BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Magdalena von Dobeneck

1808 - 1891

 

Briefe und Tagebuchblätter

aus Frankreich, Irland und Italien

 

1843

 

______________________________________________________________________________

 

 

 

 

 

 

Guten Morgen! Freundlichen guten Morgen, liebster Vater! Diese Skizzen meines Tagebuchs für Dich! Wenn es so fort geht, werde ich mit den Kindern zum Kind, und das aus Uebermaaß von Liebe. Meinem Herzen am nächsten ist meine kleine, goldblonde Miß Emily, mit ihren großen, dunkelblauen Augen, aus denen ein Schalk blickt, der mir zu schaffen machen wird. Neulich fiel mir ein, einen Folianten über Kindererziehung durchzulesen, und bald legte ich das Buch wieder bei Seite. Regeln! Regeln! Die Welt ist eingeschnürt in Regeln und mit Schönheits­pflästerchen der Moral überkleistert, und bleibt doch – eine Lüge. In der Brust des Menschen ist ein ewiges Gesetz, das wahrlich besser als alle Gelehrte der Welt docirt. Ein zartes Bäumchen ist das Kind; der Gärtner bindet und richtet es, beschneidet und beschützt es; das hilft, wenn auch der Thau des Himmels sich herabläßt und der Früh- und Spatregen und die liebe Sonne mit ihrem Feuer- und Lebensstrahl das Mark des Bäumchens zu durchdringen vermag. – Meine Emily hat schlanke, geschmeidige Fingerchen zum Clavierspiel und liebt auch die Musik. Ihre Mutter, eine liebliche Dame, spielt meisterhaft die Harfe, und da sieht und hört man ihr gerne zu. Fast täglich begleite ich sie zur Harfe auf dem Flügel; sie ist auch sehr gütig gegen mich, so wie Mylady, ihre Schwiegermutter. Jeden Morgen fahren wir in die Tuilerien. Ich bilde mir ein, daß unter allen Kindern die dort sich herum tummeln, Emily die schönste Erscheinung ist. Das Springen über die Schnur  versteht  sie  trefflich  und  den  kleinen  Reif  regiert  sie  mit  ihrem Stäbchen so gravitätisch, als wär' es

 

ein Scepter. Bald wird sie ein kleines Pferd (Pony) besteigen und dies mag, ein hübsches Bildchen werden. – Gemälde in Natura gefallen mir, aber auch die im Luxemburg besah ich mir kürzlich. Da giebt es große, meist historische Gemälde – Judith, Cleopatra etc. – Die Farben glänzen prächtig, und mit Sturm sollen die Sinne erobert werden, doch erinnere ich mich keines Bildes, das mich so recht gefesselt hätte; sie schienen mir großentheils der modernen, effectsüchtigen Schule anzugehören; ob ich Recht habe, weiß ich nicht. Im Louvre sollen größere Schätze der bildenden Kunst aufgespeichert seyn, und sie zu sehen spare ich auf spätere Zeiten. – Oft kommt es mir in den Sinn, der Kunst eine Elegie zu dichten. Sie steht vor mir als ein weinendes Kind, mit einer lachenden Maske, oder ich erblicke sie einsam, das schlummernde Haupt gestützt; den Wald durchirrt sie sehnsuchtsvoll, und lauter wird ihre Klage beim Lied der Nachtigall, und an ihr wundes Herz drückt sie die Rose. – – Steinerne Bilder, die man Monumente nennt, giebt es wohl, und bald in Europa so viel als Marksteine auf den Landstraßen. Solche Steine kosten Tausende – zur Ehre der Kunst, wie man sagt, und der todten Künstler, während einem armen Genie der Brodkorb oft so hoch hängt, daß ihm die Augen zum Malen zu dunkel werden.  Einzelnen,  ausgebildeten  Talenten  wird  das  Geld  an  den  Hals  geworfen,  (man zahlt ihre  Namen,  wenn  auch  dem  Meisterprobestück  das den Ruf  begründete,  später  schlechtere  Produk­tionen folgen),  aber  aufkeimende  müssen  oft ohne Pflege, in Frost und Hitze dastehen, ein Wunder, wenn der

 

 


 

Das Springen über die Schnur versteht sie trefflich.

 

Den Reif regiert sie gravitätisch mit dem Stäbchen.