BIBLIOTHECA AUGUSTANA

 

Daniel Stoppe

1697 - 1747

 

Briefe an Gottsched

 

Auswahl

 

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Brief an Gottsched vom 16. Dezember 1729

UB Leipzig, 0342 I, Bl. 163

 

 

Wohl-Edler und Wohlgelahrter/

Insonders Hochzuehrender Herr Magister.

 

Dero Angenehmes habe zwar mit Vergnügen erbrochen, bin aber im Durchlesen wieder mein Verschulden in einen Stand gesetzt worden, daß ich mich vor Ihnen schämen muß. Gott verzeihe es dem närrischen Weinmann 1) von Erffurt, der zu Vollmachung des Titul-Bogens, mir wahrhafftig unwissende, die Thorheit begangen und eines von Dero angenehmen und wohlgebildeten Kindern unter meine häßlichen und unreiffen Mißgeburten gemenget hat. Es ist zwar eine Ehre vor mich und vor meine unvollkommne Arbeit was nettes und ausbündig-schönes in meiner armseeligen Sammlung auffweisen zu können; weil ich aber mich nicht mit Rechte damit groß machen kan, so erwarte mit völliger Gelassenheit die fata der Krähe des Aesopi. 2) Sie sind zu beklagen wegen der Ihnen entstehenden Schande laut dem alten Sprüchwort: Noscitur ex socio; 3) doch was sage ich? Auch ein Anfänger in der Poesie wird vermögend seÿn diese Ihnen entwendete Probe von meinen gläsernen Corallen zu unterscheiden, weswegen ich auch hoffe von Ihnen die gewünschte Verzeihung dieses auff meine Rechnung geschehenen Fehlers zu erhalten. Die Ubersetzung der Fabeln 4) habe müssen wieder Willen den Sommer über aussetzen, weil ich Gelegenheit hatte die Italienische Sprache zu erlernen, mit der ich auch ziemlich zu Stande bin. Indessen habe doch beyläuffig das erste Buch von Fabeln zu Ende gebracht bis auff die 12te weil mit dem Titul derselben nicht überein zu kommen. Denn Le[s] deux Lezards weiß nicht anders zu geben als 2. Eÿdexen. Nun ist aber Eydexe ein Wort, welches in kein Genus zu bringen ist, ohne der Prosodie Gewalt zu thun. Deswegen bitte mir in dem Stück Dero guten Rath mitzutheilen. Das Verlangen den Bücher-Vorrath der Werthen Gesellschafft durch zwey einfältige Sammlungen zu vermehren 5) sehe vor eine Schmeicheley an. Sollte ich künfftig werden, was vollkommnes zu schreiben, worauff ich mir vielleichte vergebens Rechnung mache: so wird es alsdenn eine Ehre vor mich seyn meinen Nahmen in dem Verzeichniße von Dero gemeinschafftlichen Bibliotheck zu wissen. Den gewöhnlichen Beytrag 6) wird Uberbringer dieses vor mich entrichten, der ich mit aller Ergebenheit mir die Freyheit nehme mich zu nennen

 

Meines Wohl-Edlen u: Wohlgelahrten Hrn. Magisters/ ergebensten Diener/ Daniel Stoppe

 

Hirschberg d: 16. Xbris 1729.

 

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1) Der Verleger Weinmann hatte in Stoppes Zweyter Sammlung von ... Teutschen Gedichten von 1929 ein Gedicht Gottscheds vorangestellt, ohne Gottsched nament­lich zu nennen. 

2) Die Krähe schmückte sich mit fremden Federn, um von Zeus zur Königin der Vögel gewählt zu werden. Doch vergeblich: die andern Vögel rissen ihr die Federn wieder aus. 

3) Noscitur ex socio, qui non cognoscitur ex se. (An seinem Gefährten wird erkannt, wer nicht aus sich selbst erkannt wird.) 

4) Stoppe bezieht sich auf seine Übersetzung der Fabeln De la Mottes, die 1730 in der Schriftenreihe der «Deutsche Gesellschaft» veröffentlicht wurde. 

5) Stoppes Erste und Zweyter Sammlung von ... Teutschen Gedichten waren in die Bibliothek der «Deutsche Gesellschaft» aufgenommen worden. 

6) Stoppes Mitgliedsbeitrag für die «Deutsche Gesellschaft».