemand anders, noch zur Zeit das Hertz hatte vor unsere Augen zu kommen, so verwahreten wir unsere Kammer aufs Beste, und gönneten den von Thränen geschwächten Augen, eine wiewol sehr ängstliche Ruhe.

     Folgendes Tages befanden sich Philippine und Sabina so wol als ich in erbärmlichen Zustande, denn die gewöhnliche See=Kranckheit setzte uns dermassen hefftig zu, daß wir nichts gewissers als einen baldigen und höchstgewünschten Tod vermutheten; Allein der Himmel hatte selbigen noch nicht über uns verhänget, denn, nachdem wir über 15. Tage im ärgsten phantasiren, ja völligen Rasen zugebracht; ließ es sich nicht allein zur Besserung an, sondern unsere Gesundheit wurde nachhero, binnen etlichen Wochen, wieder unsern Willen, völlig hergestellet.

     Zeitwährender unserer Krankheit, hatten sich nicht allein die ehrbaren Damen, sondern auch die übrigen Verräther wegen unserer Bedienung viele Mühe geben wollen, waren aber jederzeit garstig empfangen worden. Indem wir ihnen öffters ins Gesichte gespyen, alles, was wir erlangen können, an die Köpffe geworffen, auch allen Fleiß angewendet hatten, ihnen die verhurten Augen auszukratzen. Weßwegen sie endlich vor dienlicher erachtet, sich [327] abwesend zu halten, und die Bedienung einer schon ziemlich alten Magd, welche vor Antonien und Margarithen mitgenommen war, zu überlassen. Nachdem aber unsere Gesundheit wiederum gäntzlich erlangt, und es eine fast unmögliche Sache war, beständig in der düstern Schiffs=Kammer zu bleiben, begaben wir uns, auf unserer liebsten Sabine öffteres Bitten, auf das Obertheil des Schiffs, um bey damahligen schönen Wetter frische Lufft zu schöpffen. Unsere Verräther waren dieses kaum gewahr worden, da die gantze Schaar herzu kam, zum neuen guten Wohlstande Glück wünschte und hoch betheurete, daß sich unsere Schönheit nach überstandener Kranckheit gedoppelt hervor thäte. Wir beantworteten aber alles dieses mit lauter verächtlichen Worten und Gebärden, wolten auch durchaus mit ihnen keine Gemeinschafft pflegen, liessen uns aber doch endlich durch alltägliches demüthiges und höffliches Zureden bewegen, in ihrer Gesellschafft zu essen und zu trincken, hergegen erzeigten sich unsere standhafften Gemüther desto ergrimmter, wenn etwa Gallus oder Alexander etwas verliebtes vorbringen wolten.

     William unterstund sich, uns dieserwegen den Text zu lesen, und vorzustellen, wie wir am klügsten thäten, wenn wir den bißherigen Eigensinn und Widerwillen verbanneten, hergegen unsern Liebhabern gutwillig den Zweck ihres Wunsches erreichen liessen, ehe sie auf verzweiffelte, uns vielleicht noch unanständigere Mittel gedächten, denen wir mit aller unserer Macht nicht widerstehen könten, da zumahlen alle Hoffnung zur Flucht, oder anderer [328] Erlösung nunmehro vergebens sey. Allein dieser verfluchte Kuppler wurde mit wenigen, doch dermassen hitzigen Worten, und Geberden dergestalt abgewiesen, daß er als ein begossener Hund, wiewol unter hefftigen Drohungen zurücke gieng, und seinen Absendern eine gantz unangenehme Antwort brachte. Sie kamen hierauff selbst, um ihr Heyl nochmals in der Güte, und zwar mit den allerverliebtesten und verpflichtetsten Worten und Betheurungen, zu versuchen, da aber auch diesesmal ihr schändliches Ansinnen verdammet und verflucht, auch ihnen der verwegne Jungfrauen=Raub behertzt zu Gemüthe geführet und zugeschworen wurde, daß sie in alle Ewigkeit kein Theil an uns überkommen solten, hatten wir uns abermals auf etliche Wochen Friede geschafft.

     Endlich aber wolte die geile Brunst dieser verhurten Schand=Buben sich weiter durch nichts unterdrücken lassen, sondern in volle Flammen ausbrechen, denn wir wurden einstens in der Nacht von dreyen Schelmen, nemlich Alexander, Gallus und dem Schiffs=Quartiermeister plötzlich überfallen, die uns nunmehro mit Gewalt ihren vermaledeyten geilen Lüsten aufopffern wolten. Indem wir uns aber dergleichen Boßheit schon vorlängst träumen lassen, hatten so wol Philippine und Sabina als ich, beständig ein blosses Taschen=Messer unter dem Haupte zurechte gelegt, und selbiges allbereit zur Wehre gefasset, da unsere Kammer in einem Augenblicke aufgestossen wurde. Alexander warff sich auf meine Schwester, Gallus auf mich, und der Quartiermeister auf die ehrliche Sabinen. [329] Und zwar mit solcher furie, daß wir Augenblicklich zu ersticken vermeynten. Doch aus dieser angestellten schändlichen Commœdie, ward gar bald eine blutige Tragœdie, denn da wir nur ein wenig Lufft schöpfften, und das in den Händen verborgene Gewehr anbringen konten, stiessen wir fast zu gleicher Zeit auf die verfluchten Huren=Hängste loß, so daß unsere Kleider von den schelmischen hitzigen Geblüte ziemlich bespritzt wurden.

     Der Quartiermeister blieb nach einem eintzigen außgestossenen brüllenden Seufftzer, stracks todt auf der Stelle liegen, weil ihm die tapffere Sabina, allen Vermuthen nach, mit ihrem grossen und scharffen Messer das Hertz gäntzlich durchstossen hatte. Alexander, den meine Schwester durch den Hals, und Gallus, welchen ich in die lincke Bauch=Seite gefärlich verwundet, wichen taumelnd zurück, wir drey Zitterenden aber, schryen aus vollem Halse Zeter und Mordio.

     William und Henry kamen herzu gelauffen, und wolten Mine machen, ihrer schelmischen Mit=Brüder Blut mit dicken Knütteln an uns zu rächen, zu gleicher Zeit aber erschienen der tapffere Schimmer, Larson, Rawkin und etwa noch 4. oder 6. andere redliche Leute, welche bald Stillestandt machten, und uns in ihren Schutz nahmen, auch Angesichts aller andern theuer schwuren, unsere Ehre biß auf die letzte Minute ihres Lebens zu beschirmen. William und Henry musten also nicht allein mit ihrem Anhange zu Creutze kriechen, sondern sich so gar mit ihren Huren aus der besten Schiffs=Kammer heraus werffen lassen, in welche wir eingewie=[330]sen, und von Schimmers Anhang Tags und Nachts hindurch wol bewahret wurden. Das schändliche Aas des Quartiermeisters wurde als ein Luder ins Meer geworffen, Alexander und Gallus lagen unter den Händen des Schiffs=Barbierers, Schimmer aber und sein Anhang spieleten den Meister auf dem Schiffe, und setzten die andern alle in ziemliche Furcht, ja da der alte so genannte Schiffs=Capitain, nebst William und Henry, sich von neuen mausig machen wolten, fehlete es nicht viel, daß beyde Partheyen einander in die Haare gerathen wären, ohngeacht niemand sichere Rechnung machen konte, welches die stärckste wäre.

     Solcher Verwirrung ohngeacht wurde die Reise nach Ost=Indien bey favorablen Winde und Wetter dennoch immer eifferig fortgesetzt, welches uns zwar höchst mißfällig war, doch da wir gezwungener Weise dem Verhängniß stille halten musten, richteten sich unsere in etwas ruhigere Sinnen eintzig und allein dahin, dessen Ziel zu errathen.

     Die um die Gegend des grünen Vor=Gebürges sehr scharff creutzenden See=Räuber, veruhrsachten so viel, daß sich die streitigen Partheyen des Schiffes auf gewisse Puncte ziemlich wieder vereinigten, um den gemeinschafftlichen Feinden desto bessern Widerstandt zu thun, worunter aber der Haupt=Punct war, daß man uns 3. Frauenzimmer nicht im geringsten kräncken, sondern mit geziemenden Respect alle selbst beliebige Freyheit lassen solte. Demnach lebten wir in einigen Stücken ziemlich vergnügt, kamen aber mit keinem Fusse an Land, ohngeacht schon 3. mal unterwegs frisch Wasser [331] und Victualien von den herum liegenden Insuln eingenommen worden. Gallus und Alexander, die nach etlichen Wochen von ihren gefährlichen Wunden völlig hergestellet waren, scheueten sich uns unter Augen zu treten, William und Henry redeten ebenfalls so wenig, als ihre Huren mit uns, und kurtz zu sagen: Es war eine recht wunderliche Wirthschafft auf diesem Schiffe, biß uns ein &Aelig;thiopischer See=Räuber dermassen nahe kam, daß sich die Unserigen genöthiget sahen, mit möglichster Tapfferkeit entgegen zu gehen.

     Es entstunde dannenhero ein hefftiges Treffen, worinnen endlich gegen Abend der Mohr überwunden wurde, und sich mit allen, auf seinem Raub=Schiffe befindlichen, zur Beute übergeben muste. Hierbey wurden 13. Christen=Sclaven in Freyheit, hergegen 29. Mohren in unsere Sclaverey gebracht, anbey verschiedene kostbare Waaren und Kleinodien unter die Siegenden vertheilet, welche nicht mehr als 5. Todte und etwa 12. oder 16. Verwundete zehleten. Nachhero entstund ein grosser Streit, ob das eroberte Schiff versenckt, oder beybehalten werden solte. Gallus und sein Anhang verlangten das Versencken, Schimmer aber setzte sich mit seiner Parthey dermassen starck darwieder, biß er in so weit durchdrunge, daß alles Volck auf die zwey Schiffe ordentlich getheilet wurde. Also kam Schimmer mit seinem Anhange, worunter auch ich, Philippine und Sabine begriffen waren, auf das Mohrische Schiff, konte aber dennoch nicht verwehren, daß Gallus und Alexander auf selbigem das Commando überkamen, dahingegen Will=[332]liam und Henry nebst ihren Schand=Metzen auf dem ersten Schiffe blieben, und aus besonderer Güte eine erbeutete Schand=Hure, die zwar dem Gesichte nach eine weisse Christin, aber ihrer Aufführung nach ein von allen Sünden geschwärtztes Luder war, an Alexandern und Gallus zur Nothhelfferin überliessen. Dieser Schand=Balg, deren Geilheit unaussprechlich, und die, so wohl mit dem einem als dem andern, das verfluchteste Leben führete, ist nebst uns noch biß hieher auf diese Insul gekommen, doch aber gleich in den ersten Tagen verreckt.

     Jedoch behöriger Ordnung wegen, muß in meiner Erzehlung melden, daß damahls unsere beyden Schiffe ihren Lauff eiffrigst nach dem Vorgebürge der guten Hoffnung richteten, aber durch einen lange anhaltenden Sturm davon abgetrieben wurden. Das Middelburgische Schiff verlohr sich von dem Unsern, kam aber am fünfften Tage unverhofft wieder zu uns, und zwar bey solcher Zeit, da es schiene, als ob alles Ungewitter vorbey wäre, und das schönste Wetter zum Vorscheine kommen wolte. Wir ruderten ihm mit möglichsten Kräfften entgegen, weil unsern Commandeurs, die, nebst ihren wenigen Getreuen, wenig oder gar nichts von der künstlichen Seefahrt verstunden, an dessen Gesellschafft nur allzu viel gelegen war. Allein, nach meinen Gedancken hatte die Allmachts=Hand des Allerhöchsten dieses Schiff keiner andern Ursache wegen wieder so nahe zu uns geführet, als, uns allen an demselben ein Zeichen seiner strengen Gerechtigkeit sehen zu lassen, denn wir waren kaum noch [333] eines Büchsen=Schusses weit von einander, als es mit einem entsetzlichen Krachen plötzlich zerschmetterte, und theils in die Lufft gesprengt, theils Stück=weise auf dem Wasser aus einander getrieben wurde, so, daß hiervon auch unser Schiff sich grausamer Weise erschütterte, und mit Pfeil=mäßiger Geschwindigkeit eines Canonen=Schusses weit zurück geschleudert wurde. Dennoch richteten wir unsern Weg wieder nach der unglückseeligen Stelle, um vielleicht noch einige im Meere zapplende Menschen zu erretten, allein, es war hieselbst keine lebendige Seele, auch sonsten nichts als noch einige zerstückte Balcken und Breter anzutreffen.

     Was dieser unverhoffte Streich in unsern und der übrigen Gesellschafft Gemüthern vor verschiedene Bewegungen mag verursachet haben, ist leichtlich zu erachten. Wir Schwestern beweineten nichts, als unsers in seinen Sünden hingerafften Bruders arme Seele, erkühneten uns aber nicht, über die Straff=Gerichte des Allerhöchsten Beschwerde zu führen. Wie Alexandern und Gallus zu Muthe war, ließ sich leichtlich schliessen, indem sie von selbigem Tage an keine fröliche Mine mehr machen, auch sich um nichts bekümmern konten, sondern das Commando an Mons. Schimmern gutwillig überliessen, der, gegen den nochmahls entstehenden Sturm, die besten und klügsten Verfassungen machte. Selbiger hielt abermahls biß auf den 6ten Tag, und hatte alle unsere Leute dermassen abgemattet, daß sie wie die Fliegen dahin fielen, und nach gehaltener Ruhe im Essen und Trincken die verlohrnen Kräffte wieder suchten, [334] ob schon kein eintziger eigentlich wissen konte, um welche Gegend der Welt wir uns befänden.

     Fünff Wochen lieffen wir also in der Irre herum, und hatten binnen der Zeit nicht allein viele Beschädigungen am Schiffe erlitten, sondern auch alle Ancker, Mast und besten Seegel verlohren, und zum allergrösten Unglücke ging mit der 6ten Woche nicht allein das süsse Wasser, sondern auch fast aller Proviant zum Ende, doch hatte der ehrliche Schimmer die Vorsicht gebraucht, in unsere Kammer nach und nach heimlich so viel einzutragen, worvon wir und seine Freunde noch einige Wochen länger als die andern gut zu leben hatten; dahingegen Alexander, Gallus und andere allbereit anfangen musten, Leder und andere noch eckelere Sachen zu ihrer Speise zu suchen.

     Endlich mochte ein schändlicher Bube unsere liebe Sabina an einem harten Stücke Zwieback haben nagen sehen, weßwegen so gleich ein Lermen entstund, so, daß viele behaupten wolten, es müste noch vor alle Vorrath genug vorhanden seyn. Derowegen rotteten sich etliche zusammen, brachen in unsere Kammer ein, und da sie noch vor etwa 10. Personen auf 3. Wochen Speise darinnen fanden, wurden wir dieser wegen erbärmlich, ja fast biß auf den Todt von ihnen geprügelt. Mons. Schimmer hatte dieses Lerm nicht so bald vernommen, als er mit seinen Freunden herzu kam, und uns aus ihren Händen retten wolte, da aber so gleich einer von seiner Parthey darnieder gestochen wurde, kam es zu einem solchen entsetzlichen Blutvergiessen, daß, wenn ich noch daran gedencke, mir die Haare zu [335] Berge stehen. Alexander und Gallus, welche sich nunmehro als öffentliche Rädels=Führer und abgesagte Feinde darstelleten, auch Schimmern ziemlich ins Haupt verwundet hatten, musten alle beyde von seinen Händen sterben, und da die andern seiner Löwen=mäßigen Tapfferkeit nachahmeten, wurden ihre Feinde binnen einer Stunde meistens vertilget, die übrigen aber baten mit Aufzeigung ihrer blutigen Merckmahle um Gnade und Leben.

     Es waren nunmehro in allen noch 25. Seelen auf dem Schiffe, worunter 5. Mohren und das schändliche Weibs=Bild begriffen waren, diese letztere wolte Schimmer durchaus ins Meer werffen, allein auf mein und meiner Schwester Bitten ließ ers bleiben. Aller Speise=Vorrath wurde unter die Guten und Bösen in zwey gleiche Theile getheilet, ohngeacht sich der Frommen ihrer 14. der Bösen aber nur 11. befanden, nachdem aber das süsse Wasser ausgetruncken war, und wir uns nur mit zubereiteten See=Wasser behelffen musten, riß die schädliche Kranckheit, nehmlich der Schaarbock, als mit welchen ohnedem schon viele befallen worden, auf einmahl dermassen hefftig ein, daß in wenig Tagen von beyden Theilen 10. Personen sturben. Endlich kam die Reihe auch an meine liebe Schwester, welche ich mit bittern Thränen und Sabinens getreuer Hülffe auf ein Bret band, und selbige den wilden Fluthen zum Begräbniß übergab. Es folgten ihr kurtz darauf noch 5. andere, die theils vom Hunger, theils von der Kranckheit hingerafft wurden, und da wir übrigen, nehmlich: Ich, Sabina, Schimmer, Larson, Rawkin, [336] Schmerd, Hulst, Farding, und das schändliche Weibs=Bild, die sich Clara nennete, auch nunmehro weder zu beissen noch zu brocken hatten, über dieses von erwehnter Kranckheit hefftig angegriffen waren, erwarteten wir fast täglich die letzte Stunde unseres Lebens; Allein, die sonderbare gnädige Fügung des barmhertzigen Himmels führete uns endlich gegen diesen von aussen wüste scheinenden Felsen, in der That aber unsern werthen Errettern in die Hände, welche keinen Augenblick versäumeten, die allerelendesten Leute von der gantzen Welt, nemlich uns, in beglücktern, ja in den allerglückseeligsten Stand auf Erden zu versetzen. Schmerd Hulst und Farding die 3. redlichen und frommen Leute, musten zwar so wohl als die schandbare Clara, gleich in den ersten Tagen allhier ihren Geist aufgeben, doch wir noch übrigen 5., wurden durch GOttes Barmhertzigkeit und durch die gute Verpflegung dieser frommen Leute erhalten. Wie nachhero ich, meinem liebsten Alberto, der mich auf seinem Rücken in dieses Paradies getragen, und wie diese liebe Sabina ihrem Gemahl Stephano, der ihr eben dergleichen Gütigkeit erwiesen, zu Theile worden, auch was sich weiter mit uns damahls neu angekommenen Gästen zugetragen, wird vielleicht ein andermahl bequemlicher zu erzehlen seyn, wiewohl ich nicht zweiffele, daß es mein liebster Schwieger=Vater geschickter als ich verrichten wird. Voritzo bitte nur mit meinem guten Willen zufrieden zu seyn.

     Also endigte die angenehme Matrone vor dieses mahl ihre Erzehlung, weil es allbereits ziemlich spä=[337]te war. Wir danckten derselben davor mit einem liebreichen Hand=Kusse, und legeten uns hernach sämmtlich zur Ruhe, nahmen aber nächstfolgenden Morgen unsere Lust=Fahrt auf Christians=Raum zu. Hieselbst waren nicht mehr als 10. wohl erbauete Feuer=Stätten, nebst darzu gehörigen Scheuern, Ställen, und ungemein schönen Garten=Wercke anzutreffen, anbey die Haupt=Schleusen des Nord=Flusses, nebst dem Canal, der das Wasser zu beliebiger Zeit in die kleine See zu führen, durch Menschen=Hände ausgegraben war, wohl Betrachtens=würdig. Diese Pflantz=Stadt lag also zwischen den Flüssen ungemein lustig, hatte zwar in ihrem Bezirck keine Weinberge, hergegen so wohl als andere ein vortrefflich wohlbestelltes Feld, Holtzung, Wild und herrlichen Fischfang. Vor die gute Aufsicht, und Besorgung wegen der Brücken und Schleusen, musten ihnen alle andern Einwohner der Insul sonderlich verbunden seyn, auch davor einen gewissen Zoll an Weine, Saltz und andern Dingen, die sie nicht selbst in der Nähe haben konten, entrichten.

     Wir hielten uns allhier nicht lange auf, sondern reiseten, nachdem wir ihnen das gewöhnliche Geschencke gereicht, und die Mittags=Mahlzeit eingenommen hatten, wieder zurück. Abends, zu gewöhnlicher Zeit aber, fing David Rawkin auf Erinnerung des Alt=Vaters denen Versammleten seine Lebens=Geschicht folgender massen zu erzehlen an:

     Ich stamme, sagte er, aus einem der vornehmsten Lords=Geschlechte in Engelland her, und bin [338] dennoch im Jahr 1640. von sehr armen Eltern in einer Bauer=Hütte auf dem Dorffe gebohren worden, weiln das Verbrechen meiner Vor=Eltern, so wohl väterlicher als mütterlicher Seite, ihre Nachkommen nicht allein um alles Vermögen, sondern so gar um ihren sonst ehrlichen Geschlechts=Nahmen gebracht, indem sie denselben aus Noth verläugnen, und sich nachhero schlecht weg Rawkins nennen müssen, um nur in einer frembden Provintz ohne Schimpff ruhig, obschon elend, zu leben. Meine Eltern, ob sie gleich unschuldig an allen Ubelthaten der Ihrigen gewesen, waren doch durch derselben Fall gäntzlich mit niedergeschlagen worden, so, daß sie, einem fürchterlichen Gefängnisse und andern Beschwerlichkeiten zu entgehen, mit ihren besten Sachen die Flucht genommen hatten. Doch, wenn sich das Verhängniß einmahl vorgesetzt hat, unglückseelige Menschen nachdrücklich zu verfolgen, so müssen sich auch auf der allersichersten Strasse ihre Feinde finden lassen. So war es meinen Eltern ergangen, denn da sie allbereit weit genung hinweg, also von ihren Verfolgern sicher zu seyn vermeinen, werden die armen Leute des Nachts von einer Rotte Strassen=Räuber überfallen, und biß aufs blosse Hembde ausgeplündert und fortgejagt, so, daß sie kaum mit anbrechenden Tage eine Mühle antreffen können, in welche sie von der barmhertzigern Müllerin aufgenommen, und mit etlichen alten Kleidern bedeckt werden. Weiln aber der darzu kommende närrische Müller hierüber scheele Augen macht, und sich so wenig durch meiner Eltern gehabtes Unglück, als durch meiner Eltern Schön=[339]heit und Zärtlichkeit zum Mitleiden bewegen lässet, müssen sie, nachdem er doch aus besondern Gnaden ihnen ein halbes Brod und 2. Käse gegeben, ihren Stab weiter setzen, werden aber von einer Vieh=Magd, die ihnen die barmhertzige Müllerin nachgeschickt, in eine kleine Bauer=Wohnung des nächst=gelegenen Dorffs geführet, anbey wird ihnen eine halbe Guinee an Gelde überreicht, und der Bauers=Frau befohlen, diese Gäste auf der Müllerin Unkosten bestens zu bewirthen.

     Also haben meine arme Eltern allhier Zeit genung gehabt, ihr Unglück zu bejammern, anbey aber dennoch die besondere Vorsorge GOttes und die Gütigkeit der Müllerin zu preisen, welche fromme Frau meine Mutter wenigstens wöchentlich ein paar mahl besucht, und unter der Hand wider ihres Mannes Wissen reichlich versorget, weiln sie als eine betagte Frau, die weder Kinder noch andere Erben, als ihren unvernünfftigen Mann, dem sie alles zugebracht hatte, sich ein Vergnügen machte, armen Leuten von ihrem Uberflusse gutes zu thun.

     In der dritten Woche ihres dasigen Aufenthalts kömmt meine Mutter mit mir ins Wochen=Bette, die Müllerin nebst andern Bauers=Leuten werden zu meinen Tauff=Zeugen erwehlet, welche erstere die gantze Ausrichtung aus ihren Beutel bezahlet, und meiner Mutter aufs äuserste verbietet, ihr grosses Armuth niemanden kund zu geben, sondern jederman zu bereden, ihr Mann, als mein Vater, sey ein von einem unruhigen Bischoffe vertriebener Schulmeister.

 
 
 
 
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