B  I  B  L  I  O  T  H  E  C  A    A  U  G  U  S  T  A  N  A
           
  Wilhelm Waiblinger
1804 -1830
     
   


D i e   B r i t e n   i n   R o m

N o v e l l e
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Text:
Wilhelm Waiblinger,
Mein flüchtiges Glück. Eine Auswahl
Hrsg.: W. Hartwig, Berlin/DDR 1974


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     So kam der verhängnisvolle Abend der Girandola heran, und wir sind in Verlegenheit, wohin wir uns wenden sollen, da es uns nicht möglich ist, so viele gleichzeitige und gleich wichtige Begebenheiten auf einmal zu schildern. Wo heben wir an? Bleiben wir bei Sir Thomas oder folgen wir dem verzweifelten Henry oder jammern wir mit dem gefangenen Oheim oder suchen wir den eingeschlossenen Säulenheiligen auf oder begleiten wir den Lord, die Lady und die Miß an den Tiber oder laufen wir mit Ironius bei Prälaten, Kanonici und Kardinälen umher oder wenden wir uns zu Camilla?
     Geduld, lieber Leser, du kannst so viele Ereignisse nicht einmal zugleich überdenken, geschweige, daß wir sie beschreiben könnten. Wir können der Laune nicht widerstehen und machen uns zuerst zum Irländer.
     Es ist ein Uhr in der Nacht! Schon hatte sich der alte Herr den Schlaf aus den Augen gerieben und leerte eine halbe Dose Tabak aus, um sich die Zeit zu vertreiben. Den Rock hatte er noch nicht angezogen und war noch ganz im Schlummerkostüme. Eine Flasche des trefflichsten spanischen Weines stand auf dem Tische, und auch für Konfekt hatte der irische Anakreon gesorgt.
     Jetzt klopft' es an die Türe — nein! das hätten wir nicht vermutet, das macht uns erstaunen, die Schöne tritt herein. Also sie wollte ihn wirklich nicht zum besten haben? Wirklich, wir hätten's erwartet! Doch die Weiber sind unerforschliche Geschöpfe, das haben wir so oft diesseits und jenseits der Alpen erfahren und finden es abermals bestätigt.
     „Ah, du kommst!“ rief Sir Thomas, ihr entgegentrippelnd, „das ist schön, ganz schön, außerordentlich schön!“
     „Es ist alles fort“, versetzte Rosette, „guten Abend, Signor Tommaso! Ihr wollt also die Girandola nicht sehen?“
     „Kann ich denn?“ schmunzelte der Alte, „kann ich denn, du Schelm? Setze dich nieder, hier ist Wein, der dir schmecken wird. Aber wollen wir nicht die Türe riegeln?“
     „Ja, Ihr könnt es tun“, lispelte die Trasteverinerin. „Aber mir ist heiß, und Euch scheint's auch so zu sein. Ich will mein Halstuch ablegen.“
     Damit nahm sie's vom Busen und warf es auf das Sofa. Man setzte sich an den Tisch und trank ein Glas Spanier. Die Schöne verstand den Becher wohl zu führen, wie denn überhaupt die Römerinnen, wenngleich gegen den Tabak, ja, gegen den Blumengeruch die empfindlichsten Wesen, dennoch für den Feuerwein ihrer schönen Heimat, für den erschrecklichen Geruch am Pantheon, für die Düfte der Pizzicaruole und den Unrat auf der Spanischen Treppe wie für so manche andere Dinge ausnehmend stark organisiert sind.
     So saß man vertraulich zusammen, und die Trasteverinerin schwatzte wie ein Papagei, so daß Sir Thomas nur immer yes, yes, si, si zu antworten hatte. Der gute Alte glaubte trotz dem Knien, Bekreuzen, Fußküssen und Beten heute früh in Mahomeds Paradiese zu sein und schlürfte einen Becher Granadino nach dem andern hinab.
     Indem vernahm man außen Gepolter. „Jesus Maria, wer kommt?“ rief das Mädchen aufspringend, „ich bin verloren, wenn sie mich hier treffen!“ Sir Thomas starrte sie an und wußte nicht, was er sagen sollte. Das Geräusch nahm zu, man vernahm Stimmen, und endlich pochte man gar an die Türe.
     „Hilf Gott“, schrie Rosette, „ich bin des Todes.“ — Sir Thomas kratzte sich hinter den Ohren. „Schafft mich fort“, schluchzte die Schöne, „sie klopfen, sie poltern — sie wollen herein!“
     Der Irländer begriff nicht, wie das alles zuging. Er rief: „Wer da?“, und man befahl zu öffnen. Thomas fiel in Todesangst, die Knie wankten ihm, er lief auf die Türe zu, schloß auf, und — o Entsetzen! ein paar schreckliche Karabiniere, ein Kapuziner und der junge Bursche von gestern abend wurden sichtbar.
     Sir Thomas stockte die Sprache, er sah die Schöne nicht mehr, die Sinne schwanden ihm, er meinte, er fliege mitsamt der krachenden Girandola auf Raketen in die Lüfte.
     „So trifft man Euch beisammen?“ begann jetzt der Trasteveriner. — „Das ist polizeiwidrig!“ riefen die Karabiniere. „Das ist Sünde!“ brummte der Kapuziner, und man bedeutete dem armen Irländer, daß er sogleich folgen solle!
     Da brach er in ein lautes Wehklagen aus, er bat, er beschwor, aber die furchtbaren Personen blieben unerbittlich. Endlich nahm ihn der Kapuziner beim Arm und sagte: „Wißt Ihr, Herr, was römisches Gesetz ist? Wo ein Mann mit einem Mädchen allein, bei verschlossener Türe, unter so verdächtigen Umständen, ohne Rock, sie ohne Halstuch, getroffen wird, soll er gerichtlich gezwungen werden, das Mädchen zu heiraten, oder auf die Galeere wandern.“
     Sir Thomas geriet in Entsetzen und ließ sich auf einen Sitz nieder. „Ich heiraten?“ rief er, „ich auf die Galeere? Was hab ich denn verbrochen? Nichts, liebe Herren, nichts! ein Glas Wein mit dieser Person getrunken!“
     „Du boshafter Schalk!“ Das Mädchen vermochte kaum das Lachen zu halten und kehrte sich auf die Seite.
     Sir Thomas lamentierte unaufhörlich, da versetzte der Kapuziner: „Nur ein Ausweg ist vorhanden, wenn Ihr das Mädchen nicht heiraten wollt, so müßt Ihr sie wenigstens zufriedenstellen.“
     „O das will ich, das will ich“, schrie der Irländer, sich aufraffend.
     „Ihr müßt ihr soviel Aussteuer geben, als sie billigerweise verlangen kann.“
     „Und wieviel wäre das?“
     „Fünfhundert Skudi!“
     „Fünfhundert Skudi — ist's möglich? — Das kann ich nicht — das ist zuviel.“
     „So folgt uns auf der Stelle, die Gensdarmen sind bevollmächtigt, Euch zu arretieren; so müßt Ihr sie heiraten oder auf die Galeere!“
     „Fünfhundert Skudi, sagt Ihr? — Zuviel — heiliger Petrus, zuviel!“
     „Eine Stunde Bedenkzeit, habt Ihr Euch nicht entschlossen, so folgt Ihr den Karabinieris.“
     Damit ging man fort, das Mädchen flog hinaus, und Sir Thomas befand sich allein. Was konnte er tun? Außen hörte er die Sporen und Musketen der Gensdarmen klirren, er entschloß sich — oder vielmehr die Verzweiflung rang ihm den Schrei ab: „Kommt herein!“
     Im Augenblick erschien man wieder. „Ihr sollt sie haben! Fünfhundert Skudi! Guter Himmel!“ rief der Irländer.
     Der Trasteveriner versetzte: „Sogleich versprecht Ihr es schriftlich.“ Der Irländer wankte an den Schreibtisch, ließ sich italienisch diktieren. Man nahm das Papier und wünschte gute Nacht. Sir Thomas blieb wie erstarrt sitzen, es kam ihm alles wie ein Traum vor, und wir lassen ihn in seiner Lethargie, um zu erfahren, wie es den übrigen ergangen, welche an diesem Abend die Entscheidung ihres Schicksals erwarten.
     Henry war schon nach Ave Maria unsichtbar geworden, und der Lord fuhr mit Frau und Tochter gegen die Brücke St. Angelo. Der Himmel war dem Feste nicht günstig, es hatte den Nachmittag geregnet. Dennoch aber strömte ganz Rom durch alle Straßen der Engelsbrücke und St. Peter zu. Schon flammte die Basilike samt ihren gewaltigen Säulenarmen von tausend Lichtern. Dem Lord gefiel es nicht übel, die Lady sprach immer nur von der Girandola, und die Miß dachte nur an den Säulenheiligen.
     Die Zeit kam heran, da man sich ein Haus und Fenster aussuchen mußte, um das Feuerwerk zu sehen. „Der arme Bruder!“ seufzte die Lady, „er sitzt nun im Kerker und kann dies Vergnügen nicht genießen.“ Man mußte aussteigen, die Miß, eine schneeweiße, wespenschlanke Figur, sollte eben auf die Erde herab, als sie fehltrat und zu Boden stürzte.
     „Gott im Himmel!“ rief die Mutter aus, „was ist dir, Kind?“ Der Lord erschrak gleichfalls; der Miß entfuhr ein Schrei, der alles Volk herbeilockte.
     Aber noch einmal müssen wir ausrufen: wie abenteuerlich spielt doch die Vorsehung unsern Engländern mit! In diesem Augenblick, da die arme Rebekka mit über und über beschmutztem Kleide aus dem Schlamm aufgehoben wird, ruft jemand: „Rebekka, Rebekka!“
     Lord und Lady stutzen. — Himmel, es ist der Bräutigam! —Wer hätte das gedacht, wer hätte geahnet, daß man sich so treffen würde! Das zarte Kind geriet in Konvulsionen. „Nach Hause! nach Hause!“ rief sie, „ich kann nicht mehr, das ist mein Ende — ich schäme mich zu Tode!“
     Sie wurde in den Wagen gehoben. „Inglesi, Inglesi, Beefsteak!“ erscholl es im Volk umher, und einige vom Pöbel waren unartig genug, in komischen Ausrufungen die Sprache der Briten nachzuahmen. Der gefundene Bräutigam war entsetzt über Rebekkas Zustand. — Sie lag im Wagen, sich das Gesicht verhüllend, sie antwortete seinen bekümmerten Fragen nicht, Vater und Mutter trösteten, man eilte nach Hause.
     O du bitteres Verhängnis! Wie lenkst du zuweilen uns Sterbliche so wundersam! Diese beiden sensiblen Seelen, die sich auf der Säule der Vorwelt frei in den Lüften, wo noch kein Rendezvous gegeben worden, wiederfinden wollten, mußten sich nun so treffen! das heißt, so tief wie der Mensch nur fallen kann, ebenso wie Henry, der in Liebeswut auf dem Monte Pincio lag, auf der platten Erde. Welch ein trauriges Bild des Schmutzes, den die Wirklichkeit unsern schönsten Phantasien anhängt, mußte Rebekkas weißes Gewand abgeben!
     „Aber“, fragte der Bräutigam, „aber warum, holde Rebekka, warum erschienen Sie mir nicht auf der Trajanssäule? — Ich wartete zehn schreckliche Stunden.“
     „Und Sie spotten meiner noch?“ schluchzte die Miß. „Nein, das ist zuviel! Sie haben alle Achtung gegen mich verloren! Hab ich nicht drei Stunden auf Sie gewartet und Sie kamen nicht?“
     „Wo haben Sie gewartet? Es ist nicht möglich!“
     „Auf der Säule des Trajan. — Nein, das hätt ich nie von Ihnen geglaubt, Sie haben mich unverzeihlich gekränkt!“
     „Aber was ist denn das?“ fragte der Lord, von dem allen nichts begreifend.
     „Miß Rebekka hat mir geschrieben, daß der Ort unserer ersten Begrüßung die Säule des Trajan sein solle. Ich beeilte meine Reise, ich flog von Florenz nach Rom, komme gestern spät in der Nacht an, ich erwarte kaum den Tag, ich eile den Corso hinab, erreiche den Platz Colonna. Das ist die Säule, wo mir Rebekka erscheinen wird! ruf ich voll Entzücken aus, ich stürze hinauf —“
     „O mein Gott!“ rief die Miß, „ist es wahr, Sie hätten sich verirrt?“
     „Ich wartete auf der Trajanssäule —“
     „Nein“, rief die Mutter, „Sie sind irre, das ist eine andere.“
     „Das ist die des Antonin“, fiel Rebekka ein, „ich war auf der Colonna des Trajan.“
     So klärte sich denn das Mißverständnis auf, ehe man nach Hause kam. Man erreichte den Spanischen Platz, man stieg aus, die Miß eilte in ihr Zimmer und schlug die Hände über dem Haupte zusammen, als sie ihr kostbares Kleid so besudelt sah und dabei an ihr Zusammentreffen mit dem Bräutigam in jenem widrigen Moment zu denken genötigt war.
     „Nun, er ist doch da“, meinte der Lord, „wenn wir jetzt nur den Onkel loskriegen!“ Der Bräutigam wurde in Eile von allem benachrichtigt, und während man so mit den Angelegenheiten der Familie beschäftigt war, hörte man die Girandola in die Lüfte krachen.
     Man kann denken, wie untröstlich die Lady sich gebärdete. Noch war die Miß nicht wieder erschienen, als ein Bedienter kam und ein Billett brachte. Unglückliche Eltern, der Brief Henrys!
     Der Lord überlief ihn mit Entsetzen, die Lady riß ihn aus seiner Hand. „Henry“, erscholl's von ihren Lippen. „Gott, das ist unerhört, das ist zuviel!“
     Der Brief entsank ihrer Hand, und sie mußte sich an einen Sitz halten. Der Bräutigam stutzte, begriff nicht und erstaunte, als er's erfuhr. Jetzt kam auch die Miß, umgekleidet, aber der furchtbare Brief versetzte sie fast von neuem in Konvulsionen.
     „Schnell nach Tivoli“, rief die Lady, „nach Tivoli! Lassen Sie einspannen, Mylord! Das hätt ich nicht geglaubt! Himmel, welch ein Abend!“
     „Aber wer soll hinüber?“ fragte der Lord.
     „Sie, Sie — und unverzüglich! Heut abend, geheim mit ihr vermählt — sie meine Schwiegertochter! Sie, die mir das ins Gesicht gesagt!“
     „Aber was wollen wir denn?“ fragte der Vater, „was beschließen wir? Lassen wir's zu?“
     „Ach, es ist ja schon geschehen — es ist nicht mehr zu ändern! Bringen Sie mir meinen Sohn zurück!“
     „Aber der Onkel, Mylady, wer hilft dem Onkel, wenn ich gehe?“
     „Nun, so fahr ich nach Tivoli, und Sie begleiten mich!“ sagte sie zu Rebekkas Bräutigam.
     Es wurde befohlen, augenblicklich einzuspannen, man machte sich reisefertig. Der Bräutigam hatte sich noch nicht von dem Schrecken des ersten Zusammentreffens mit der Miß erholt, er hatte noch kein Wort der Liebe von ihren Lippen gehört, und schon mußte er abermals von ihrer Seite. In einigen Minuten fuhr der Wagen vor, die Lady ging, der Bräutigam nahm den gerührtesten Abschied von Rebekka und klagte über die Grausamkeit des Schicksals; man schied, man stieg ein und rollte fort.
     So befand sich denn der Lord allein mit der Tochter. Sein Kopf konnte die Verwirrung nicht fassen, welche so schnell über seine Familie gekommen; Rebekka weinte bitterlich, daß sie den Bräutigam so schrecklich verfehlt, auf so prosaische Weise finden und so schnell wieder entbehren mußte; ihr eigener Kummer lag ihr daher viel zu sehr am Herzen, um Henrys gewaltsame Tat zu bejammern. Gegen vier Uhr in der Nacht kam noch Ironius und verkündete, daß der Kapitän für diese Nacht schon sitzen müsse, daß er aber morgen auf freien Fuß gesetzt werden solle. „Jedoch unter zweihundert Zecchinen läßt sich's unmöglich durchsetzen“, fügte er hinzu, und der unglückliche Familienvater mußte an die Geldschatulle treten.

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