BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Magdalena von Dobeneck

1808 - 1891

 

Briefe und Tagebuchblätter

aus Frankreich, Irland und Italien

 

1843

 

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 lein  mit  strenger  Amtsmiene  verwalte  und  sie  so  oft  belohne,  als  sie  ein  bischen  Folgsamkeit  zeigt.  Das  gestrige  Concert  in  unserem  Salon  spukt  noch  in  ihrem  Köpfchen.  Während  Kalkbrenner  seine  Variationen  über  die  Mazourka  von  Chopin  improvisirte,  saß  ich  neben  einer  Dame,  deren  Liebenswürdigkeit  mich  sehr  anzog.  Die  Stimme  hatte  etwas  so  eindringendes,  seelenvolles,  die  schönen,  braunen  Augen,  milden  und  doch  lebhaften  Ausdrucks,  sahen  freundlich  mich  an.  Nach  beendigter  Soiree  hörte  ich,  daß  es  die  Tochter  des  Generals  B…  gewesen.  Nie  werde  ich  diese  liebliche  Erscheinung  vergessen.   Vor  Kurzem  las  ich  mit  der  Familie  G…  Victor  Hugo's  Trauerspiel:  Lucrece  Borgia.  Die  Sprache  ist  reizend.  Das  Ganze  hat  viel  neue  Ideen  und  zeugt  von  trefflicher  Anlage.  Aber  freilich  fragt  oft  der  nüchterne  Deutsche:  wie?  warum?  Um  das  Natürliche  der  Situation  bekümmert  sich  der  Romantiker  wenig.  Unwillkührlich  wendet  sich  das  Auge  weg  von  diesen  scheußlichen  Bildern  –  man  ist  betrübt,  im  Gewissen  beunruhigt,  daß  man  von  dem  bloßen  Reiz  der  Sprache  sich  hat  bestechen,  zur  Bewunderung  hinreißen  lassen  durch  etwas,  was  ich  nun  keiner  Bewunderung  werth  achte.

Auch  etwas  für  Dich,  liebster  Vater!  Gestern  hatte  ich  eine  seltene  Freude.  Ich  war  nämlich  mit  einer  Dame  bei  der  geistreichen  Frau  von  S…;    ihr  Sohn  las  zufällig  einen  Artikel  vor,  der  Deinen  Ruhm  singt.  Man  wünscht  nun,  näher  mit  mir  bekannt  zu  werden,  und  diese  Aufmerksamkeit  danke  ich  alleine  Dir.

 

Wie man aber hier in dem unablässigen Gewühl und Ineinandergreifen der Bilder und Eindrücke keinen Augenblick bei einem Gedanken stehen bleiben kann, so komme ich denn, Du mußt es mir nicht übel nehmen, von Dir, wunderlich genug, auf den – Mardi gras. Das ist der Tag, an dem halb Paris auf den Beinen und der muthwilligsten Freude überlassen war. Das lieblichste Frühlingswetter begünstigte ihn. Bei einer auf dem Boulevard woh­nenden Bekannten übersah ich das Ganze. Da war Kopf an Kopf, Wagen an Wagen, Reiter an Reiter, überall hübsch gruppirte Masken, die mit aller möglichen Grazie ihre Rollen behaupteten. Das französische Volk ist doch einzig in seiner Harmlosigkeit und ritterlichen Anmuth – man muß ihm gut seyn. Es sind kindische Kinder, die immer in der Entwicklungsperiode stehen bleiben. Um was drehen sich aber die Gedanken? Stille! Ein ungeheurer, prächtig geschmückter Mastochse, auf dem ein als Amor verkleideter Knabe sitzt, wird eben von vierzig Masken zu Pferd durch mehrere Theile der Stadt eskortirt. Die Musik lärmt durch die Luft – dann ein sechsspänniger Wagen, hoch oben ragt ein großer Mann, grauer Filzhut, offene Brust, herausgeschlagener Hemd­kragen, in seiner Hand schwingt er eine große Tricolor­fahne, zu seinen Füßen ruht Herkules mit der Keule, rings um ihn her alle Nationen in reicher Tracht, zuletzt ein Mi­nister, mit Orden behangen, traulich neben ihm Harlequin und Columbine. Dann eine Cavalcade, aus Masken zu Pferde, zu Wagen, zu Fuß, tummeln sich einher. Ich sah herab auf eine bunte, sich  langsam  dahin  wälzende Decke:  dazu  lachte, pfiff, sang  und schrie Alles. Da lachte

 

 


 

Konfettischlacht auf den Boulevards

 

Mardi gras